"Team Wallraff" deckt auf: Erschütternde Zustände in Psychiatrien

"Hinter geschlossenen Türen – undercover in Psychiatrien und Jugendhilfe": Mit seiner neusten Undercover-Recherche offenbart das "Team Wallraff" die teilweise schockierende Behandlung von Patienten in psychiatrischen Einrichtungen.

Das "Team Wallraff" rund um den Kölner Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff (76) war wieder unterwegs. Für die neueste Enthüllungsreportage der Undercover-Reporter ging das Team Hinweisen von Zuschauern und ehemaligen Patienten auf untragbare Zustände in psychiatrischen Einrichtungen nach. Und tatsächlich: Bei ihren mehr als einjährigen Undercover-Recherchen erleben Reporter in mehreren Häusern "zum Teil haarsträubende Missstände bei der Betreuung und Behandlung von Bewohnern", so die Pressemitteilung von RTL.

Darin steht weiter zu lesen: "Sie treffen auf verzweifelte und traumatisierte Menschen und können beobachten, dass das Personal oft an seine Grenzen kommt. Sie dokumentieren mehrfach Fälle von Überbelegung. Sie werden Zeuge, dass Betroffene auch aus disziplinarischen Gründen auf dem Flur schlafen müssen und erleben, wie einzelnen Patienten gegen ihren Willen heimlich Medikamente verabreicht werden. Auch die rechtlich zweifelhafte Methode der Fixierung von Patienten bekommen sie mehr als einmal mit."

Manche Patienten sollen wochenlang fixiert worden sein. Bei einer Chefarzt-Visite erlebt die als Praktikantin getarnte Reporterin, wie Patienten mit ihren Fragen in aller Kürze abgespeist werden: "Das Gespräch mit einem neuangekommenen depressiven Patienten etwa dauert exakt 16 Sekunden, während alle anderen Patienten und Angestellte drum herum stehen."

In einer Klinik äußern Betreuer den Verdacht, dass alte Menschen dort zum Teil mit möglicherweise falscher Diagnose festgehalten werden, weil Altenpflegeeinrichtungen fehlen und weil dies auch lukrativ sei. Und in einer Jugendhilfeeinrichtung stoßen die Reporter auf einen sogenannten Deeskalationsraum, in dem Bewohner scheinbar weggesperrt und dabei nicht wie vorgeschrieben betreut werden. 

Hat "Team Wallraff" in ein Wespennest gestochen?

Die Einsätze führen die Reporter unter anderem nach Frankfurt (Psychiatrie im Klinikum Frankfurt Höchst), Stuttgart (Furtbachkrankenhaus), Berlin (Vivantes Klinikum Spandau) und in die Eifel (Case Project, Jugendhilfeeinrichtung in Wanderath).

In bekannter "Team Wallraff-Manier" wurden die entsprechenden Bilder wieder mit versteckter Kamera gedreht, die Montage ruft auch diesmal wieder so manchen Zweifler auf den Plan. RTL musste bereits eine fehlerhafte Bildmonate eingestehen, so berichtet der "Spiegel".

Dabei scheint es, so RTL, als habe "Team Wallraff" bei diesem heiklen Thema in ein Wespennest gestochen. Nie zuvor sei die Redaktion im Vorfeld einer Sendung "mit so vielen Abmahnungen und anderen juristischen Androhungen überzogen worden, um die Ausstrahlung der Reportage zu verhindern". 

Davon unbeirrt, dokumentieren Günter Wallraff und sein Team eine beklemmende Reportage, die "grundsätzliche Fragen zum Umgang mit Patienten in psychiatrischen Einrichtungen" aufwerfe. 

Reporterin: "So habe ich mir eine Psychiatrie nicht vorgestellt"

In einem Video auf der Facebook-Seite der Sendung zieht eine Reporterin eine ernüchternde Bilanz: "Es gibt sicherlich auch in Deutschland viele sehr gute Psychiatrien, manche haben wir auch während unserer Recherchen kennengelernt. Aber in anderen sind schon mal die Gebäude sehr alt, es sind zu viele Patienten auf engem Raum untergebracht ... es gibt wenig Beschäftigung, wenig Therapieangebote, dafür aber sehr viele Medikamente, die verabreicht werden, teils mit starken Nebenwirkungen, und ich habe auch Menschen beobachtet, die überdosiert waren, die teils sehr stark sediert wirkten. Und da entsteht manchmal eine Atmosphäre, wo es einfach sehr laut ist, wenn die Leute nichts zu tun haben, eine Atmosphäre von Gewalt und Aggressionen, und ich habe mich oft gefragt: Wie soll man denn in so einer Atmosphäre gesund werden? ... So habe ich mir eine Psychiatrie einfach nicht vorgestellt. Ich habe gedacht, das ist auch ein Ort, wo man aufgefangen wird. Das war eben teilweise gar nicht so."

Die Brisanz des Themas machen folgenden Zahlen von RTL deutlich: "Seit Jahren nehmen psychische Erkrankungen zu: sie sind mittlerweile die zweithäufigste Ursache für Krankschreibungen. In Deutschland sind 17,8 Millionen Erwachsene betroffen, also mehr als jeder vierte. Mehr als 800.000 Menschen lassen sich jährlich stationär in einer psychiatrischen Klinik behandeln."  

Zu der Frage, was es brauche, damit sich die Zustände in psychiatrischen Einrichtungen verbessern, schlägt im Gespräch mit Günter Wallraff Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, der Präsident der Bundesärztekammer, vor: "Wir müssen die Modernität der Kliniken verbessern, es gibt teils noch viele alte Gebäude, wir haben einen Investitionsstau von 30 Milliarden Euro. Zweitens muss man die Krankenhäuser ausreichend mit Ärzten ausstatten, Ärzte, die ihr Fach ausreichend verstehen. Wir haben echten Ärztemangel und importieren Ärzte aus anderen Ländern, auch außerhalb der europäischen Union, da muss man sich manchmal fragen, ob es nicht besser wäre, wenn für so schwierige Bereiche mehr deutsche Ärzte zur Verfügung stehen. Und drittens: man muss die Finanzierungsbedingungen ausreichend gestalten und im Moment hat dieses Land ausreichend Geld."

Die Reportage "Hinter geschlossenen Türen – undercover in Psychiatrien und Jugendhilfe" könnt ihr bei RTL Now ansehen.

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mh
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