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Im Stress zwischen Kreißsaal und Papierkram Immer mehr Großstadt-Hebammen schmeißen hin

Im Stress zwischen Kreißsaal und Papierkram: Frau bei Geburt mit Hebammen
© Gorodenkoff / Shutterstock
Die Bestandsaufnahme nach mehr als einem Jahr Corona-Pandemie zeigt: Vor allem in den Städten sind Hebammen chronisch überlastet. Der Papierkram wächst ihnen über den Kopf, die Arbeitsbelastung ist hoch, das Gehalt niedrig. Eine Hebamme berichtet von ihrem Alltag im Kreißsaal.

Der Schweiß rinnt, das Blut tropft, die Schreie der Frau sind auf der halben Station zu hören. Nur wenige Meter weiter ein ähnliches Bild, eine weitere Gebärende weint, schreit und brüllt – "Frauen können unglaublich laut sein". Die betreuende Hebamme rennt von Raum zu Raum, kümmert sich um die Familien, packt mit an und hat in einer Schicht häufig nicht mal die Zeit, um zur Toilette zu gehen. Nach rund 1800 Geburten in 13 Jahren sagt Lena* deshalb: "Mein Geburtsakku ist leer." Lena (*Name von der Redaktion geändert) ist angestellte Hebamme in einem Hamburger Krankenhaus. Ihr Beruf ist ihre Berufung, sie liebt ihr Handwerk, und wechselt dennoch in die Freiberuflichkeit – ohne Geburtenbetreuung.

In einer Schicht ist Lena durchschnittlich für zwei bis vier Gebärende zuständig, muss in einer besonders vollen Nacht auch mal drei Geburten gleichzeitig betreuen: "Jahrelange Geburtshilfe ist eine körperliche Arbeit und auch psychisch anstrengend, besonders wenn man mehrere Frauen versorgt. Wenn ich weiß, es kommt hier gerade das Kind, aber nebenan höre ich schon an den Geräuschen, dass noch eine weitere Frau Betreuung braucht – das zerreißt einen." Die Corona-Pandemie brachte noch ausführlichere Hygienebestimmungen und legte die vorher schon bestehenden Probleme weiter offen. Dennoch ist die Pandemie nicht der Grund, dass es Lena, wie viele andere Hebammen auch, nach 13 Jahren nicht mehr im Kreißsaal aushält.

Schlechtes Gehalt, zu wenig Personal, Stress pur

Die Arbeitsbedingungen auf manchen Geburtsstationen sind nahezu prekär, das zeigt auch ein Gutachten des IGES-Instituts aus dem vergangenen Jahr. Die Situation ist besonders in Großstädten problematisch: Bei einer Befragung von Vertreter:innen der Kliniken und Hebammen für eine Studie gab jede vierte Geburtshelferin an, darüber nachzudenken, ihren Beruf aufzugeben. Das sei vor allem der zu hohen Arbeitsbelastung geschuldet, sagten 85 Prozent der Befragten. Denn eine Hebamme betreut auf der Station nicht "einfach nur" Geburten. Sie muss nebenher putzen, Schränke auffüllen, ans Telefon gehen und vor allem immer mehr Dokumente ausfüllen: "Krankenhäuser achten zunehmend auf Qualitätssicherung. Man muss viel mehr dokumentieren und unterschreiben, und nicht alles ist digitalisiert. Das nimmt sehr, sehr viel Raum ein. Dadurch geht natürlich Betreuungszeit verloren."

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In der Studie kritisiert zudem die Hälfte der Hebammen das fehlende Personal. Um eine bessere Betreuung der Schwangeren zu gewährleisten, gab der Deutsche Hebammenverband neue Leitlinien für Geburten heraus. Dabei fordert der Verband unter anderem eine 1:1-Betreuung, wie sie auch im europäischen Ausland üblich sei, so die Verbandspräsidentin Ulrike Geppert-Orthofer im "Ärzteblatt". Eine Forderung, die Lena zwar unterstützt, aktuell aber als kaum realistisch einstuft: "Die 1:1-Betreuung lässt sich personell im Moment gar nicht ermöglichen, weil etwa 20 bis 30 Prozent mehr Hebammen im Kreißsaal sein müssten."

Das neue Hebammenstudium soll den Beruf aufwerten – doch viele Kliniken können die Praxis-Anforderungen nicht gewährleisten

Die Hebammen fehlen an allen Stellen: Es bräuchte mehr Personen, die betreuen, und Angestellte, die den Papierkram für die Hebammen übernehmen, zumindest während der Geburtsphasen. Um eine Hebamme zu werden, musste man lange Zeit eine Ausbildung absolvieren, bis der Bundestag 2019 die Akademisierung des Berufsstandes beschloss: Statt einer Ausbildung an der Hebammenschule ist jetzt ein Bachelorstudium nötig. Das könnte für eine Aufwertung des Berufs sorgen, hofft auch Lena. Trotz des Studiengangs ist der Praxisanteil hoch: 25 Prozent ihrer Zeit sollen die Studierenden in der aktiven Geburtshilfe verbringen, bestenfalls im Kreißsaal.

Doch auch an dieser Stelle mangelt es in vielen Kliniken an Personal. "Um die Betreuung der Studierenden gewährleisten zu können, muss der Personalschlüssel stimmen und der stimmt momentan nicht. Schon die Betreuung der Frauen ist zeitlich manchmal schwierig, dann kommen die Hebammenstudierenden hinzu. Das ist einfach gerade nicht möglich", sagt Lena. 

Viele Krankenhäuser scheinen nicht zu verstehen, was in der Geburtshilfe geleistet wird

Die Studie des IGES-Instituts kritisiert zudem einen weiteren Punkt: das Gehalt. Mehr als jede zweite Hebamme ist mit ihrem Lohn unzufrieden oder sehr unzufrieden. Lena berichtet von einem Monatsgehalt von 1800 netto. Hinzu kommen zwar Schichtzulagen, doch kann der Endbetrag kaum kompensieren, was den Beschäftigten in ihrer Schicht an Verantwortung und Stress aufgehalst wird.

Nicht zuletzt deshalb ist Lena mit ihren 13 Jahren Berufserfahrung im Kreißsaal eine Ausnahme: "Viele junge Hebammen reduzieren schon viel früher ihre Stunden. Sie sind einfach fertig, überbelastet, nehmen das mit nach Hause – weil sie viele Frauen im Dienst betreut und kaum etwas gegessen haben, wahrscheinlich nicht mal auf der Toilette waren. Ich kann verstehen, dass man schon nach ein bis zwei Jahren nicht mehr Vollzeit arbeitet oder gleich ganz in die Selbstständigkeit geht."

Die Haftpflichtversicherung kostet Freiberufliche 10.000 Euro im Jahr

Auch Lena macht sich jetzt selbstständig, obwohl sie kaum mehr Gehalt erwartet: "Als freiberufliche Hebamme verdiene ich zwar nicht wesentlich mehr, aber ich kann mir die Zeit freier einteilen und die Arbeitsbedingungen sind besser. Allerdings kommen viele Abzüge hinzu, besonders für die Versicherung. Letztendlich verdiene ich zum Beispiel für einen Wochenbettbesuch zwischen 12 und 15 Euro. Dafür würde ein anderer Handwerker nicht mal ein Haus betreten." Immerhin kann sie sich dann den Tag selbst einteilen, hat auch mal freie Wochenenden. Eine Lebensqualität, die sie über Jahre nicht hatte.

Ein Großteil der Hebammen liebt ihren Beruf, will Schwangere und Gebärende umsorgen, ihr Herz hänge daran, sagt Lena. Dennoch wirft sie jetzt nach 13 Jahren vorerst das Handtuch, zumindest im Geburtssaal. Denn das Schöne an ihrem Beruf ist für sie auch die Vielfalt: Mit Kursen, Wochenbettbetreuung und Vorsorge hat man als selbstständige Hebamme immer noch mehr als genug zu tun. Eine Rückkehr in den Geburtssaal kann sie sich irgendwann wieder vorstellen, falls sich die Umstände ändern: "Dafür brauchen wir Hebammen-Nachwuchs. Und der muss gut bezahlt werden, damit die Frauen auch angestellt bleiben und nicht nach wenigen Jahren wieder gehen."

Quellen:  IGES Institut / "Ärzteblatt" / Hebammenverband Hamburg

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf stern.de.

mkb/stern

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