Wenn Fremde plötzlich zu Nachbarn werden

Wie reagieren Menschen, wenn in ihrer Nachbarschaft Flüchtlinge untergebracht werden? Ein Gespräch mit Regisseur Hauke Wendler über seinen Dokumentarfilm "Willkommen auf Deutsch".

BRIGITTE.de: Herr Wendler, ihr Dokumentarfilm "Willkommen auf Deutsch", bei dem sie zusammen mit Carsten Rau Regie geführt haben, zeigt die gesellschaftlichen Auswirkungen der deutschen Asyl- und Flüchtlingspolitik am Beispiel von zwei kleinen Gemeinden im Landkreis Harburg. Wie haben Sie sich dem Thema genähert?

Hauke Wendler: Wir machen bereits seit zehn Jahren Dokumentarfilme und Reportagen zum Thema Flucht und Migration. Ich persönlich setze mich schon seit 25 Jahren, seit den Anschlägen in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen mit dem Thema Flüchtlinge auseinander. Es gab im Herbst 2013 starke Proteste gegen eine Asylbewerberunterkunft in Berlin-Hellersdorf. Das war für uns der Punkt, an dem wir entschieden haben, einen Film über die "Willkommenskultur" in Deutschland zu machen - über die Frage, wie jeder einzelne von uns mit Flüchtlingen umgeht. Wir haben dann begonnen, uns umzuschauen und sind letztlich durch Zufall auf die tschetschenische Familie in Tespe gestoßen, die im Film eine der Hauptrollen spielt. Von da aus ging alles los.

Der Autor, Regisseur und Produzent Hauke Wendler studierte Politische Wissenschaften und Geschichte in Hamburg und London. Er schrieb mehrere Bücher über Medienpolitik und Migration und arbeitete elf Jahre beim NDR. 2006 gründete er mit Carsten Rau die PIER 53 Filmproduktion in Hamburg. Für ihre Arbeit wurden sie mehrfach ausgezeichnet.

Wie haben Sie das Vertrauen der Familie gewonnen?

Wir haben lange Vorgespräche geführt. An einem solchen Dokumentarfilm mitzuwirken und sich offen zu positionieren birgt ja auch ein gewisses Risiko für Flüchtlinge. Danach haben wir überlegt, wie wir die andere, die deutsche Seite zeigen können. Im gleichen Landkreis spitzte sich im Ort Appel zu der Zeit die Debatte gerade zu. Das war ein guter Kontrapunkt zu dem, was wir in Tespe erlebt haben. So wurde die Bürgerinitiative in Appel der zweite Handlungsstrang des Films. Der Leiter der Sozialbehörde des Landkreises Harburg, Reiner Kaminski, war ein optimales Verbindungsglied zwischen den Orten, weil er mit beiden zu tun hat und uns vor Augen führt, was auch alles organisatorisch an der Frage der Unterbringung von Flüchtlingen hängt.

War es schwierig, ihn zum Mitwirken zu überreden?

Es war tatsächlich nicht einfach. Wir haben uns mit ihm zusammengesetzt und ihm erklärt, was wir uns vorstellen - dass es darum gehen soll, in einer ruhigen Beobachtung die ganzen Graustufen der kontrovers geführten Flüchtlingsdebatte herauszuarbeiten. Das hat ihn überzeugt. Kurze Nachrichtenbeiträge können den Zwiespalt, in dem viele Menschen stecken, nicht aufgreifen. Ein langer Film kann das eher.

Auch wenn der Film auf jegliche Kommentierung verzichtet, entwickelt man als Zuschauer keine Sympathie für die Mitglieder der Bürgerinitiative, die sich gegen die Unterbringung von 53 Flüchtlingen in einem ehemaligen Alterswohnheim wehren. Wie haben die Bewohner Appels auf den Film reagiert?

Als wir den Film dort gezeigt haben, war die Stimmung überraschend gut. Die beiden Damen, die auch als Vertreterinnen der Bürgerinitiative im Film zu sehen sind, sagten hinterher: "Es ist zwar nicht immer schön, sich auf der Leinwand so zu sehen, aber so war es halt." Herr Prahm, der ebenfalls die Meinung der Bürgerinitiative im Film vertritt und damit die Ängste, Sorgen und Vorbehalte vieler Menschen repräsentiert, hat den Kontakt zu uns nach der Veröffentlichung des Films abgebrochen.

War Ihnen von Anfang an klar, dass Sie die Protagonisten für sich sprechen lassen wollen und sich selbst sehr zurücknehmen?

Die Idee, einen ruhigen und beobachtenden Dokumentarfilm zu machen, fußt auf unserer Erfahrung mit dem Thema. Die Diskussion zum Thema Flüchtlinge in Deutschland ist so zugespitzt und polarisiert so sehr, dass wir dringend aus diesen Ecken raus müssen - aus diesen vorgefertigten Klischees, die jeder mit sich herumschleppt. Wir müssen ins Gespräch kommen, uns austauschen. Nicht zuletzt, um die Politiker aufzufordern, zu handeln und bessere, nachhaltigere Konzepte zu entwickeln. Denn so, wie es bisher läuft, geht es nicht.

Welche Momente sind Ihnen rückblickend besonders in Erinnerung geblieben?

Das sind vor allem die dramatischen Momente - als etwa die tschetschenische Familie akut von Abschiebung bedroht war und täglich fürchtete, dass ein VW-Bus vor der Tür steht und sie mitnimmt. Je länger das zurückliegt, desto mehr schöne Momente kommen dazu. Zum Beispiel der Abend, an dem wir die tschetschenischen Jungs mit ins Kino genommen haben, sie mit uns nach vorne kamen und ganz stolz darauf waren, auf der Leinwand zu sehen zu sein. Für die Familien sind solche Glücksmomente aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Was ist aus den Protagonisten geworden?

Wenn wir mit den Dreharbeiten beginnen, ziehen wir da erstmal eine klare Grenze und sagen allen Beteiligten, dass wir nicht als Sozialarbeiter oder politische Aktivisten ankommen, sondern als Filmemacher. Doch wenn man dann so viel Zeit miteinander verbringt, verbindet das natürlich. Wir haben mit allen Protagonisten aus dem Film auch heute noch einen sehr engen Draht. Der Film ist seit einem Jahr fertig, aber an ihrem Status hat sich leider nach wie vor nichts verändert. Sie warten noch immer auf eine Entscheidung über ihre Asylanträge. Das belastet sie psychisch sehr. Alles kreist um die Frage: Dürfen wir hier bleiben oder nicht?

Seit März 2015 wurde "Willkommen auf Deutsch" bereits in 170 Kinos und auf vielen Festivals gezeigt. In der ARD erreichte er eine Zuschauerquote von 1,1 Millionen. Schulen, Gemeinden oder Initiativen können den Film buchen, um ihn bei sich vor Ort zeigen und darüber diskutieren zu können. Mehr Infos dazu gibt es auf der Website zum Film unter dem Punkt "Mitmachen".

Nicole Wehr

Wer hier schreibt:

Nicole Wehr
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Guten Morgen, Welt!

Guten Morgen, Welt!

Wir servieren euch täglich Trends, Top-Stories und kuriose Netzfundstücke zum Frühstück!

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Wenn Fremde plötzlich zu Nachbarn werden

Wie reagieren Menschen, wenn in ihrer Nachbarschaft Flüchtlinge untergebracht werden? Ein Gespräch mit Regisseur Hauke Wendler über seinen Dokumentarfilm "Willkommen auf Deutsch".

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden