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"Quiet Quitting" Darum machen viele im Job nur noch das, wofür sie bezahlt werden

"Quiet Quitting": Frau macht Überstunden
© Hispanolistic / Getty Images
"Quiet Quitting" ist in der US-Arbeitswelt das Thema der Stunde. Es bedeutet eigentlich nur, dass Arbeitnehmer:innen auf einer Selbstverständlichkeit bestehen: Nicht mehr zu tun als das, wofür sie auch bezahlt werden.

Überstunden, Anrufe und E-Mails nach Feierabend, sowie zusätzliche Aufgaben, gehören für viele Arbeitnehmer:innen zum Alltag. Was allerdings nicht bedeutet, dass sie dies einfach so hinnehmen wollen. In den sozialen Medien ist gerade viel die Rede vom "Quiet Quitting", was auf Deutsch so viel heißt wie "stille Kündigung". Der Begriff beschreibt, wie sich Angestellte weigern, sich über Gebühr für ihren Arbeitgeber zu engagieren – und stattdessen ihren eigenen Freiraum sichern.

Populär geworden ist der Begriff durch ein TikTok-Video des Users "zaidleppelin", das mittlerweile fast dreieinhalb Millionen Mal aufgerufen wurde. Darin erklärt der Nutzer, was hinter dem Phänomen steckt: Man kündigt nicht seinen Job, geht aber nicht mehr die sprichwörtliche "Extrameile" für den Arbeitgeber. "Arbeit ist nicht dein Leben, dein Wert als Mensch definiert sich nicht über deine Produktivität", heißt es in dem Video.

"Quiet Quitting": Pandemie verändert Arbeitsbedingungen

Vor allem in den USA wird seitdem viel über "Quiet Quitting" geredet – offenbar fühlen sich viele Arbeitnehmer:innen durch ihren Alltag im Job unglücklich, gestresst und überlastet. Sie mögen ihre Arbeit eigentlich, denken auch nicht daran, ihre Stelle zu kündigen, wollen aber die Anforderungen, die an sie gestellt werden, oft nicht mehr akzeptieren. Dazu gehören zum Beispiel regelmäßige Überstunden, unregelmäßige Arbeitszeiten oder andere Aufgaben, die eigentlich gar nicht in ihrem Vertrag stehen – und für die sie auch nicht bezahlt werden.

In vielen Unternehmen wurde dieses zusätzliche Engagement implizit immer erwartet. Doch die Pandemie hat das Problem noch einmal verschärft: In vielen Branchen herrscht ein großer Personalmangel, weil Angestellte gekündigt haben (oder gekündigt wurden), der Betrieb aber aufrechterhalten werden muss. Deshalb müssen diejenigen, die noch im Unternehmen arbeiten, mehr leisten. In manchen Bereichen, die nach den Corona-Einschränkungen nun wieder zum Normalniveau zurückkehren, sorgt das sogar für pures Chaos – beispielsweise an Flughäfen.

Überstunden sind an der Tagesordnung – teils sogar unbezahlt

Für die "Quiet Quitter" gilt: Feierabend ist Feierabend. Sie versprechen sich davon mehr Zeit für Familie, Freunde und Hobbys, ebenso wie eine bessere psychische Gesundheit. Viele befürchten ein Burnout, sollte sie nichts an ihrem aktuellen Arbeitsalltag ändern. Und wenn sie mehr tun, als eigentlich von ihnen verlangt wird, wollen sie dafür entlohnt werden. "Wenn du willst, dass Leute außergewöhnliches Engagement zeigen, dann biete ihnen etwas dafür", rät der Startup-Berater Ed Zitron im Gespräch mit dem US-Radiosender NPR Arbeitgebern. "Zeigt ihnen einen direkten Weg von 'Ich gebe mein Bestes' zu 'Ich werde dafür belohnt'." Und: Es sollte auch immer die Möglichkeit geben, 'Nein' zu zusätzlichen Aufgaben zu sagen.

Auch in Deutschland könnte der Gedanke des "Quiet Quitting" auf fruchtbaren Boden fallen. Denn auch hier gehört Mehrarbeit zum Alltag: Laut Statistischem Bundesamt haben in Deutschland im vergangenen Jahr durchschnittlich 4,5 Millionen Menschen Überstunden geleistet. Das entspricht einem Anteil von zwölf Prozent der Arbeitnehmer:innen. Knapp 22 Prozent der Überstunden wurden nicht bezahlt.

Nicht fehlende Motivation, sondern Selbstfürsorge

Nicht zu verwechseln ist der Begriff des "Quit Quitting" übrigens mit der "inneren Kündigung", bei welcher Arbeitnehmer:innen so unzufrieden sind, dass sie nur noch eine geringe Arbeitsleistung erbringen – oder zumindest eine geringere als in ihrem Vertrag vorgesehen. "Der Begriff legt nahe, dass Arbeitnehmer:innen, die einfach ihren Job machen, in irgendeiner Form gekündigt haben. Die Arbeitnehmer:innen wirken wie die Bösen, wenn sie nur Job nach Vorschrift machen", kritisiert auch Ed Zitron. Wer nicht umsonst arbeite, bekomme das Gefühl vermittelt, er würde die Firma bestehlen. 

Expert:innen warnen deshalb davor, den Trend zum "Quiet Quitting" falsch zu interpretieren: Es gehe nicht um Unmotiviertheit, sondern darum, zu seinem eigenen Wohl Grenzen zu ziehen, Prioritäten zu setzen und Überlastungen zu vermeiden. Eigentlich etwas, was selbstverständlich sein sollte.

Quellen:  "zaidleppelin" auf TikTok / #quietquitting auf TikTok / NPR / CNN / Statistisches Bundesamt

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei stern.de.

epp/stern

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