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"Ehrenmord"-Prozess: Morsals tödlicher Freiheitsdrang


In Hamburg begann gestern der Prozess gegen Ahmad-Sobair Obeidi. Der Deutsch-Afghane tötete im Mai seine Schwester Morsal, weil er ihren freien Lebensstil ablehnte. BRIGITTE-Redakteurin Katrin Schmiedekampf hat den ersten Verhandlungstag beobachtet.

Sie wollte so sein, wie wir. Wollte Dinge tun, die fast jede von uns mit 16 aufregend fand: hohe Schuhe und Miniröcke tragen, tanzen gehen, grellen Lidschatten auflegen und Jungs treffen. Für die meisten von uns war es leicht, diese Freiheiten durchzuboxen. Ein wenig Geschrei, einige zugeknallte Türen und irgendwann legte sich der elterliche Widerstand; wir konnten tun, was wir wollten.

Für Morsal Obeidi war es die schwerste Aufgabe, die das Leben für sie nur bereithalten konnte. Jeden Tag musste die Deutsch-Afghanin von neuem kämpfen. Mit aller Macht versuchte ihre islamische Familie, sie nach ihren kulturellen Vorstellungen zu erziehen. Morsal wurde von ihren Eltern und Geschwistern geschlagen, gewürgt und gekratzt, weil sie sich nicht beugen wollte. Immer wieder lief sie weg, suchte Schutz beim Kinder- und Jugendnotdienst (KJND). Und kehrte dann doch wieder zu ihrer Familie zurück. Um festzustellen, dass sich nichts geändert hatte. Schließlich bezahlte die 16-Jährige für den Wunsch, wie andere Mädchen in ihrem Alter sein zu dürfen, mit ihrem Leben. Sie wurde am 15. Mai 2008 auf einem dunklen Parkplatz in der Nähe der Hamburger U-Bahn-Station "Berliner Tor" niedergestochen. Der Notarzt hörte bei 20 Stichen auf zu zählen.

Im Sitzungssaal 237, einem holzvertäfelten Raum mit pistazienfarbenen Samtvorhängen, ist es voll. Im Zuschauerraum, der mit einer Glasscheibe vom Bereich der Prozessbeteiligten abgetrennt ist, sitzen Bekannte von Morsal, Schülerinnen, die der Getöteten zum Verwechseln ähnlich sehen, Schaulustige und Journalisten dicht gedrängt zusammen. Sie alle wollen den Mann sehen, der seine eigene Schwester mit Hilfe seines Cousins in einen Hinterhalt gelockt und dann umgebracht hat. Sie wollen wissen, was er für ein Mensch ist, was mit ihm geschehen wird.

Einige von ihnen sehen erstaunt aus, als der Angeklagte in den Saal geführt wird. Sie haben sich den Täter wahrscheinlich anders vorgestellt. Der schmächtige Mann mit den tiefschwarzen zurück gegelten Haaren und dem blauen Pulli, aus dem ein weißer Hemdkragen lugt, könnte ein Bankangestellter sein oder ein Jungpolitiker. Als er zwischen seinen Anwälten Platz genommen hat und die Fotografen ihn ins Visier nehmen, fängt er an zu weinen, versucht, die Tränen mit den Pulloverärmeln wegzuwischen. Später starrt er mit stumpfem Blick ins Publikum.

Der Vorsitzende Richter beginnt, aus seinen blassroten Akten vorzulesen - und dabei wird schnell klar, warum sich Morsal ihr Leben lang vor dem großen Bruder fürchtete: Das Vorstrafenregister des 24-Jährigen ist lang. Immer wieder war er in Messerstechereien verwickelt, schlug zu, wenn er keinen Ausweg mehr wusste, einmal sogar mit einer abgebrochenen Flasche. Laut Anklage soll er auch die Schwester schon zuvor immer wieder geschlagen und getreten haben, weil sie zu spät aus der Schule nach Hause gekommen sei oder ihn um Geld gebeten habe. Gleichzeitig standen die beiden sich einem Gutachten zufolge sehr nahe.

Was trieb Ahmad dazu, Morsal an den Haaren zu Boden zu reißen, wie es eine 14-jährige Zeugin vor Gericht beschrieb und auf sie einzustechen? Wollte er wirklich die Ehre der Familie verteidigen? Konnte er es nicht ertragen, dass seine Schwester, die in ihrer Schule sogar als Streitschlichterin eingesetzt wurde, sich besser integrierte als er? Dass sie leben wollte, wie andere deutsche Mädchen?

Ahmad selbst will sich zu all dem vorerst nicht äußern. Er sagt lediglich, dass er in Kabul geboren sei und was er beruflich gemacht habe: "Ich war Import-Export-Handel. Alles andere habe ich abgebrochen." Dann macht er von seinem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern.

Seine Anwälte haben einen Ablehnungsantrag gegen das Gutachten eines Sachverständigen gestellt, in dem Ahmad als intelligenter junger Mann beschrieben wird. "Wir sind der Auffassung, dass nicht nur fachlich problematisch gearbeitet worden ist, sondern dass Herr Kreyßig auch befangen ist", sagte einer der Verteidiger. Der Gutachter habe "einseitig Partei für die Geschädigte ergriffen". Der sozio-kulturelle Hintergrund des Angeklagten und seine Moralvorstellungen würden nicht ausreichend gewürdigt, eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Familienehre fehle völlig. Ob das Gericht das Gutachten ablehnen wird, steht noch nicht fest.

Die Einschätzung der Schuldfähigkeit des Angeklagten ist für den Ausgang des Prozesses sehr wichtig: Wenn er voll schuldfähig war, ist eine Verurteilung zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen Mordes denkbar. Geht man, wie die Verteidigung, von einer Affekttat und einer eingeschränkten Schuldfähigkeit aus, könnte sich beides strafmildernd auswirken.

Wenn sie das hört, wird Nazanin Borumand, Mitglied der Kampagne gegen Ehrenmorde und des Zentralrats der Ex-Muslime, wütend. "Morsals Bruder hat die Tat begangen, er muss dafür auch nach deutschem Recht voll bestraft werden." Die kleine Frau mit den kurzen schwarzen Haaren und dem olivegrünen Mantel ist gebürtige Iranerin. Sie glaubt, in Deutschland gebe es zu viel "falsch verstandene Toleranz" für den Islam. Borumand hat sich zusammen mit anderen Frauen vor dem Gerichtssaal eingefunden, um des Opfers zu gedenken und auf das Problem der "Ehrenmorde" aufmerksam zu machen. "Es wird weitere geben, wenn wir nichts tun", sagt sie.

Borumand wirbt dafür, die fremde Kultur und die Moralvorstellungen des Täters auf keinen Fall in das Urteil einfließen zu lassen. Er sei hier aufgewachsen und habe sich anzupassen. "Morsals Bruder ist jedoch nicht der einzige, der Schuld trägt", sagt sie. Das Problem sei, dass viele Muslime in barbarischen mittelalterlichen Traditionen verharrten. "Der Staat gibt so viel Geld für Islamkonferenzen aus, anstatt Mädchen zu unterstützen, damit sie ohne Angst raus können, aus ihrer Familie." Mädchen, die frei sein möchten und leben wollen, wie ihre andere Jugendliche in Deutschland.

Der Prozess wird am 19. Dezember fortgesetzt.

Text: Katrin SchmiedekampfFoto: Getty Images

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