Eine Deutsch-Türkin erzählt: "Wie mein Sohn ein Terrorist wurde"

Was geht in einem Jungen vor, der in Deutschland geboren wurde und Bomben auf "Ungläubige" wirft? Fragen an eine Mutter.  

Mit 16 Jahren wirft Yusuf in Essen einen Sprengsatz 

Yusuf ist gerade erst 16 Jahre alt, als er zusammen mit einem anderen Jugendlichen an einem Essener Sikh-Tempel einen Sprengsatz zündet. In dem Gemeindezentrum, auf das er am 16. April eine selbstgebaute Bombe wirft, wird gerade Hochzeit gefeiert. Drei Menschen werden verletzt, einer davon schwer.

Auf Drängen seiner Mutter stellt sich Yusuf der Polizei, die den Anschlag als Terrorakt bezeichnet. Zurzeit sitzt der Deutsch-Türke in Untersuchungshaft. Im Dezember muss er sich vor Gericht verantworten.

Was treibt den Jungen in die Arme der Dschihadisten?

Was geht in einem Jungen vor, der als Urenkel eines "Gastarbeiters" in Deutschland geboren wurde und gegen „Ungläubige“ kämpft? Wie wächst er auf? Was treibt ihn in die Arme der Dschihadisten?

Yusufs Mutter Neriman Yaman (37) gibt in ihrem Buch „Mein Sohn, der Salafist: Wie sich mein Kind radikalisierte und ich es nicht verhindern konnte“ intime Einblicke in ihr Familienleben. Sie beschreibt den Werdegang ihres Kindes, aber auch die eigene Hilflosigkeit im Angesicht seiner Radikalisierung. Obwohl sie das Problem erkennt und Hilfe sucht, kann sie nicht verhindern, dass ihr der Sohn entgleitet.

Neriman Yaman hat BRIGITTE.de per E-Mail einige Fragen beantwortet: 

In der 6. Klasse wurde bei Yusuf ADHS diagnostiziert. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Krankheit und seinem Abdriften in den Fundamentalismus?

Durch diese Krankheit hatte er jedenfalls von Anfang an Schulprobleme. Er war ein "Zap­pel­phi­lipp", wofür er jedoch nichts konnte.

Wegen seines auffälligen Verhaltens musste Yusuf das Gymnasium verlassen. Auch die Moschee schloss ihn aus. „Eigentlich bin ich sehr einsam“, sagt er später einmal zu Ihnen. Haben ihn diese disziplinarischen Maßnahmen nur weiter isoliert?

Unsere Schulen und Moscheen wissen nicht, wie man mit ADHS-Kindern umgeht. Die Kinderpsychologin sagte, dass man diese Kinder noch stärker unterstützen und fördern sollte als "normale" Kinder. Das war bei uns nicht der Fall. Im Gegenteil: Yusuf wurde nicht nur aus Schulen und Moscheen ausgeschlossen, sondern auch von Vereinen und Kindergeburtstagen.

Yusuf informierte sich im Internet, wo er auf "Hassprediger" wie Pierre Vogel stieß. Youtube & Co war offenbar ein Katalysator für seine Radikalisierung. Wie kann man Kinder davor schützen?

Man sollte Kinder nicht unbeaufsichtigt im Internet surfen lassen und sich mehr Zeit für die Beaufsichtigung nehmen, damit man weiß, auf welchen Seiten sie unterwegs sind. Wir haben aus unseren Fehlern gelernt.

Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass Yusuf mit Islamisten sympathisiert?

Es kam eins zum anderen. Zuerst war es Pierre Vogel, danach kam der salafistische "Lies"- Stand, wo Yusuf den Koran an Passanten verteilte. Vier Monate später wollte er ein muslimisches Gewand tragen, schließlich kam er in das Aussteigerprogramm "Wegweiser". Trotzdem gab es keine Besserung und es folgte ein zehnmonatiger Schulverweis. In dieser Zeit ließ er sich von einem salafistischen Imam mit einer radikalen Muslimin verheiraten. Die Ehe war nicht rechtskräftig, aber der Kreislauf war nicht mehr aufzuhalten.

Sie taten alles für Ihren Sohn –  arbeiteten weniger, suchten Hilfe, vermittelten ihn an ein Aussteigerprogramm. Trotzdem schreiben Sie: „Ich verlor Yusuf. Das wurde mir von Tag zu Tag klarer“. Bleibt am Ende nichts als Hilflosigkeit?

Ich war richtig hilflos. Und bei den Beratungsstellen hatte Yusuf die Wahl, ob er sich auf eine Therapie einlässt oder nicht. Das hat uns nicht weitergebracht. Auch in den Moscheen konnte uns niemand helfen. Man sagte nur: "Seien Sie geduldig und liebevoll, es ist bestimmt nur eine Phase." Das war nicht die Hilfe, die ich brauchte. Nach all den Behördengängen stand ich wieder da, wo ich angefangen hatte. Daher entschloss ich mich, meinem Kind selbst fachgerecht zu helfen. Ich meldete mich zu einer Ausbildung als psychologische Beraterin an. Ich bin jetzt im zweiten Semester und werde die Ausbildung zu Ende führen. 

Was raten Sie Eltern, die sich Sorgen machen, dass ihnen ihr Kind entgleitet? 

Man sollte Kindern wirklich zuhören und sie ernst nehmen. Ich finde aber auch, dass sich einige Gesetze ändern müssten, damit Eltern besser unterstützt werden.

Was schlagen Sie vor?

Der Staat sollte dafür sorgen, dass es nicht dem Kind überlassen wird, ob es eine Behandlung oder Therapie möchte - die meisten radikalisierten Jugendlichen lehnen das ab, wenn man ihnen die Wahl lässt. Es sollten auch Seminare für Lehrer angeboten werden, in denen sie lernen, mit ADHS-Kindern umzugehen. Dasselbe gilt für die Hodschas (Religionsgelehrte, Anm. der Red.) in den Moscheen. Sie sollten lernen, mit Kindern umzugehen, die sich radikalisieren.  

 

Neriman Yamans Buch "Mein Sohn, der Salafist: Wie sich mein Kind radikalisierte und ich es nicht verhindern konnte" erscheint am 6. Oktober 2016 im mvg-Verlag (Hardcover 256 Seiten, 19,99 Euro).


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