"Dorf der Freude": Wie Catherine Hamlin Frauen in Äthiopien ihre Würde zurückgibt

Für viele Frauen ist sie die letzte Hoffnung: Seit 1974 behandelt Catherine Hamlin in Äthiopien kostenlos Patientinnen, die an Scheidenfisteln leiden und darum von der Gesellschaft ausgestoßen wurden. Nun wurde die Gynäkologin für ihre Arbeit mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

In westlichen Ländern sind sie aufgrund des hohen medizinischen Standards kaum noch bekannt, doch für rund zwei Millionen Frauen weltweit ein ernsthaftes Problem: Scheidenfisteln, die bei schweren Geburten entstehen und zu Schmerzen, Inkontinenz und dadurch schließlich zu gesellschaftlicher Ausgrenzung führen können. In Äthiopien finden die betroffenen Frauen seit 1974 Hilfe im "Addis Ababa Fistula Hospital", wo sie kostenlos behandelt werden. Gründerin der Klinik ist die australische Gynäkologin Catherine Hamlin, die nun für ihr einzigartiges Projekt mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde. BRIGITTE-Autorin Angelika Gardiner hat die heute 85-Jährige vor einiger Zeit in Äthiopien besucht.

Jeferes dunkle Augen flehen um Hilfe. Dreißig lange Tage war sie zu Fuß unterwegs, erzählt die 21-Jährige. Sie hat im Freien geschlafen und auf Märkten um Essen gebettelt, bis sie hierher gefunden hat. Plötzlich verstummt Jefere mitten im Satz. Verlegen starrt sie auf ihre Füße und versucht unauffällig ein paar Falten ihres schmutzigweißen Gewands zwischen ihre Beine zu stopfen. Neben ihren ausgelatschten rosa Plastiksandalen hat sich eine kleine Pfütze gebildet. Und die riecht auch noch. Die Ärztin im weißen Kittel, die Jefere freundlich zugehört hat, legt der schüchternen jungen Äthiopierin einen Arm um die Schulter und lächelt sie so aufmunternd an, als habe sie überhaupt nichts bemerkt. Dr. Catherine Hamlin weiß ohnehin, was los ist. Jefere ist eine von schätzungsweise zwei Millionen Frauen Afrikas, die durch Schwangerschaft und Geburt zu Ausgestoßenen wurden, dazu verdammt, in völliger Isolation ein elendes Leben am Rand ihrer Gesellschaft zu fristen. Die allerwenigsten haben Aussicht auf Rettung - es sei denn, dass sie es wie Jefere bis zum Fistula Hospital in Addis Abeba schaffen.

Das Krankenhaus, dessen Pavillons sich zwischen blühenden Sträuchern am Steilhang oberhalb eines kleinen Flusses verbergen, ist eine weltweit einzigartige Einrichtung. Vor dem Verwaltungsbau treffen jeden Tag verzweifelte junge Frauen ein, in ihren Gesichtern eine Mischung aus Angst und Hoffnung. Allen hat das Leben ähnlich grausam mitgespielt. Nach Tage langen Wehen haben sie ein totes Kind geboren und dabei so schwere innere Verletzungen erlitten, dass sie seither ihre Körperfunktionen nicht mehr kontrollieren können. Weil sie ständig nach Urin und Exkrementen riechen, will niemand mehr mit ihnen etwas zu tun haben.

"In Ländern mit einem modernen Gesundheitssystem gibt es solche schrecklichen Fälle nicht mehr", berichtet Krankenhausgründerin Catherine Hamlin, eine schlanke, hochgewachsene Australierin mit sanften blauen Augen und silberweißem Haar. "Dort werden Mutter und Kind per Kaiserschnitt gerettet. Aber in afrikanischen Dörfern am Rande der Wüste oder in einem abgelegenen Hochgebirgstal haben Frauen bei Geburtskomplikationen niemand, der ihnen helfen kann."

So war es auch bei Jefere. Ihr Heimatdorf liegt zwei Tagesmärsche von der nächsten befestigten Straße entfernt. Wo sie her kommt, bestimmen seit jeher andere, was aus einem Mädchen wird. Also wurde auch Jefere nicht gefragt, wann und wen sie heiraten wollte. Ihr Vater hatte mit der Familie eines Mannes verhandelt, den das Mädchen gar nicht kannte. Plötzlich war Jefere mit ihm verheiratet und dann dauerte es nicht lange, bis sie schwanger wurde. Da war sie 14. Als sich die Geburt ankündigte, musste sie wegen der Vernarbungen durch die Genitalverstümmelung, die Jefere wie fast alle Äthiopierinnen hinter sich hat, aufgeschnitten werden. Das fand sie zwar schmerzhaft, aber noch normal. Doch dann ging alles schrecklich schief.

Die Gynäkologin Catherine Hamlin erklärt, was in einem solchen Fall passiert: "Viele dieser ganz jungen Frauen sind körperlich noch gar nicht so weit entwickelt, dass eine Geburt normal verlaufen kann. Wenn aber die Wehen sehr viel länger als anderthalb Tage dauern, hat das Baby im Mutterleib keine Überlebenschance. Der tote kleine Körper drückt auf die weiblichen Organe, Gewebe wird nicht mehr durchblutet und stirbt ab." Der unschöne deutsche Fachausdruck für das Loch, das dadurch entsteht, lautet Scheidenfistel (englisch: fistula). Die Folge: Urin und Exkremente laufen unaufhörlich die Beine der Frau hinunter.

Noch Wochen und Monate nach der Geburt ihres toten Babys glaubte Jefere fest daran, dass sie wieder gesund würde. "Ich bin einfach in meiner Schlafecke liegen geblieben und habe mich so wenig wie möglich bewegt", erzählt sie. "Ich dachte, dann heilt das." Aber Scheidenfisteln heilen nicht von selbst. Jeferes Ehemann konnte schließlich seine übel riechende junge Frau nicht mehr ertragen und schickte sie zu ihren Eltern zurück. Aber auch die wollten sie nicht mehr in der Nähe haben. Am Dorfrand musste sie sich schließlich in einer leer stehen-den Hütte einrichten. Tagsüber verrichtete sie Feldarbeit, allein und weit entfernt von den anderen Dorfbewohnern. Abends brachte ihr die Mutter Essensreste. Fast sechs Jahre lang kümmerte Jefere so vor sich hin. "Am schlimmsten war die Einsamkeit. Die hat mich fast verrückt gemacht", versichert sie.

Eines Tages kam Jeferes Vater vom Markt zurück, wo er mit anderen Männern über das grausame Schicksal seiner Ältesten gesprochen hatte. Einer hatte von dem Fistula Hospital gehört. Als ihr Vater davon berichtete, stand Jeferes Entschluss sofort fest. Obwohl sie kaum noch laufen konnte, weil die Innenseiten ihrer Schenkel permanent entzündet waren, machte sie sich auf den Weg in die Hauptstadt. Ihre Eltern hatten ihr zwar ein wenig Geld für den Überlandbus gegeben, aber kein Fahrer wollte sie mitnehmen, weil sie so stank. Jefere biss die Zähne zusammen und ging los, bis sie endlich das Krankenhaus am Stadtrand von Addis Abeba fand.

Das "Fistula Hospital" ist die einzige Hoffnung für Frauen mit Scheidenfistel, aber in einem dünn besiedelten Land wie Äthiopien mit seinen rund 80 Sprachen und 200 Dialekten verbreitet sich die gute Nachricht nicht so einfach. Eine Befragung von Patientinnen ergab: Im Schnitt hatte es fünf Jahre gedauert, bis die Frauen überhaupt von der Existenz des Krankenhauses erfuhren. Eine Frau, die erst als 60-Jährige davon gehört hatte, konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen, als sie endlich wieder trocken zwischen den Beinen war. Über vierzig Jahre lang hatte sie nach einer Totgeburt das Elend einer Scheidenfistel ertragen müssen. "So viel vergeudete Zeit, in der ich nicht gewusst habe, dass mir geholfen werden kann", klagte sie ein ums andere Mal.

Manche der Frauen werden am Krankenhaustor einfach von Angehörigen abgeliefert wie ein Postpaket, das niemand mehr haben will. Andere fragen sich mühsam durch oder zeigen Taxifahrern ein kleines Pappschild mit der schlichten Aufschrift "Fistula Hospital". Ohne Adresse, denn die ist in der ganzen Stadt bekannt. "Die meisten Frauen können wir nach drei Wochen als geheilt entlassen", erzählt Catherine Hamlin. "Zum Abschied bekommen sie von uns ein bisschen Fahrgeld und ein neues Kleid als Symbol für das völlig neue Leben, das da draußen auf sie wartet."

Ursprünglich war die australische Ärztin Catherine Hamlin zusammen mit ihrem neuseeländischen Mann Reginald - auch er ein Gynäkologe - nach Äthiopien gekommen, um die Hebammenausbildung im Land zu modernisieren. "Doch dann sahen wir in dem kaiserlichen Krankenhaus, in dem wir angestellt waren, immer wieder Frauen mit fürchterlichen inneren Verletzungen durch eine Geburt. So etwas kannten wir von zu Hause nicht."

Das Mediziner-Ehepaar entwickelte Operationsmethoden, die solchen Frauen wieder auf die Beine helfen. Als immer mehr verzweifelte Frauen an ihre Tür klopften, kamen die Hamlins auf die Idee, ein eigenes Krankenhaus zu gründen. Englische Kirchengemeinden, medizinische Fakultäten und Privatleute in mehreren Commonwealth-Ländern und den USA sammelten Geld für den Bau, die äthiopische Regierung stellte Land zur Verfügung. 1974 wurde das "Fistula Hospital" eröffnet. Seither sind in dem Krankenhaus rund 32.000 Frauen kostenlos operiert worden. Schon zweimal wurde die seit zehn Jahren verwitwete Catherine Hamlin für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, mit dem Alternativen Nobelpreis ist sie nun auch offiziell für ihr eindrucksvolles Lebenswerk geehrt worden.

Die heute 85-jährige Catherine Hamlin wohnt wie die meisten Schwestern und Ärzte in einem der Pavillons auf dem Klinikgelände. Um die Zukunft des Krankenhauses zu sichern, hat die Klinikgründerin in den letzten Jahren ein engagiertes einheimisches Team von Medizinern und Verwaltungsfachleuten herangezogen, das nach und nach die Verantwortung übernimmt. Trotzdem ist die ebenso gütig wie energisch wirkende Frauenärztin noch jeden Tag präsent. "Sie ist die Lichtgestalt, um die sich alles dreht", sagt eine Helferin, während sie zum wiederholten Mal den Steinboden im Krankentrakt wischt. Das ganze Krankenhaus riecht nach Sauberkeit und frischer Seifenlauge. Unterhalb des Hauptgebäudes lagern Patientinnen auf dem Rasen, eingewickelt in bunt gewürfelte Wolldecken, die eine britische Frauengruppe gestrickt hat. Im Schatten tropischer Bäume versucht Lehrerin Melkitu Kend einigen Zuhörerinnen Grundschulkenntnisse zu vermitteln, denn die meisten Patientinnen des "Fistula Hospital" können weder lesen noch schreiben, manche verstehen nicht einmal die Landessprache Amharic. Das macht es auch für die Rechtsanwältinnen schwer, die einmal in der Woche kommen, um über Frauenrechte zu informieren - etwa darüber, dass das gesetzliche Heiratsalter in Äthiopien bei 18 Jahren liegt.

Im einzigen Krankensaal, dessen Fenster die Sicht auf gepflegte Blumenrabatten oberhalb des Flussufers freigeben, liegen sechzig Patientinnen, die Betten kaum einen Meter von einander getrennt. "In Europa wäre das unmöglich, aber diese Frauen sind froh, endlich nicht mehr allein zu sein", weiß die Klinikchefin. Noch etwas anderes wäre bei uns undenkbar: Sobald die frisch Operierten wieder auf den Beinen stehen können, fangen sie an, sich nützlich zu machen. Eine ist in ihrem hellblau geblümten Nachthemd auf die Fensterbank geklettert und putzt die Scheiben. Andere helfen bei der Essensausgabe oder in der Wäscherei, nähen Knöpfe an oder flechten sich gegenseitig kunstvolle Frisuren. "Sie wollen einfach dazu gehören", so Catherine Hamlin. "Sie haben die Gemeinschaft mit anderen zu lange vermisst."

Das gilt auch für die Patientinnen, die nie wieder nach Hause können. Bei ihnen waren die inneren Verletzungen so schwer, dass sie einen künstlichen Darmausgang brauchten und deshalb für den Rest ihres Lebens auf die Nähe moderner medizinischer Einrichtungen angewiesen sind. Für sie ist in den Bergen bei Addis Abeba die Siedlung Desta Mender gegründet worden, ein von Gemüsebeeten und einem kleinen Wäldchen umgebener Ableger des "Fistula Hospital".

In einem der hübschen weißen Rundhäuser lebt Banju, eine aufgeweckte 16-Jährige. Das Mädchen war mit 13 Jahren mit einem orthodoxen Priester verheiratet worden, Schwangerschaft und Geburt haben ihre Gesundheit unwiederbringlich zerstört. Sie hat sieben Operationen hinter sich, wird nie eigene Kinder haben können, hinkt und ist Stomaträgerin. Trotzdem strahlt Banju wie ein glückliches Kind. "Meine Familie ist jetzt hier", sagt sie, und die drei anderen jungen Fraun, mit denen sie ein Schlafzimmer teilt, nicken bestätigend. "Noch nie in meinem Leben ist es mir so gut gegangen." Insofern hat Catherine Hamlin den Namen für die Siedlung wirklich gut gewählt: Desta Mender heißt "Dorf der Freude".

Das Fistula Hospital wird unterstützt von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW). Spenden: Commerzbank Hannover, Konto 38 38 380 (BLZ 250 400 66), Stichwort "Fistula Hospital".

Text: Angelika Gardiner
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