"Ihre Wahl" auf Sat.1: Fremdschämen mit Aust und Christiansen

In der neuen Talkshow "Ihre Wahl! Die Sat.1-Arena" mit Sabine Christiansen und Stefan Aust wurde erstmals im Fernsehen live gemailt, getwittert und getalkt. Ein peinliches Experiment, meint BRIGITTE-Redakteurin Stefanie Hellge.

Sonntagabend, Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit Stefan Aust und Sabine Christiansen - hurra, endlich eine Wahl-Sendung ohne Horst Schlämmer! Das hätte interessant werden können. Zumal Sat 1. die neue Talkshow als multimediales Ereignis angekündigt hatte, bei dem der Zuschauer aktiv den Verlauf der Sendung mitbestimmen kann.

Doch statt Mitbestimmung war erstmal Fremdschämen angesagt. Schon als Frau Christiansen, der man absurderweise zum Tragen einer Röhrenjeans geraten hatte, den Satz von sich gab: "Wenn Sie mit uns zwitschern wollen, laufen Ihre Twitter-Nachrichten direkt hier bei uns im Studio ein", begann man sich vor dem Fernseher peinlich berührt zu winden.

Als das eigentliche Interview begann, wurde es dann stressig, denn im Bemühen darum, jede, aber auch wirklich jede Form der elektronischen Kommunikation irgendwie in die Sendung zu integrieren, war man als Zuschauer leider absolut nicht in der Lage dem Gespräch auch nur ansatzweise zu folgen. Während Guttenberg versuchte, auf die seichten Fragen der Moderatoren ("Wie fühlt man sich denn so als Politstar?" - "Wie eitel sind Sie?") halbwegs seriöse Antworten zu geben, wurden hinter seinem Kopf auf gleich zwei Bildschirmen Filmchen abgespielt, und unten durchs Bild lief ein Ticker mit SMS-Nachrichten von Zuschauern. Deren Inhalte waren so hohl ("Vor der Wahl versprechen die immer viel, danach sieht es schon anders aus"), dass sie letztlich nur einem Zweck dienten: Dem endgültigen Beweis, dass 90 Prozent aller Twitter- und SMS-Nachrichten völlig überflüssig sind.

Zusätzlich musste man eine Live-Schaltung in das Wohnzimmer des Prinzen-Sängers Sebastian Krumbiegel ertragen, der dabei gefilmt wurde, wie er die Sendung ansah, die man sich selber gerade ansah (!).

In all' diesem Irrsinn gaben sich Aust und Christiansen verzweifelt Mühe, modernes Medienverhalten mit lässiger Selbstverständlichkeit zu präsentieren. Das war ungefähr so glaubwürdig, wie wenn erwachsene Menschen Ausdrücke wie "voll krass" und "ey, Dicker" benutzen, um sich bei Jugendlichen anzubiedern.

Sollte irgendjemand in diesem elektronischen Durcheinander tatsächlich etwas Interessantes gesagt haben, ist das leider nicht angekommen. Bis zum zweiten Gast, Oskar Lafontaine, haben es viele gar nicht mehr geschafft.

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Text: Stefanie Hellge Foto: Sat.1/Richard Hübner
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