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Kopfkarussell 42 Stunden arbeiten? Nein danke, das ist keine Lösung für den Fachkräftemangel

Eine junge Frau ist frustriert, weil sie zu viel arbeiten muss.
© Studio Romantic / Adobe Stock
Aktuelle Probleme mit Ideen von vorvorgestern lösen? Herzlich willkommen in Deutschland. Der Fachkräftemangel macht der Industrie zu schaffen, der Markt schwankt und wir stecken mitten in einer Inflation – die Lösung aus Industrie und Politik: die 42-Stunden-Woche und mehr Überstunden. Sind wir zurück in den 70er-Jahren? Nein danke! Da macht unsere Autorin nicht mit.

Industriepräsident Siegfried Russwurm sieht längere Arbeitszeiten – also eine 42-Stunden-Woche – als ein mögliches Mittel gegen den zunehmenden Mangel an Arbeitskräften, so das Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Ich habe persönlich große Sympathie für eine optionale Erhöhung der Wochenarbeitszeit – natürlich bei vollem Lohnausgleich", sagte er der Funke Mediengruppe. Das ist aber freundlich, dass die zwei Stunden extra dann gerne bezahlt werden.

Davon ist bei Finanzminister Christian Lindner erst mal nicht die Rede. Er gibt über Twitter bekannt, dass das, was unsere Wirtschaft jetzt brauche, Wachstumsimpulse durch mehr Gründungen und mehr Überstunden seien, um unseren Wohlstand zu sichern.

Statt weniger Wochenstunden soll jetzt sogar noch was dazu kommen

Inmitten von Berichten über die Einführung der 4-Tage-Woche in Belgien und Island, der 35-Stunden-Woche in Frankreich und gut ausgebaute Kita-Systeme, den Versuch von 6-Stunden-Tagen in Schweden und ein mögliches Grundeinkommen in Spanien kommen Industrie und Politik in Deutschland auf die grandiose Idee, dass Arbeitnehmer:innen ja einfach noch mehr arbeiten könnten. In der Theorie mag die Mehrarbeit und damit der Ausgleich der fehlenden Kräfte kurzfristig funktionieren, gesellschaftlich bedeuten diese Überlegungen allerdings einen gut 50-jährigen Rückschritt und sind einfach komplett falsch. Ich würde mal sagen: Danke für nichts!

Dazu muss man ja auch sagen, dass die 40-Stunden-Woche nicht auf Studienergebnissen zu verbesserter Arbeitsleistung beruhen, sondern auf einem Slogan auf einem Plakat des Deutschen Gewerkschaftsbundes 1955 auf dem stand: "40 Stunden Arbeit sind genug!". Warum genau die 40 Stunden ist nicht bekannt. Bereits 1990 wurde für weitere Verkürzungen gekämpft. In der westdeutschen Metallindustrie wurde daraufhin die 35-Stunden-Woche tariflich festgelegt. In den Bereichen der Stahl-, Elektro-, Druck- sowie holz- und papierverarbeitenden Industrie wurden 38,5 Stunden festgelegt. Die Verkürzung der 40-Stunden-Woche ist also längst kein neues Phänomen.

Mehr Arbeit der Einzelnen ist keine Lösung für das gesellschaftliche Problem

Und ja, natürlich existiert der Fachkräftemangel und dafür müssen Lösungen gefunden werden, ob man einen Job jetzt aber mit einer noch höheren Wochenarbeitszeit attraktiv macht, wage ich mal zu bezweifeln. Denn das ist doch eines der Probleme: Die Bereiche, in denen heute kaum noch Leute arbeiten, weisen in der Regel mangelhafte Arbeitsbedingungen auf. Dabei geht es nicht nur um die Gehälter, – die deutlich zu wünschen übrig lassen – sondern auch um Dinge wie eine Work-Life-Balance und die Sicherheit des Jobs. Viele neueingestellte Mitarbeiter:innen bekommen jedoch ein gleichgeschaltetes und meist deutlich geringeres Gehalt als alteingesessene Kolleg:innen, teilweise mit höheren Arbeitszeiten und nach Tarif werden sowieso nur noch wenige bezahlt. Attraktiv ist das nicht gerade!

Hinzu kommt, dass weder Lindner noch Russwurm eine Idee von der neuen Arbeitsgeneration zu haben scheinen. Die geburtenstarken Jahrgänge, die noch nach dem klassischen Ernährermodel 40 und mehr Stunden in der Woche gearbeitet haben, gehen in Rente. Zum einen hinterlassen sie eine große Lücke, zum anderen folgt ihnen eine Generation, die nicht mehr nur auf das Geld schaut, keinen 8-Stunden-Tag wollen und schon gar nicht noch mehr arbeiten. Hinzu kommt, dass mittlerweile nicht mehr nur noch der Mann hauptsächlich arbeitet, sondern beide Partner:innen voll berufstätig sind und es auch deutlich mehr Singlehaushalte gibt.

Der Arbeitsmarkt muss sich an die neue Arbeitsgeneration anpassen

Die neue Generation hat – auch geprägt durch die Pandemie – eine andere Arbeitsweise entwickelt. Flexibilität und die Möglichkeit auf Homeoffice stehen hoch im Kurs. Im Fokus steht die Freizeit, ob mit Familie, Freunden oder für Hobbys. Es geht mehr um Wertschätzung und Sinnhaftigkeit im Job als um den Kontostand. Das Leben soll sich nicht mehr nur noch um den Job drehen. Viele reduzieren ihre Arbeitszeiten und verzichten damit auf einen Teil des Gehaltes. Im Prinzip verhalten sich die jungen Arbeitnehmer:innen genauso, wie es andere Länder gerade bundesweit festlegen – sie verändern die Arbeitswelt, ob die alteingesessenen Chef:innen das nun gut heißen oder nicht.

Der Arbeitsmarkt muss sich nachhaltig verändern und sich an die Bedürfnisse der neuen Arbeiter:innen-Generation anpassen. Weniger Stunden zu arbeiten, bedeutet in der Regel nämlich nicht weniger zu schaffen und schon gar nicht, dass man faul ist. Studien belegen sogar, dass Arbeitnehmer:innen in sechs Stunden genauso viel schaffen würden wie in acht Stunden. Das Gehirn eines Menschen ist gar nicht darauf ausgelegt, so viele Stunden am Stück konzentriert zu arbeiten.

Heutzutage arbeiten wir genauso lange und schaffen viel mehr Aufgaben 

Hinzu kommt, dass die neuen Technologien und unsere vernetzte Welt dazu beitragen, dass wir heute im Vergleich zu 1970 deutlich mehr Arbeit innerhalb einer Arbeitswoche schaffen. Wir gehen ans Telefon, bearbeiten etwas am PC, beantworten eine E-Mail, schicken der Kollegin eine Chatnachricht und klinken uns in einen Video-Call ein – manchmal alles in nur einer halben Stunde. Wenn das nicht Engagement für die bröckelnde Wirtschaft ist, dann weiß ich auch nicht mehr weiter.

Wir sollten die Chancen der Digitalisierung nutzen, um den Arbeitsmarkt endlich umzukrempeln. Komplizierte Prozesse müssen entschlackt werden, Arbeitskräfte sollten da eingesetzt werden, wo sie wirklich gerne arbeiten, Gehälter und Arbeitszeiten angepasst werden. Schlicht: Es muss Rücksicht auf die Bedürfnisse der neuen Arbeitsgeneration genommen werden. Denn mal ehrlich, früher war definitiv nicht immer alles besser. Und nur, wenn wir es schaffen, dass Mitarbeiter:innen ihren Job gerne machen, ja dann Herr Lindner, bleibt man auch mit Freuden mal eine Stunde länger, wenn es beim Herzensprojekt gerade hängt.

Brigitte


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