Protest für bessere Kinderbetreuung: "Ich bin beschämt"

Flexible Kinderbetreuung, mehr Kita-Plätze, bessere Betreuungsschlüssel: Das forderten die Teilnehmer der Initiative "Wimmel Attacke" von der Politik. Wir haben mit der Initiatorin Susanne Breidenbach gesprochen.

"Wir sind Mütter und Väter, Menschen mit oder ohne Kinderwunsch. Wir leben in einer Gemeinschaft. Wir sind ArbeitnehmerInnen, UnternehmerInnen, FreiberuflerInnen. Wir sind bzw. werden bestens ausgebildet und leistungsfähig, wir sind engagierte Werktätige in Betrieben und Familien. Wir sind BürgerInnen in Deutschland. UND: WIR SIND ZORNIG!"

Mit diesen Worten begann der Appell der Initiative "Wimmel Attacke", die am 20. Februar mit einer E-Mail-Aktion gegen die schlechte Kinderbetreuungssituation in Deutschland protestierte. Wir haben mit der Initiatorin, der Bochumer Galeristin Susanne Breidenbach, über die Aktion gesprochen.

Falscher Ring: Frau mit Verlobungsring

Galeristin Susanne Breidenbach hat die "Wimmel Attacke" initiiert

BRIGITTE.de: Frau Breidenbach, Sie sind kinderlos und beschäftigen sich als selbstständige Galeristin mehr mit Kunst als mit Kinderkram. Warum haben ausgerechnet Sie eine Initiative für eine bessere Kinderbetreuung gegründet? Susanne Breidenbach: Auch wenn ich selbst keine Kinder habe, begegnet mir dieses Thema schon seit Jahren regelmäßig. Viele meiner Freunde und Mitarbeiterinnen haben Kinder, und ich habe mich schon immer darüber geärgert, wie schwer es ihnen gemacht wird, Kinder und Beruf gut unter einen Hut zu bekommen. Besonders mitgenommen hat mich ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin im letzten Jahr. Sie erzählte mir vom Betreuungsschlüssel in der Kita ihrer kleinen Tochter. Dort betreuen zwei Erzieherinnen eine Gruppe von 22 Kindern, darunter auch unter Dreijährige. Da aber ständig eine Erzieherin wegfällt, etwa wegen Krankheit oder auch um ein Kind zu wickeln, ist eine Betreuerin regelmäßig mit der ganzen Gruppe allein. Das ist doch grotesk! Doch die Mitarbeiterin sagte mir, dass sie froh sei, überhaupt einen Platz zu haben und nicht die Kraft habe, sich gegen solche Zustände zu wehren. Sie fühle sich, so wörtlich, "erschöpft und verlassen". Das ging mir zu Herzen. Und dann haben Sie beschlossen, selbst aktiv zu werden?

Richtig. Auf den Eltern in diesem Land lastet so ein großer Druck, da sehe ich es als meine Pflicht an, mich als Kinderlose nach meinen Möglichkeiten zu engagieren. Früher war ich wütend über die Situation, heute bin ich zudem tief beschämt. Es muss in dieser Gesellschaft ganz oben auf der Agenda stehen, dass den Eltern eine flexible, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung zur Verfügung steht. Schon allein aus banalen ökonomischen Gründen. Auch ich als Unternehmerin habe schließlich Nachteile, wenn meine Mitarbeiter nicht so arbeiten können, wie sie wollen - etwa, weil der Kindergarten schon um 16 Uhr zumacht oder freitags nur bis mittags geöffnet ist. Und bei uns gibt es ja immerhin die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, in Teilzeit etc. Das bieten ja längst nicht alle Arbeitgeber an. Wie genau sah die Aktion "Wimmel Attacke", die Sie initiiert haben, aus?

Wir haben alle, die sich ebenfalls ärgern, aufgerufen, am 20. Februar E-Mails mit ihren Forderungen an verantwortliche Personen und öffentliche Stellen zu schreiben. Dafür haben wir einen E-Mail-Verteiler mit rund 1.500 Adressen von Politikern und öffentlichen Stellen zur Verfügung gestellt. Und es hat funktioniert: In ganz Deutschland haben sich Menschen an der "Wimmel Attacke" beteiligt. Wie viele Leute es genau waren, kann ich nicht sagen. Aber ich schätze, dass wir im Vorfeld durch die Presse und Facebook-Seite ca. 12.000 Menschen für das Thema interessieren konnten.

Gab es Feedback auf die Mails?

Erste Reaktionen aus der Politik gab es schon am Vormittag. Per E-Mail und auf Facebook entwickelten sich angeregte Diskussionen zwischen Politikern, Bürgern und Betroffenen. Insgesamt haben rund 25 Politikerinnen und Politiker direkt auf die "Wimmel Attacke" reagiert. Und es kommen immer noch Antworten, die wir auf unserer Facebook-Seite veröffentlichen.

Und was sagten die Politiker zu Ihren Forderungen?

Parteiübergreifend ist eines sichtbar geworden: Ja, man bekundet Solidarität. Ja, man bedankt sich für die Initiative. Ja, fast allen erscheint das Anliegen der Wimmel Attacke nachvollziehbar und dringlich. Aber: Direkt tun kann niemand etwas. Allen Entscheidungsträgern scheinen die Hände gebunden zu sein: Sei es wegen der Versäumnisse der vorherigen Regierung oder auf Grund des föderalen Systems, das die Zuständigkeiten so weit verteilt, dass niemand sich wirklich verantwortlich fühlt. Denn als wichtigste Handlungsebene liegt es in der Hand der Kommunen, welche Maßnahmen wie schnell umgesetzt werden. Zu Recht stellt sich hier die Frage: Können die Kommunen das hauptverantwortlich leisten? Wir sind der Meinung, dass Bund und Länder noch mehr Unterstützung bieten müssen. Angeblich arbeiten die Kommunen und Länder ja schon mit Hochdruck daran, die fehlenden 200.000 Kita-Plätze zu schaffen.

Aber es reicht noch nicht. Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel: 2006 erzählte mir der Kanzler der Ruhr-Universität in Bochum, Gerhard Möller, dass die Uni einen neuen Kindergarten plane. Die Uni ist sehr engagiert und kennt sich als öffentlicher Betrieb damit aus, wie man an entsprechende Genehmigungen und Fördergelder gelangt. Trotzdem wurde dieser neue Kindergarten erst im Herbst 2012 eröffnet, also rund sechs Jahre später! Und der Prozess ist nicht nur kompliziert und langwierig, es scheitert auch am Geld: So würde die Ruhr-Uni eigentlich gerne einen weiteren Kindergarten bauen, aber da die Kosten nur zu einem Bruchteil öffentlich bezuschusst werden, kann sie sich das schlicht nicht leisten. Dabei stehen auf der Warteliste 140 Kinder! Wollen Sie noch weitere Protestaktionen starten?

Noch haben wir nichts Konkretes geplant, aber ich habe fest vor, an dem Thema dran zu bleiben und die Initiative über unsere Facebook-Seite am Laufen zu halten. Es müssen sich mehr Menschen für Familien in Deutschland einsetzen – und hier spreche ich vor allem Männer an. Denn ich habe das Gefühl, dass es immer noch hauptsächlich die Frauen sind, die sich für eine bessere Kinderbetreuung engagieren. Das reicht nicht, das Thema geht uns alle an.

Artikel aktualisiert am 7.3.2013 Teaserbild: nailiaschwarz / photocase.com

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