Abtreibungsschicksale: "Ich wollte den Vergewaltiger nicht im Gesicht meines Kindes sehen"

Nachdem der US-Bundesstaat Alabama ein restriktives Abtreibungsgesetz verabschiedet hat, regt sich Widerstand im Netz. Unter dem Hashtag #YouKnowMe erzählen Frauen ihre persönlichen Geschichten. 

Abtreibung steht selbst bei Vergewaltigung und Inzest unter Strafe

Der US-Bundesstaat Alabama hat das restriktivste Abtreibungsgesetz der USA beschlossen: Es verbietet Abtreibungen auch dann, wenn eine Schwangerschaft das Ergebnis einer Vergewaltigung oder von Inzest ist. 

Einzige Ausnahme: Ist das Leben der Mutter gefährdet, darf ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen werden. In allen anderen Fällen riskieren Gynäkologen und Gynäkologinnen Gefängnisstrafen zwischen zehn und 99 Jahren. 99 Jahre!?

99 Jahre Gefängnis - es klingt wie eine symbolische Zahl aus der Hölle oder aus der alten Kirche, die den Zahlenwert des Wortes "Amen" als 99 interpretiert hat. 

Es macht wütend, dass Politiker und Politikerinnen sich herausnehmen, intimste Lebensentscheidungen von Frauen zu reglementieren und zu kriminalisieren. In diesem Fall können wir das aber nicht nur auf die 25 Männer schieben, die für das Gesetz gestimmt haben sollen, und die Sängerin Rihanna empört an den Twitter-Pranger stellt. An der Spitze der Anti-Abtreibungsbewegung in Alabama steht die republikanische Abgeordnete Terri Collins. 

Frauen zeigen im Netz, wie notwendig das Recht auf freie Entscheidung ist

Aus Protest gegen das Gesetz haben Frauen begonnen, im Netz ihre Abtreibungsgeschichten zu veröffentlichen. Schauspielerin und TV-Talkerin Busy Philipps hatte den Anfang gemacht und unter dem Twitter-Hashtag #youknowme Frauen dazu aufgerufen, ihre Erfahrungen zu teilen.

Philipps schrieb: "Eine von vier Frauen hatte eine Abtreibung. Viele Leute denken, sie kennen niemanden, der eine hatte, aber ihr kennt mich (#youknowme). Also lasst uns Folgendes tun: Wenn du auch eine von vieren bist, lasst uns das teilen und anfangen, die Scham zu beenden. Teilt eure Wahrheit unter #youknowme."

Die öffentlichen Geständnisse unter dem Hashtag erzählen davon, was Frauen mit solch einem Gesetz angetan wird: Sie sollen gezwungen werden, Kinder zur Welt zu bringen und großzuziehen, die in grauenvollen Situationen gewaltsam gezeugt wurden, oder die schwerste Krankheiten haben. 

Einige Frauen machen aber auch deutlich: Schicksale wie diese dürfen nicht Bedingung dafür sein, eine Schwangerschaft zu beenden. Sie wollen selbst entscheiden, was mit ihren Körpern und mit ihrem Leben geschieht - ohne das begründen oder rechtfertigen zu müssen.

Hier kommen Auszüge aus dem Tweet:

"Ein Hinterhof. Ich war 19, es war 1966. Ich bin nicht gestorben. Aber ich hätte sterben können."

"Das Baby war ein verzweifelter Wunsch, hatte aber Chromosomen- und andere körperliche Defekte. Es war die schwerste Entscheidung unseres Lebens, aber sie war die richtige. Ich denke jeden Tag an den Kleinen."

"Verdammt hart für mich, das zu veröffentlichen. Das Kondom wurde ohne meine Zustimmung entfernt – ich war betrunken und fragte viel zu spät – und die Pille danach wirkte nicht. Höchste Zeit, dass ich mich deshalb nicht mehr so schäme."

"Ich war 16 und das Kondom riss. Es war nie eine Frage, was ich tun würde, und ich habe es nie bereut. Und ich kenne mindestens fünf andere Frauen, die auch eine hatten, und die später Kinder bekamen, als sie bereit dafür waren, und die wunderbare Mütter sind." 

"Ich habe das Gefühl, dass ich herzzerreißende Gründe dafür angeben muss, warum ich zwei Abtreibungen hatte. Ich wollte einfach nicht die Verantwortung und die Kosten, die es mit sich bringt, ein Kind allein großzuziehen."

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"Meine Tochter war ein Jahr alt und ich wusste, dass ich mir finanziell kein weiteres Baby leisten konnte. Es war die schwerste, schmerzhafteste und zutiefst persönliche Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe. Dass die Regierung sich in solch extrem private Dinge einmischt, ist lächerlich."

"Ich war 17 und nicht mal ansatzweise bereit, ein Kind großzuziehen. Nach jahrelangen Schuldgefühlen habe ich schließlich Frieden mit mir geschlossen und ich weiß, dass es die richtige Entscheidung für mich war. Ich habe jetzt einen Job, den ich liebe, ein großartiges Leben und studiere. Kein Bedauern. Jede Frau verdient es, eine Wahl zu haben und Zugang zu einem sicheren Verfahren." 

"Ich war 15 und wurde beim ersten Sex schwanger. Ich wollte aufs College, ein Leben. Keine Reue." 

"Ich hatte eine als ich 20 war. Ich wollte ein Baby, aber mein Freund wollte keines. Ich hatte zu viel Angst, es alleine zu bekommen und ich wollte kein Baby auf diese Welt bringen, wenn ein Elternteil sich nicht zu 100 Prozent darauf einließ. Ich bin so dankbar, dass ich die Wahl hatte zu tun, was ich tat."

"Ich hatte mit 18 eine Abtreibung. Ich war angegriffen und vergewaltigt worden. Ich hörte auf, mit einigen meiner Freunde zu sprechen, weil sie fanden, dass ich das Baby behalten soll. DAS GING NICHT! Damit ich den Mann, der mir das angetan hatte, im Gesicht meines Kindes sehe?? Nee. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe."

"Ich war sehr jung, 19, und wurde bei einer Party angegriffen. Die Sache war klar, ich war schnell und bedauerte nichts. Später heiratete ich und habe zwei wundervolle Jungs bekommen. Niemand sollte sich herausnehmen, die Familie einer jungen Frau zu planen; ich habe meine zum richtigen Zeitpunkt geplant." 

"Ich war 20 und in einer Beziehung mit jemandem, der gewalttätig war. Zwei Tage, bevor ich es herausfand, wurde ich gefeuert, vier Tage vorher ging mein Auto kaputt. Meine Eltern ließen sich scheiden und ich hatte 34 Dollar. Ich war nicht in der Lage, ein Kind auf diese Welt zu bringen."

Hoffen wir, das sich noch viel mehr Frauen zu Wort melden, um für ihre Selbstbestimmungsrechte zu kämpfen. 2017 hatte Schauspielerin Alyssa Milano bereits den Hashtag #MeToo angestoßen, der sich zu einer weltweiten Bewegung gegen sexuellen Missbrauch ausweitete, und ein Umdenken sowie Gesetzesänderungen bewirkte.

VIDEOTIPP: Mannheimer Lokalpolitiker zeigt Abtreibung auf Youtube - zur "Abschreckung"

Julien Ferrat ist Stadtrat in Mannheim. In seiner Freizeit rappt er.

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