Lilly (15) konvertiert zum Islam: "Die Wärme der Muslime ist überwältigend"

Lilly ist 15, als sie zum Islam konvertiert. Keine große Sache. Aber irgendwie schon. Für Freunde, Nachbarn - und für ihre Mutter. Wie geht man damit um, dass die eigene Tochter plötzlich angefeindet wird, weil sie Hidschab trägt? Oder mit der Furcht, sie könne in extreme Kreise abgleiten?

Neben der MCM-Tasche liegt der Gebetsteppich

Es ist ruhig in der kleinen Doppelhaushälfte, in der Lilly zusammen mit ihren beiden Geschwistern und Mutter Kerstin lebt. Während Kerstin in der Küche die letzten Überbleibsel des gestrigen Grillabends in die Spülmaschine räumt, sitzt die 17-Jährige in ihrem Zimmer und zieht ihre sorgfältig gezupften Augenbrauen nach.

Wie bei allen Teenagern ist Lillys Zimmer ihr Rückzugsort. Poster, Handtaschen, Mädchenkram. Auf der rosafarbenen Wand klebt ein weißes Wandtattoo. "Bismillah, ar-Rahman, ar-Rahim" steht da - "Im Namen Gottes" auf Arabisch. Darunter hat Lilly zwei Bücher dekorativ auf einem Regal angeordnet: den Koran und "Die ideale Muslima", eine Art Verhaltenskodex für die muslimische Frau. Neben der MCM-Tasche liegt der Gebetsteppich - ein Geschenk ihrer Mutter. Eine lieb gemeinte Geste, als klar war, dass das alles keine Phase ist. Der Teppich ist rot, zwei Handgriffe, und er ist ausgerollt, in Richtung Mekka, ungefähr.

Am Anfang nahm es Lilly mit dem Beten sehr genau. Fünfmal am Tag rollte sie ihn aus, egal wo sie gerade war. Sogar schon mal auf einem Rastplatz an der Autobahn. "Da haben die Leute vielleicht geguckt", sagt Mutter Kerstin. Heute, zwei Jahre später, betet sie, wenn es zeitlich passt. Meistens morgens und abends. Zu Hause.

Die muslimische Tradition gibt Lilly die Orientierung, die sie sucht

Anfänglich glaubte ihre Familie, dass Lilly nur provozieren wollte. Schließlich war sie in dem Alter, in dem die Welt mit ihren Möglichkeiten riesengroß wird und die eigene Familie sehr eng und klein.

Mit 13 beginnt sie auszubrechen. Sie schleicht sich weg, trinkt Alkohol, schwänzt die Schule. "Ich kam kaum noch an sie heran", erinnert sich die 49-jährige Mutter. Sie streiten sich viel. Tatsächlich fühlt sich auch Lilly mit dem Lügen nicht mehr wohl. Sie sucht mehr. Etwas, an dem sie sich festhalten kann, das ihr Orientierung gibt - sie will glauben.

Das Mädchen beschäftigt sich mit der Bibel, dem Buddhismus, von ihren Mitschülern ist sie die muslimischen Traditionen gewohnt: Viele tragen Kopftuch. Immer häufiger kommen sie ins Gespräch, diskutieren. Eine Freundin bietet ihr an, sie mit in eine Moschee zu nehmen. Sie ziehen die Schuhe aus, sitzen zusammen, reden über Familie, Freunde und Respekt. Es ist so viel wärmer als der evangelische Gottesdienst, den Lilly kennt. Lilly will dazugehören, begeistert stürzt sie sich in die islamischen Rituale, betet arabisch, feiert religiöse Feste und besucht die Moschee.

Die Mutter schlichtet, obwohl sie Lillys Entscheidung selbst nicht versteht

Und ihre Mutter? "Ich war mit der Situation überfordert", sagt sie. Und, ja, auch genervt, wenn Lilly wieder einen ihrer übereifrigen Monologe beim Abendessen hält oder sie krampfhaft nach einem Restaurant suchen müssen, in dem alle etwas essen können. Da rollen schon mal die Augen, die Geschwister lassen Sprüche fallen, die Mutter schlichtet, obwohl sie sich selbst fragt, ob das denn sein muss mit diesen Dogmen. Schließlich spielte Religion in ihrer Familie nie eine Rolle. Und nun soll sie sich an irgendwelche Regeln halten, verstehen, was "halal" bedeutet, schauen, ob sie noch in Länder wie die USA reisen können. Wegen Lilly. Ihrer Tochter.

"Hast du keine Angst, dass sie sich dem IS anschließt?", wird die Mutter von besorgten Bekannten gefragt.

"Oder in die Fänge eines radikalen Mannes gerät, der sie unterdrückt?" Absurd? Natürlich. Doch das Gedankenkarussell der Mutter vermischt sich mit den angsteinflößenden Nachrichtenbildern. "Ich habe ihr ganz offen gesagt, dass mein Ex-Mann und ich uns vor der extremen Seite des Islams fürchten. Wenn sie sich so schnell in diese Richtung beeinflussen lässt, dann vielleicht auch in eine andere." - "Boah, Mama, so schlimm ist es doch gar nicht!", hört Kerstin dann. Sie fürchtet, dass ihre Tochter mauern könnte, dass sie wieder den Zugang zu ihr verliert.

Doch diesmal ist es anders. Lilly hört zu. Um ihr die Sorgen zu nehmen, nimmt sie ihre Mutter mit in die Moschee. Zusammen hören sie sich Vorträge an. Junge Frauen holen Stühle für die Alten, jeder hat etwas zu essen dabei. Keine Aufrufe zum heiligen Krieg, stattdessen zu Nächstenliebe und Respekt. Was hatte Kerstin auch erwartet? Dass hier heimlich der IS-Nachwuchs herangezüchtet wird?

Natürlich hat der Islam wenig mit den reißerischen Schlagzeilen und Panikbotschaften zu tun, das weiß sie heute selbst. "Aber was ist mit all denen, die den Islam nur aus den Nachrichten kennen?", fragt sie. "Es ist schon unglaublich, wie schamlos die Menschen unsere Familie niederstarren." So wie kürzlich im Steakrestaurant, eines der wenigen Lokale, auf das sich die Familie noch einigen kann, seit Lilly halal lebt. "Das Knoblauchbrot und der Salat sind super" - Lilly grinst, auch wenn der Zwischenfall alles andere als lustig war. Kerstin und die beiden Geschwister in Jeans und T-Shirt, Lilly mit Kopftuch und Hidschab, einem bodenlangen Kleid. "Den Leuten fielen fast die Augen aus dem Kopf", erinnert sich Kerstin. Man würde nicht denken, dass das in einer deutschen Metropole so ein Happening auslöst. "Manche hörten sogar auf zu essen und glotzten uns einfach an!" Kerstins Stimme zittert.

Das Getuschel hört nicht auf: Warum nimmt sich eine junge Frau freiwillig so viele Freiheiten?

Sie will nicht von anderen beurteilt werden, nicht ständig diskutieren und schon gar nicht, dass ihre Tochter für ihre Überzeugung angefeindet wird. Doch das Getuschel geht weiter: Irgendetwas muss doch dahinterstecken? Vielleicht das Internet? Oder ein Junge? "Hätte mal jemand mit mir geredet, hätten sie gewusst, dass das alles Quatsch ist", sagt Lilly.

Und trotzdem. Man kommt nicht drum herum sich zu fragen, warum sich eine moderne junge Frau dazu entschließt, einen Alltag zu leben, der so voller Regeln, Einschnitte und konservativer Ansichten zu sein scheint. Doch für Lilly sind andere Gründe wichtiger: "Bis vor meinem ersten Besuch in der Moschee hatte ich nur darüber nachgedacht, Islamwissenschaften zu studieren. Aber die Wärme und Herzlichkeit dort haben mich so überwältigt, dass ich unbedingt dazugehören wollte." Kein Internet, kein Hilfeschrei, keine Jungs - manchmal ist es eben so banal. Lilly ist 15, als sie vor zwei Zeugen das Glaubensbekenntnis ablegt. Ab 14 ist jedes Kind in Deutschland religionsmündig und kann aus Kirchen austreten oder sich Glaubensrichtungen anschließen.

Unter dem Kopftuch und dem Hidschab fühle ich mich zum ersten Mal wie ich selbst. Keine engen Hosen, keine Urteile über meinen Körper.

Seit zwei Jahren ist sie nun Muslimin. Seit zwei Jahren gehört das Kopftuch offiziell dazu. Ebenso lange versucht Mutter Kerstin, sich an diesen Anblick zu gewöhnen. Ausgerechnet das Kopftuch, das als Unterdrückungssymbol gilt. Der Körper - unter dem Hidschab versteckt. Die Frau ihrer Freiheit beraubt, ihre Sinnlichkeit frei leben zu dürfen. "Du bist doch so schön. Warum willst du das nicht zeigen?", will Kerstin immer wieder wissen. "Ich fühle mich aber nicht unterdrückt!", schießt es von Lilly zurück. "Unter dem Kopftuch und dem Hidschab fühle ich mich zum ersten Mal wie ich selbst. Keine engen Hosen, keine Urteile über meinen Körper."

Und trotzdem will man sich als junger Mensch doch zeigen, seinen eigenen Geschmack finden. Lilly aber lässt sich nicht beirren: "Ich werde nicht mehr nur auf meinen Körper reduziert. Keiner sieht mehr meinen Busen oder meinen Po. Da ist nur noch mein Gesicht, da ist nur noch Lilly." Es bleibt ihre private Entscheidung. Für die sie sich fast täglich öffentlich rechtfertigen muss.

Die Diskriminierungen wegen des Kopftuches machen Lilly zu schaffen 

Und auch Kerstin spürt die Blicke, wenn sie mit ihrer Tochter unterwegs ist. Aber anders als Lilly. "Als hätte ich meine Tochter gezwungen, sich zu verhüllen. Als wäre ich die treibende Kraft!" Trotz aller Bemühungen ist der Islam für Kerstin immer noch ein Fremdkörper. Ihren langen Lieblingsmantel lässt sie immer öfter im Schrank hängen: "Sonst sehe ich mit meinen dunklen Augen und Haaren neben Lilly viel zu orientalisch aus."

Als Lilly kürzlich versuchte, einen Nebenjob zu finden, hörte sie immer wieder, dass man sie wegen ihres Kopftuchs nicht einstellen könne. Das junge Mädchen redet solche Erfahrungen gern schön. Sie will sich nicht anmerken lassen, wie sehr die Diskriminierungen sie treffen. Immer öfter fragt sie sich, ob es den anderen gegenüber fair ist, ihren Glauben mit allen Konsequenzen auszuleben. Alle müssen ihre Entscheidung mittragen - ihre Mutter, ihre Geschwister und Freunde, ob indirekt oder ganz direkt. Als Teenager hat man doch schon genug mit sich selbst zu tun.

Lillys Mutter bewundert den Mut ihrer Tochter: Sie hat uns toleranter gemacht

Sie sind eben doch da, die Fragezeichen, wenn man versucht, die wirklichen Beweggründe für ihre Entscheidung zu hinterfragen. Vielleicht sind es auch einfach nur die Unsicherheiten, die Zweifel einer Heranwachsenden, die zwischen den schier endlosen Möglichkeiten, die das moderne Frauenbild bietet, hin- und hergerissen ist. Seit ein paar Tagen trägt Lilly ihr Haar wieder offen. Es ist ein Versuch, ob es nicht auch ohne Kopftuch geht. "Ich will keinen vor den Kopf stoßen."

Vielleicht will sie sich aber auch nicht ständig rechtfertigen, wenn ihr wieder jemand nachschreit, dahin zurückzugehen, wo sie hergekommen sei. "Ach, komm, so furchtbar ist das jetzt auch alles nicht", beteuert Lilly. Pubertierende Tochter und geprüfte Mutter lächeln das gleiche schiefe Lächeln. Kerstin streckt ihren Arm weit über den Esstisch, um über das lange schwarze Haar ihrer Tochter zu streicheln. Sie ist sehr erleichtert, dass Lilly ihr Kopftuch momentan nur zum Beten und in der Moschee trägt. Aber ihren Glauben behält sie.

Trotz aller Widrigkeiten bewundert Kerstin den Mut und die Kraft, die die Entscheidung der Tochter abverlangen. Vielleicht ist ja alles doch nur eine Phase. Vielleicht eine Provokation. Ist das am Ende wichtig? Lilly hat etwas bewegt: "Sie hat mir und vielen anderen die Augen geöffnet und uns toleranter gemacht." Ja, das klingt nach einem Klischee. Aber nach einem, von dem sich viele eine Scheibe abschneiden könnten. "Ich wünschte mir nur, dass es einfacher für sie wäre", sagt Kerstin. Und: "Für uns wäre das alles kein Problem, wenn nicht andere ständig eins draus machen würden."

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BRIGITTE WOMAN 03/2019

Wer hier schreibt:

Yvonne Adamek
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15-Jährige konvertiert zum Islam: Mädchen mit Koran
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