"Hungry": Wie Model Crystal Renn die Magersucht besiegte

Hungern bis zum Kollaps: In ihrem Buch "Hungry" beschreibt Crystal Renn, wie sie für den Traum vom Laufsteg ihren Körper kasteite. Heute ist Crystal mit ihren Kurven ein gefragtes Model bei Top-Fotografen. Auch für BRIGITTE posierte die Amerikanerin in sexy Abendmode.

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Bis zu ihrem 14. Lebensjahr war Crystal Renn ein ganz normales Mädchen. Sie ging in Florida zur Schule, war Mitglied im Cheerleader-Club und aß, worauf sie Lust hatte. Dann begegnete sie einem Model-Scout - und alles wurde anders. "Von einem Tag auf den anderen begann ich mit meiner Diät, aß nur noch zuckerfreien Wackelpudding und kaute stundenlang auf gedünstetem Gemüse herum", erzählt die 23-Jährige im Interview mit BRIGITTE. Der Grund: Der Scout hatte ihr eine große Model-Karriere prophezeit - wenn sie nur ein paar Kilo abnähme. 75 Kilo bei einer Größe von 1,73 Metern seien für ein Model zu viel. Also hungerte Crystal, obwohl ihr Körper rebellierte. "Die meiste Zeit wollte ich mich einfach nur hinlegen, weinen und nicht mehr aufwachen, weil ich so müde war", so Crystal. "Man spürt genau, dass kein Funken Energie im Körper ist und rennt trotzdem noch drei Stunden auf dem Laufband."

Crystal Renn als Teenager - damals wog sie nur 49 Kilo bei einer Größe von 1,75 m

Irgenwann wog Crystal Renn nur noch 45 Kilo, doch ihre Agentur motivierte sie trotzdem, weiter abzunehmen. Manchem Kunden war sie immer noch nicht dünn genug. Crystal: "Wenn ich mir die Bilder von damals ansehe, mit eingesunkenen Augen und hervorstehenden Sehnen, erinnere ich daran, was ich dachte: 'Noch ein paar Kilo weniger und ich wäre glücklich." Aber statt Glück kam schließlich der Zusammenbruch. Ihr Körper streikte, und Crystal beschloss, ihr Leben zu ändern und wieder normal zu essen. Das Magermodel von einst nahm zu - und war plötzlich bei Designern und Fotografen gefragter als je zuvor. Mit sexy Kurven erreichte Crystal Renn schließlich sogar ihren Traum: ein Fotoshooting für die amerikanische Vogue.

Ihren langen Weg zu einem gesunden Körpergefühl beschreibt Crystal Renn in ihrem Buch "Hungry". Es soll auch eine Warnung sein an die vielen jungen Mädchen, die für ein zweifelhaftes Schönheitsideal ihr Leben zerstören. Denn Crystal weiß, wie sie sich fühlen: "Eine Essstörung zu haben, ist ein kalter, dunkler Ort. Niemand versteht dich. Du verlierst deine Freunde, deine Beziehung zur Familie und zur Realität."

Das komplette Interview und die BRIGITTE-Modeproduktion mit Crystal Renn in eleganter Abendkleidung finden Sie im BRIGITTE-Heft Nr. 25 - ab 18. November am Kiosk!

Exklusiv: Leseprobe aus "Hungry" von Crystal Renn

Lesen Sie hier die Einführung aus Crystal Renns Buch "Hungry - Ich wollte essen. Aber ich wollte auch in der Vogue sein"

"Dies ist die Geschichte zweier Bilder.

Das erste Foto zeigt das Supermodel Gisele. Gemacht hat es der Fotograf Steven Meisel, es erschien 2000 in der Vogue. Es zeigt Gisele beim Posing in einem eng anliegenden, weißen Kleid vor dem grauen Fotohintergrund im Studio. Ihre Haut glänzt golden. Ihr Haar wird vom Wind aufgewirbelt, als sei sie gerade von einer Brise überrascht worden, die durch ein offenes Fenster außerhalb des Bildes weht. Ihre Hände, ihre Augen, die Lineatur ihres Rückens - alles ist anmutig und ausdrucksstark. Sie ist absolut faszinierend.

Crystal Renn auf einem Probefoto für ihre Agentur. Als die Agentin es sah, zuckte sie zusammen und sagte: "Hier bist du zu kräftig."

Ich war 14 Jahre alt, als ich das Foto sah. Es war das erste Mal, dass ich jemals eine Ausgabe der Vogue durchblätterte. Ich hatte mich vorher nie um Modemagazine gekümmert. Dieses hier schaute ich mir nur an, weil ein Mann, den ich den Scout nennen möchte, mir eins in die Hand gedrückt hatte. Er arbeitete für eine der großen Modelagenturen - nennen wir sie einfach die Agentur - in New York. Sein Job war es, sich in den entlegenen Gegenden Amerikas rumzutreiben, in den Junior Highschools und Einkaufzentren der Vorstädte, immer auf der Suche nach dem nächsten Topmodel.

Einen wie den Scout hatte ich nie zuvor getroffen. Er war weltgewandt und freundlich, schmeichlerisch und doch aufrichtig. Ich war ganz geblendet von seinem Hemd. Maßgenau geschneidert war es vermutlich teurer als meine gesamte Garderobe. Als er die Vogue bei Giseles Bild aufschlug, wusste er genau, was er tat. Er verankerte eine bestimmte Fantasie in mir. In den paar Sekunden, die es dauerte, Giseles Schönheit und erotische Ausstrahlung aufzunehmen, hatte sich in mir eine neue Vorstellung von weiblicher Perfektion gebildet. Es war Gisele.

Das war der Moment, in dem der Scout sagte: "Das könntest du sein." Und auch wenn ich erst 14 war, so an die 30 Kilo mehr wog als Gisele und gerade mal mit der Kultiviertheit eines Mädchens aus Clinton, Mississippi, einer Kleinstadt von 23 000 Einwohnern, aufwarten konnte, glaubte ich ihm.

Die berühmte Anzeige der "Breast Cancer Foundation"

Das zweite Foto ist aus dem Jahr 2007. Es zeigt den nackten Rücken einer wohlgeformten Frau, in deren Nacken sich eine Locke ihres dunklen Haars kräuselt. Um ihren Körper ist ein edel anmutendes rotes Tuch geschlungen. Ihr Blick geht in die Ferne, sie wird seitlich von weichem, nordisch-mildem Licht beleuchtet. Sie erinnert an eine griechische Göttin oder an ein Gemälde alter Meister, wie Tizian oder Vermeer. Man sieht ihr ein gewisses Gewicht an. Da sie sich leicht nach rechts neigt, bilden sich zwei dezente Einkerbungen an ihrer Taille. (Weniger wohlmeinend könnte man diese sinnliche Fülle auch als Speckröllchen bezeichnen.) Die Aufnahme hat Ruven Afanador für die Breast Cancer Research Foundation gemacht, eine Einrichtung zur Erforschung von Brustkrebs. Es war eine nichtkommerzielle Anzeige, die sowohl zeitlos als auch aktuell aussehen sollte. Die Zielsetzung war, Schönheit und Stärke gleichermaßen zu zeigen, ein Bild der Hoffnung auf eine gesunde Zukunft für Frauen. Es war in allen großen Frauenzeitschriften Amerikas zu sehen, von Vogue bis O, von Bon Appetit bis Prevention. Die Frau auf dem Foto bin ich.

Hungry ist die Geschichte, wie ich vom ersten Foto zum zweiten kam. Eine Gerade mag die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten sein, aber für mich verlief die Reise vom ersten Bild zum zweiten über Kontinente und ließ den Zeiger meiner Personenwaage vor- und zurückschnellen wie bei einer Zeitrafferaufnahme aus einem Schwarz-Weiß-Melodram der Dreißigerjahre. Dazwischen liegt ein Jahrzehnt voller Triumphe und Demütigungen, ein Auf und Ab von drastischem Gewichtsverlust und Episoden von Ruhm und Erfolg, gefolgt von Scheitern, Auszehrung und Essstörungen - bis ich schließlich sagte: Genug.

Ich begann zu essen. Ich hörte auf, für sieben oder acht Stunden am Tag mit den schlenkernden Armen und Beinen einer Marionette stumpfsinnige Runden auf einem Crosstrainer zu drehen. Ich hörte auf, mir wie besessen Gedanken darüber zu machen, ob ich auch nur einen einzigen zuckerfreien Kaugummi essen dürfe. Ich wurde schwerer. Ich nahm Dutzende Pfunde zu und übersprang dabei einige Kleidergrößen - von Konfektionsgröße 00 (das istnoch etwas kleiner als die deutsche Größe 32, Anm. d. Red.) auf 12 (was der deutschen Größe 42 entspricht). Aber ich achtete nicht weiter auf die Gewichtszunahme oder die Einbuße meiner streichholzdünnen Gliedmaßen. Ich hatte mich gegen das Hungern entschieden.

Und das Seltsame ist: Man kann es verrückt, Ironie des Schicksals oder ausgleichende Gerechtigkeit nennen, aber als ich aufhörte zu hungern, begann meine Karriere erst richtig. Da hatte ich dann Aufnahmen in fünf Ausgaben der Vogue und war auf den Titelblättern der internationalen Ausgaben von Harper's Bazaar und Elle. Ich war bei der Anzeigenkampagne von Dolce & Gabbana vertreten. Und ich war auf dem Laufsteg das Schlussmodel für Jean Paul Gaultiers Prêt-à-porter-Schau in einem hauchdünnen, atemberaubend figurbetonten Märchenkleid, das mit einer Unzahl hauchzarter Seidenblumen bedeckt war. Da wurde ich zu Oprah Winfrey eingeladen. Ich wurde zum bestbezahlten Übergrößen-Model Amerikas. Es machte mich zum Lieblings-Model des Mannes, der 2000 das wundervolle Bild von Gisele gemacht hatte, nämlich des großartigen Steven Meisel. Und das alles mit dem Gewicht, das zu meinem Körper passte.

Ich bin der Beweis dafür, dass man seinen Körper nicht hassen muss.

Ich war wohl nicht allein bei meinem Abstieg in den Wahnsinn der Gewichtsbesessenheit. Fünf bis zehn Millionen Amerikaner leiden an Essstörungen. Eine Studie von 2005 zeigte, dass über die Hälfte aller Mädchen im Teenager-Alter und fast ein Drittel aller Jungen in dem Alter auf ungesunde Weise versuchen, dünn zu bleiben, etwa durch das Auslassen von Mahlzeiten, Rauchen mit dem ausdrücklichen Ziel, Gewicht zu verlieren, Erbrechen oder die Einnahme von Abführmitteln. Selbst Frauen ohne den klinischen Befund einer Störung verschwenden erschreckend viel Zeit damit, sich Gedanken über ihr Gewicht zu machen und damit, ihren Körper zu hassen, weil sie glauben, ihr Leben wäre reicher, erfüllter und glücklicher, wenn sie nur dünner wären.

Ich bin der lebende Beweis, dass das nicht so sein muss. Man kann lernen, Freude an den Körpermaßen zu haben, die einem mitgegeben wurden. Ich musste 32 Kilogramm verlieren (neben ganzen Büscheln von Haaren, Muskelmasse, meiner Konzentrationsfähigkeit und jeglicher Lebensfreude), ehe ich zur Vernunft kam. Ich gewann wieder an Gewicht, und im Zuge dessen wurde ich ein unendlich erfolgreicheres Model. Meine Selbst-Akzeptanz führte zur Rückkehr der intellektuellen Neugier, die ich als Kind gehabt hatte, bevor ich auf den Zug des Abnehmens aufgesprungen war. Ich verdanke ihr eine größere Karriere. Sie brachte mir die romantische Liebe. Ich bin der Beweis dafür, dass das Leben nicht warten muss, bis man völlig abgemagert ist."

Crystal Renn: Hungry. "Ich wollte essen. Aber ich wollte auch in der Vogue sein." 256 Seiten, Heyne Verlag

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