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"Ehrenmord" in Stuttgart: Die Chronik eines angekündigten Mordes


Suzana wurde am Stuttgarter Flughafen von ihrem Ex-Mann erschossen. Der Mord hätte verhindert werden können, wenn Polizei, Ämter und Gerichte ihr geglaubt hätten. BRIGITTE begab sich auf Spurensuche bis in den Kosovo.

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Suzanas Augen gleichen den Augen ihrer Schwester Ajna: groß, fast schwarz, verschreckt. Ajna zeigt Fotos von früher, ihre Hände zittern. Seit Suzanas Tod kann Ajna kaum essen. Die Erinnerungen sind wie Monster, die immer wieder über sie herfallen: Suzana in der Schlange beim Einchecken am Stuttgarter Flughafen, Terminal 3. Plötzlich Avdyl L., ihr Ex-Mann. Wie er Suzana von hinten am Arm packt. Suzanas Gesicht, angstverzerrt. Ihr Schreckensschrei. "Dann schießt er", flüstert Ajna, presst die Handflächen gegen die Stirn. Immer wieder drückt er ab. Auch noch, als Suzana in ihrem Blut auf dem grauen Granitboden liegt. Er spuckt auf die Sterbende, tritt sie. Dann läuft er weg. "Warum hat keiner meiner Schwester geholfen? Warum hat uns die Polizei weggeschickt?", klagt Ajna heiser.

Am 31. März wird Suzana, 25 Jahre alt, ermordet. Sie ist unterwegs nach Pristina, im Koffer hat sie Spielzeug und Schokolade aus Deutschland, Ajna und ihr Mann begleiten sie zum Flughafen. Endlich soll Suzana ihre Töchter wiedersehen, Valentina und Violeta, drei und eineinhalb Jahre alt, die gegen den Willen der Mutter im Kosovo bei der Schwiegermutter leben. Sie fühlt sich fast am Ziel.

Hunderte Reisende sind Zeugen, als Avdyl L. seine geschiedene Frau hinrichtet. Sie hätte vermutlich gerettet werden können. Dass sie nicht gerettet wurde, passt wie der letzte Mosaikstein ins Bild: Suzana befand sich seit Monaten in Lebensgefahr. Viele wussten das, hätten es wissen müssen. Suzana hat immer wieder ausgesagt, dass Avdyl L. sie misshandelt hat, bedroht hat und sogar, dass er eine Pistole unter dem Kopfkissen verwahre. Aber wohin sich Suzana auch wandte - kaum jemand nahm ihre Angst ernst.

Ihre Schwester erinnert sich: Suzana sah Avdyl L. auf dem Flughafengelände, keine halbe Stunde vor ihrem Tod. Sie wandte sich an einen Polizisten. Flehte ihn an, Avdyl L. festzunehmen - wenigstens so lange, bis sie abgeflogen sei. Sie habe Angst, dass er ihr etwas antun könnte. Der Polizist hat abgewinkt, erzählt die Schwester. Suzana solle erst mal einchecken. Dann könne sie immer noch wiederkommen. Zehn Minuten nach der Tat wird Avdyl L. gefasst. Er sagt nichts. Gegen ihn wurde jetzt Anklage wegen Mordes erhoben.

Früher hat er immer wieder dasselbe gesagt, Suzana hat es immer wieder erzählt - ihrer Familie, den Mitarbeiterinnen im Frauenhaus, ihren Anwältinnen, dem Jugendamt, dem Gericht: "Du wirst deine Kinder nie wieder sehen. Ich werde dich überall finden. Und zum Schluss werde ich dich erschießen."

Suzanas Martyrium beginnt Ende 2002. Sie lebt in Elsenfeld, einer trostlosen Siedlung nahe dem fränkischen Fachwerk-Städtchen Obernburg. Die Wohnung teilen sich Suzana, Avdyl L. und später ihre beiden Töchter noch mit einem Bruder ihres Mannes und seiner Mutter. Sie gelten als gute Mieter, weil sie ruhig sind. Was sich hinter der Fassade tatsächlich abspielte, beschrieb Suzana später, nach ihrer Flucht, in einem verzweifelten Brief ans Jugendamt: "Im ersten Jahr hier in Deutschland hat mich mein Mann noch gut behandelt, er ging zum Beispiel mit mir spazieren. Seit drei Jahren, auch während meiner Schwangerschaften, wurde ich von meinem Mann regelmäßig, fast jeden Tag, massiv geschlagen, mit den Fäusten ins Gesicht geboxt, ebenso mit den Füßen getreten, an den Haaren gezogen. Er beschimpfte mich und drohte, mich umzubringen."

Suzana erleidet zwei Fehlgeburten - sie sagt, nach schweren Misshandlungen durch ihren Mann. Und sie bekommt zwei Töchter. "Eine liebenswürdige Frau - aber sie ist ja fast nie vor die Tür gegangen", erinnert sich die Nachbarin gegenüber.

Während Suzanas Mann als Türsteher in einer Diskothek in Aschaffenburg arbeitet, führt ihre Schwiegermutter zu Hause das Regiment. Wenn Avdyl L. seine Frau prügelt, weil sie etwa versucht hat, Deutsch zu lernen, oder eine Kaffeetasse stehen ließ, verlässt seine Mutter mit den Kindern die Wohnung. Vier Jahre lang geht das so.

Im April 2006 macht Ajna, Suzanas Schwester, die mit ihrer Familie auch in Deutschland lebt, einen überraschenden Besuch in Elsenfeld. Sie sieht Suzanas blutunterlaufenes Auge. Ist entsetzt. Ruft ihren Vater im Kosovo an. Der wendet sich an Avdyls L. Vater und bittet ihn dringend, auf seinen Sohn einzuwirken.

Für Suzana wird jetzt alles noch schlimmer. Avdyl L. sperrt sie nachts ein, misshandelt sie, vergewaltigt sie. Als, zwei Monate vor dem Mord, das Gericht gegen ihn wegen Körperverletzung und Vergewaltigung ermittelt, wird Suzana nicht geglaubt. Begründung der Gutachterin: Da Suzana stark traumatisiert sei, ist sie nicht zeugenfähig (siehe Interview). Gleichzeitig war aber bekannt, dass Avdyl L.nach mehreren Anzeigen von anderen schon zweimal wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden ist.

Die Flucht gelingt Suzana, als Avdyl L. einmal vergisst abzuschließen. Es ist der 29. Mai 2006: Die zweijährige Valentina liegt bei der Großmutter im Bett. Valentina, das Baby, schläft unruhig. Ihr Schwager döst vor dem Fernseher. Suzana schiebt sich mit klopfendem Herzen durch die Tür, und dann rennt sie, rennt, über die Mainbrücke, drei Kilometer bis Obernburg. Polizisten greifen sie auf. Sie bricht auf der Wache zusammen. Verständlich machen kann sie sich nicht, sie spricht kein Wort Deutsch, weiß nicht mal, was sie unter "Name" eintragen soll. Fotos in den Polizeiakten dokumentieren Spuren von schlimmen Misshandlungen. Suzana wird in ein Frauenhaus in der Nähe gebracht. Sieht ihren Mann auf der Straße. Flieht weiter. Erst in ein anderes Frauenhaus. Dann zu den Eltern, in den Kosovo. Der Anwalt ihres Mannes wird das später immer wieder zu ihren Ungunsten auslegen: Sie sei abgehauen, habe sich Wochen nicht gemeldet, die Kinder seien ihr "völlig egal" gewesen. Avdyl L. sei dagegen ein harmloser Mann - "er hat nicht mal einen Punkt in Flensburg".

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Die erste Woche nach ihrer Flucht zu den Eltern schläft Suzana fast nur. Über dem Bett in ihrem früheren Kinderzimmer hängen Fotos, auf denen sie als Jugendliche zusammen mit ihren acht Geschwistern zu sehen ist - ein junges Mädchen, das auf jedem Bild lacht. Die Geschwister kommen zu Besuch, sie sitzen zusammen wie früher, sie nehmen Suzana in den Arm, sie fängt an zu erzählen. Und endlich versteht sie jemand. Die Familie ist erschüttert. Suzana wird von Weinkrämpfen geschüttelt und sagt immer und immer wieder dasselbe: "Ich will meine Kinder wiedersehen."

Die Eltern dachten: Suzana ist ihr Glückskind. Sie rief häufig an anfangs. Doch mit der Zeit wunderten sie sich, dass Suzana merkwürdig verschreckt wirkte - dass jedes Gespräch von ihrem Mann überwacht wurde, ahnten sie nicht. Als Avdyl L. und Suzana einmal zu Besuch kamen, wirkte die Tochter extrem eingeschüchtert.

Nachdem Suzana ihnen alles erzählt hatte, drängten die Eltern ihre Tochter, bei ihnen zu bleiben. Aber Suzana will zurück. Sie will in die Nähe ihrer Töchter. Aus der Ferne droht und drängt Avdyl L., und bevor sie zurückreist, unterschreibt sie im Kosovo einen Antrag auf Scheidung - und damit auch, dass Avdyl das Sorgerecht haben soll. Warum sie das tat, dafür musste sie sich später vor Gericht immer wieder rechtfertigen. Ihre Begründung: Sie habe gar nicht alles gelesen, der Druck war so stark, außerdem sei es im Kosovo üblich, dass die Kinder zur Familie des Mannes gehören. Sie wollte die Trennung nur schnell hinter sich bringen. Und: Sie habe darauf gesetzt, dass sich in Deutschland eine andere, gute Lösung finden werde.

Aber in Deutschland beginnt ein zäher Kampf, bei dem in der Rückschau vor allem eins auffällt: Die Not, in der sich die junge Frau befand, hat niemanden außer ihrer eigenen Anwältin und den Sozialarbeiterinnen im Frauenhaus sonderlich beeindruckt. Suzana lebt seit der Rückkehr aus dem Kosovo im Frauenhaus im Hohenlohekreis. Sie leidet unter schweren Kopfschmerzen, schwankt zwischen dem Gefühl völliger Ohnmacht und aufkeimender Hoffnung. Ihre Mitbewohnerinnen bewundern sie, weil sie jeden Morgen zum Deutschunterricht eilt. "Weiter", erinnert sich die Sozialarbeiterin im Frauenhaus, war ein Wort, das Suzana besonders oft gebrauchte.

Die Mühlen in den Behörden mahlen quälend langsam, während Suzanas Gedanken fortwährend um ihre Kinder kreisen. Sie kennt Avdyls L.s Ausbrüche. Sie sorgt sich um ihre beiden Töchter. Sie bittet das Jugendamt, aktiv zu werden. Sie fiebert darauf hin, ihre Kinder wiederzusehen. Am 17. August 2006 macht eine Mitarbeiterin des Obernburger Jugendamtes einen Hausbesuch bei Avdyl L. Sie hat sich vorher angemeldet, erlebt eine aufgeräumte und auskunftsfreudige Familie, die behauptet, die Mutter hätte sich nie für ihre Kinder interessiert und Gewalt habe es nie gegeben. Die Jugendamts- Mitarbeiterin - die später einen weiteren, unangemeldeten Besuch machen will, aber niemanden antrifft - lässt sich blenden, entscheidet aber auch: Suzana darf schon bald ihre Kinder treffen!

Die Freude sackt schnell wieder in sich zusammen: Bis Ende August hat die Erziehungsberatungsstelle geschlossen, die den Umgang begleiten soll. Zwei Wochen gehen ins Land. Dann sagt Avdyl L. ein Treffen ab. Anschließend hat die Jugendamts-Mitarbeiterin bis Ende September Urlaub - es gibt keine Vertretung. Warten. Statt "weiter" warten, immer warten. Manchmal erleben die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus Suzana so aufgelöst, dass sie fürchten, sie könnte sich das Leben nehmen. Aber Suzana lebt für ihre Kinder.

Und dann sind die Kinder weg. Avdyl L. hat sie in den Kosovo gebracht. Überraschend war das nicht. Es wäre vermeidbar gewesen, doch Suzanas Anwältin scheiterte mit ihrem Eilantrag an das Familiengericht, die Pässe der Kinder schnellstens einzuziehen. Sanktionen für Avdyl L. gibt es keine, obwohl er am 10. Oktober 2006 auch nicht zur ersten Verhandlung vor dem Familiengericht erscheint.

Suzana sitzt also allein vor Gericht. Ergebnis: Es wird ihr zugestanden, einmal in der Woche, immer dienstags um 14 Uhr, mit ihrer älteren Tochter zu telefonieren. Aber nur zweimal kommt tatsächlich ein Gespräch zustande. Ansonsten ist die Leitung zur vereinbarten Zeit besetzt oder niemand zu erreichen. Suzana ist nach jedem gescheiterten Versuch tief deprimiert.

Ob Jugendamt, Familiengericht oder die Polizei - die Reaktionen fallen heute, nach Suzanas Tod, alle ähnlich aus: Es gebe keine Versäumnisse. "Es gibt, bei aller Tragik des Falls, keine Ansätze, etwas in der Arbeit des Jugendamtes zu ändern. Wir haben professionell gearbeitet", findet zum Beispiel der Pressesprecher des Landratsamtes, zu dem das Jugendamt in Obernburg gehört. Das Landgericht beeilt sich mitzuteilen, Vorwürfe gegen das Gericht seien unberechtigt, man habe "die Not der Frau gesehen" - zu Details gebe es in nicht öffentlichen Verfahren bei Familienstreitigkeiten keine Auskunft. Die Pressesprecherin der Polizei beteuert, am Flughafen sei "definitiv keine Bedrohungslage erkennbar gewesen. Sonst hätte man alles Menschenmögliche getan, um die Frau zu schützen". Und doch bleiben erschreckend viele Fragen offen. Warum hat der Familienrichter sich von Avdyl L. an der Nase herumführen lassen und nicht mit Sanktionen gedroht, falls er nicht innerhalb einer Woche die Kinder bringen würde? Warum bemühte sich die Mitarbeiterin vom Jugendamt nicht um weitere Hausbesuche? Warum wurde nie nach der Pistole geforscht? Warum setzte Avdyls L.s Anwalt alles daran, Suzana zu verunglimpfen, statt - was heute für viele Familienanwälte selbstverständlich ist - nach einem Konsens vor allem zum Wohl der Kinder zu suchen? Und warum hat die Polizei am Stuttgarter Flughafen die Situation derart dramatisch unterschätzt?

Schließlich das letzte ungelöste Rätsel: In der Verhandlung am 13. Februar 2007 lag dem Richter eine Scheidungsurkunde aus Peja vor, unterzeichnet am 30. Oktober 2006 - auch mit Suzanas Namen. Suzana war zu diesem Zeitpunkt aber nachweislich gar nicht im Kosovo. Ihr Vater sagt, er habe mit Suzanas Vollmacht eine Urkunde unterschrieben, allerdings mit seinem eigenen Namen. Warum hat nie jemand bei Suzanas Vater nachgefragt? Die Scheidung im Kosovo gilt für das Familiengericht in Obernburg als besiegelt, man fühlt sich für das Sorgerecht nicht mehr zuständig.

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Nur das Umgangsrecht für die Mutter muss noch geregelt werden. Am 23. März 2007 erfährt Suzana, dass sie im April vier Wochen lang alle zwei bis drei Tage ihre Kinder im Kosovo treffen kann. Sie beschließt, so bald wie möglich zu reisen. Der Anwalt ihres Ex-Mannes ermuntert Suzana sogar noch dazu in einem Schreiben an ihre Rechtsanwältin: "Wir stellen es Ihrer Mandantin nochmals anheim, die Kinder im Kosovo zu besuchen. Unser Mandant hat nichts gegen die Ausübung des entsprechenden Besuchsrechts im Kosovo. Ihre Mandantin hat auch ganz sicher von der Familie unseres Mandanten im Kosovo absolut nichts zu befürchten." Nach dem Mord kam von dem Anwalt kein Wort des Bedauerns über seine folgenschwere Fehleinschätzung.

Suzanas Grab ist überhäuft mit Plastikblumen und bunten Kränzen, am Kreuz lehnt ein gerahmtes Foto. Vom kleinen, verwilderten Friedhof sind es zehn Minuten zu Suzanas Elternhaus in Osek. Im Garten blühen dunkelrote Rosen, die Obstbäume tragen prächtig. Der Vater Sahit Thaqi, ein freundlichen Mann, dem Gewalt zuwider ist, arbeitet als Landwirt. Weizenfelder umgeben das Haus, er hält sechs Kühe und verkauft selbst gemachten Käse. Die ganze Familie ist versammelt, um den Besuch aus Deutschland kennen zu lernen. Sobald jemand von Suzana spricht, fangen die Frauen an zu weinen. Der jüngste Bruder, 21 Jahre alt, stößt heraus: Wenn Ali, der Älteste, noch leben würde, dann würde er Suzana rächen. Blutrache ist im Kosovo bis heute keine Seltenheit. Nein, sagen die anderen, sie wollen keine Rache, diese Spirale des Grauens, die niemand mehr stoppen kann. Der Vater erzählt: Einen Tag nach dem Mord an Suzana kamen drei Cousins von Avdyl L.. Sie baten um Vergebung. Er antwortete: "Wir werden uns nicht rächen. Aber wir wollen keine Versöhnung." Der Vater hofft, dass Avdyl L. in Deutschland gerecht bestraft wird: "Ich will, dass er nie wieder das Tageslicht sieht." Aber ob er der deutschen Justiz vertrauen kann? Er hat Zweifel, und seine Stimme wird so laut, dass sie bis zum Nachbarhaus dröhnt. Deutschland war für ihn einmal ein idealer Staat, der seine Bürger schützt. Aber wer hat Suzana geschützt?

Valentina und Violeta, die beiden kleinen Mädchen, leben immer noch bei Avdyls L.s Mutter. Zu Suzanas Familie gibt es keinerlei Kontakt. Das Jugendamt in Obernburg hat nach dem Mord den internationalen Sozialdienst eingeschaltet, der erreichen soll, dass ein Sozialarbeiter vor Ort prüft, ob es den Kindern gut geht. Ob und wann das sein wird - das weiß keiner.

Etwa 40 Kilometer von Suzanas Elternhaus entfernt geht es über Feldwege zu einem abgelegenen, heruntergekommenen Gehöft, das von drei Meter hohen Mauern umgeben ist. Das Tor wird erst nach langem Klopfen und Rufen geöffnet, ein verwahrlostes Grundstück tut sich auf - das Gras steht hoch, Müll liegt herum, Kinder spielen barfuß auf dem kalten Betonboden. Suzanas Schwiegermutter ist misstrauisch, schiebt die beiden Mädchen grob ins Haus, schließt die Tür. Avdyl L., ihr Sohn, habe am Flughafen im Affekt gehandelt, sagt sie. Was sie Suzanas Kindern eines Tages über ihre Mutter sagen werde? Suzana habe ihre Kinder verlassen. Sie sei keine gute Frau gewesen. Den Rest würden sie ohnehin irgendwann von den Nachbarn erfahren. Mehr will sie nicht sagen. Valentina und Violeta, Suzanas Töchter, pressen stumm die Gesichter an die Scheiben und starren uns an - sie haben die Augen ihrer Mutter: groß, fast schwarz, verschreckt.

Interview: "Suzana ist kein Einzelfall"

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<frage name='BRIGITTE'>Der Fall Suzana erschüttert. Wieso wurde sie nicht ausreichend beschützt, obwohl so viele offizielle Stellen wussten, dass sie misshandelt wurde und sich bedroht fühlte?</frage> <antwort name='Myria Böhmecke'>Die Bedrohung von Suzana wurde nicht ernst genommen. Ihr wurde nicht geglaubt. Das erleben wir leider öfter - Suzana ist kein Einzelfall.</antwort> <frage name='BRIGITTE'>Hat das auch mit Sprachbarrieren zu tun - oder mit Vorurteilen, nach dem Motto: Bei Muslimen herrschen nun mal andere Sitten? Ist das also speziell ein Problem von Ausländerinnen?</frage> <antwort name='Myria Böhmecke'>Nein, das Problem betrifft nicht nur Ausländerinnen, es betrifft genauso deutsche Frauen. Jede vierte Frau in Deutschland wird laut einer Studie des Bundesfrauenministeriums im Laufe ihres Lebens Opfer von Gewalt - quer durch alle Schichten. Ich habe mich gerade um eine deutsche Frau gekümmert, deren Mann das alleinige Sorgerecht für die Kinder erhalten soll, obwohl er seine Partnerin jahrelang misshandelte. Aber es liegen keine ärztlichen Atteste, also keine Beweise vor, weil sie lange geschwiegen hat. Das tun leider viele Frauen - aus Angst, aus Scham oder weil sie ihre Rechte nicht kennen. Bei Ausländerinnen kommen natürlich oft sprachliche Probleme dazu. Da versuchen wir zu helfen, und auch die Frauenhäuser unterstützen diese Frauen sehr.</antwort> <frage name='BRIGITTE'>Nun werden aber immer mehr Frauenhäuser geschlossen oder kämpfen ums Überleben, weil Gelder gestrichen werden. Seit 2002 können ja gewalttätige Partner per Gericht aus der gemeinsamen Wohnung verbannt werden. Brauchen wir deshalb weniger Frauenhäuser?</frage> <antwort name='Myria Böhmecke'>Nein. Die Arbeit von den Frauenhäusern ist weiterhin genauso dringend notwendig. Das sehen wir ja auch in dem Fall Suzana. Da hätte es überhaupt nichts gebracht, den Mann aus der Wohnung zu verweisen. Der "Platzverweis" kann nur funktionieren, wenn sich der Mann von den drohenden Sanktionen abschrecken lässt. Frauen wie Suzana brauchen eine Zufluchtsstätte. Wir fordern deshalb schon lange eine gesicherte Finanzierung für Frauenhäuser.</antwort> <frage name='BRIGITTE'>Im Strafprozess wegen Vergewaltigung gegen ihren Mann wurde Suzana die Zeugenfähigkeit abgesprochen. Sie sei traumatisiert und deshalb nicht glaubwürdig. Haben Sie so eine absurde Argumentation schon mal gehört?</frage> <antwort name='Myria Böhmecke'>Ja, auch das kommt leider häufiger vor. Frauen, die misshandelt wurden, sind oft traumatisiert. Und genau das wird ihnen dann zum Nachteil ausgelegt. Sie gelten als nicht glaubwürdig, werden als hysterisch abgetan - und die Ursache für ihr Trauma wird nicht berücksichtigt.</antwort> <frage name='BRIGITTE'>Was muss passieren, damit sich so ein tragischer Fall wie Suzana nicht wiederholt?</frage> <antwort name='Myria Böhmecke'>Die Opfer müssen endlich ernst genommen werden. Die Gefahr darf nicht verharmlost werden. Und die Kinder und Frauen müssen an einem sicheren Ort untergebracht werden. Außerdem müssen Jugendamt, Polizei, Gerichte und Staatsanwaltschaft sehr schnell handeln. Das alles kann nur funktionieren, wenn sich die Strukturen ändern, Zuständigkeiten nicht mehr hin und her geschoben werden können. Deshalb brauchen wir für Frauen, die vor ihrem gewalttätigen Partner fliehen, eine zentrale Anlaufstelle, wie zum Beispiel die Sonderdezernate bei den Staatsanwaltschaften, die den ganzen Fall in die Hand nehmen und dafür sorgen, dass das Opfer geschützt wird. Es gibt hier bereits vereinzelte Pilotprojekte. Diese müssen flächendeckend ausgeweitet werden.</antwort>

Text: Nina Poelchau Interview: Silke Baumgarten Foto: Andrew Testa Mitarbeit: Mathias Rittgerott BRIGITTE Heft 16/07

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