Wie viel Religion verträgt die Schule?

Das Kreuz im Klassenzimmer, das Kopftuch der Lehrerin und jetzt das "Burkini-Urteil": Streitfälle zu Religion und Schule landen inzwischen regelmäßig vor Gericht. Wir haben mit der Religionswissenschaftlerin Eva-Maria Kenngott über Schulpflicht und Religionsfreiheit gesprochen.

Je mehr Religionen und Weltanschauungen im Klassenzimmer aufeinandertreffen, desto schwieriger ist ein Schulalltag, bei dem sich niemand benachteiligt fühlt. Vergangene Woche beschäftigte sich das Bundesverwaltungsgericht gleich mit zwei Fällen zu diesem Thema. "Eine Gestaltung des Unterrichts, die jeder Glaubensvorstellung Rechnung trägt, ist nicht praktikabel" - hieß es im sogenannten "Burkini-Urteil". Das Gericht entschied darin über die Klage einer 13-jährigen muslimischen Schülerin, die aus Glaubensgründen nicht am gemischten Schwimmunterricht teilnehmen wollte. Die Richter lehnten eine Befreiung vom Unterricht ab. Die Schülerin könne mit einem Burkini, einem islamkonformen Ganzkörper-Badeanzug, ihren Glaubensvorschriften nachkommen.

Auch die Klage eines Elternpaares, das den Zeugen Jehovas angehört, lehnten die Richter ab. Die Eltern wollten ihren Sohn vom Besuch des Kinofilms "Krabat" mit der Schulklasse befreien. In dem Film ginge es um schwarze Magie, die mit ihrem Glauben nicht vereinbar sei. Eva-Maria Kenngott findet beide Urteile richtig. Sie arbeitet am Institut für Religionswissenschaft und Religionspädagogik an der Universität Bremen. Mit BRIGITTE.de sprach sie darüber, weshalb Religion ein fester Bestandteil des Schulalltages bleiben muss und warum das Fach "Lebensgestaltung, Ethik, Religion" eine Lösung für alle sein könnte.

BRIGITTE.de: Das Bundesverwaltungsgericht musste in den aktuellen Fällen zwischen dem Bildungs- und Integrationsauftrag des Staates und dem Grundrecht auf Religionsfreiheit entscheiden. Was halten Sie vom "Burkini-Urteil"?

Prof. Dr. Eva-Maria Kenngott: Ich sympathisiere stark mit dem Urteil. Die Schule ist ein Raum, in dem alle zusammen Bildung erfahren. Gleichzeitig sollte die Schule anerkennen, dass es verschiedene religiöse Bekenntnisse gibt. Wir sollten nicht sagen: "Wir machen jetzt Schule wie eh und je - jeder muss mit zum Schwimmunterricht!" Wir müssen, wenn möglich, eine Lösung finden zwischen den Ansprüchen der Religionsgemeinschaften und den Ansprüchen allgemeiner Bildung. Für mich ist der Burkini solch ein Kompromiss. Wir sagen den muslimischen Schülerinnen damit: "Bitte nehmt am Schwimmunterricht teil." Wir haben eine allgemeine Schulpflicht und gehen davon aus, dass der Schulunterricht für alle da ist und alle die gleiche Bildung erhalten sollen. Aber wir möchten es so lösen, dass Schülerinnen mit bestimmten religiösen Positionen eine angemessene Form haben, am Schwimmunterricht teilnehmen zu können.

Ging es in diesen Prozessen um Einzelfälle, oder sind solche Entscheidungen bedeutend für den ganzen Schulbetrieb?

Die Frage nach dem Schwimmunterricht ist schon fast ein Klassiker. Es geht zwar um das konkrete Beispiel, doch eigentlich lautet die Frage hinter solchen Fällen immer: Wie verhält sich die Schule überhaupt zur Religion? Wie geht man mit Schülern um, die ein religiöses Bekenntnis haben und daher an bestimmten schulischen Veranstaltungen nicht teilnehmen möchten? Insofern sind Urteile in dieser Richtung extrem wichtig für den gesamten Schulbetrieb.

Wäre es nicht am einfachsten, die Religion komplett aus der Schule zu verbannen und zurück ins Private zu verlegen? In den USA funktioniert das schließlich auch.

Religion ist nie ganz privat. Es ist ja nicht so, dass die Schüler wie Computer in der Schule auftauchen, komplett unberührt von dem, was sie denken und erleben. Sie bringen ihre eigene Identität mit in den Schulalltag - und diese Identität ist mitunter auch von Religion geprägt. Hier kommt als weiterer Aspekt der Bildungsauftrag der Schule ins Spiel. Die Schüler sollen lernen, sich auch mit ihrer Herkunftsreligion auseinanderzusetzen. Ich finde es wichtig, dass man sich als junger Mensch in Bezug auf seine religiöse Sozialisation einmal als Beobachter hinstellt und sich fragt: Was ist das für eine Religion, der ich angehöre? Es muss einen Ort geben, wo ich darüber in Diskurs treten kann. Die Schule ist so ein Ort. Sie ist auch dazu da, Dinge in einen anderen Kontext zu stellen. Wir machen uns etwas vor, wenn wir denken, dass man Religion aus der Schule heraushalten kann oder sollte.

Es gibt viele junge Menschen, die nicht gläubig sind und sich auch nicht für Religion interessieren. Warum sollten sie sich mit diesem Thema auseinandersetzen?

Die Schüler können durchaus für sich sagen: Mich interessiert Religion nicht, sie ist für mein Leben nicht relevant. Doch wir müssen Wege finden, wie religiöse und nicht religiöse Menschen verschiedener Glaubensrichtungen zusammenleben können. Außerdem werden in den verschiedenen Religionen zentrale Themen und Fragen des menschlichen Lebens behandelt.

Die einfache Trennung in Religionsunterricht für die einen und Ethik für die anderen wird den vielen verschiedenen Glaubensrichtungen in Deutschland nicht mehr gerecht. Seit 1996 wird in Brandenburg das religionsübergreifende Fach "Lebensgestaltung, Ethik, Religion" unterrichtet. Sie haben zu diesem Thema umfangreich geforscht. Könnte LER die Lösung des Problems sein?

Das würde ich mir natürlich wünschen. Anders als in den anderen Bundesländern ist LER das Fach für alle. Alle Schüler von der fünften bis zur zehnten Klasse gehen zunächst zu LER. Wenn jemand lieber Religionsunterricht wählen möchte, kann er das aber tun. Allerdings kommt LER bei den Schülern sehr gut an, wir haben seit Jahren nur etwa fünf Prozent Abmeldungen. Das Charmante an LER ist, dass wir zentrale Lebensfragen gebündelt behandeln. Es gibt sowohl philosophische als auch religionswissenschaftlich orientierte Fragestellungen. Die Schüler setzen sich übergreifend mit den verschiedenen Weltreligionen auseinander und lernen zu verstehen, wie religiöse Menschen die Welt sehen und ihr Leben verstehen.

Warum wird das Fach bisher nur in Brandenburg unterrichtet?

Man müsste zunächst überlegen, ob LER für die verschiedenen Unterrichtsformen in allen Bundesländern auch geeignet ist. In LER wird vom Staat über Religion informiert und es werden verschiedene Sichtweisen dargestellt. Die Kirchen und andere Religionsgemeinschaften wollen jedoch ungern auf den Religionsunterricht aus ihrer Perspektive verzichten. Deshalb war das Fach in Brandenburg anfangs so umstritten. Wir sollten uns fragen: Ist es uns wert, dass sich zugunsten eines gemeinsamen Faches auch säkulare Schüler mit Religion beschäftigen? Meine Antwort lautet: Ja, das sollte es uns wert sein.

Prof. Dr. Eva-Maria Kenngott vertritt den Lehrstuhl für Religionspädagogik an der Universität Bremen. Sie forscht vor allem zu den Themen religiöse Bildung, Grundfragen der Moralpädagogik sowie interkulturelle Pädagogik.

Interview: Teresa Pfützner
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