60 Jahre Deutschland: Goodbye, Lenin, Hallo, Ku'damm

Schriftstellerin Katja Lange-Müller, aufgewachsen als Funktionärstochter in Ostberlin, über Missverständnisse zwischen Ost- und Westfrauen, Pionierskleidung und ihre persönliche Schlussverkaufserleuchtung.

1965 Wie war ich? Die 14-jährige Katja (Mitte) mit Mutter, Großmutter und Cousine bei der Jugendweihe

In meinem letzten Roman "Böse Schafe" beschreibe ich, wie Harry, der die meiste Zeit seines Lebens ein beinharter Junkie war, dann aber an Aids erkrankte, in der Nacht zum 31. Januar 1990 eine Linsensuppe löffelnd am Bildschirm die Verhaftung des gestürzten Staatschefs der DDR Erich Honecker verfolgt und darüber in Tränen ausbricht, was dessen Freundin, die hinter der Mauer aufgewachsene Soja, erschüttert und erstaunt. Sie fragt Harry, den sie noch nie hat weinen sehen, was mit ihm los sei. Harry deutet auf den alten Mann, der in Handschellen abgeführt wird; erregt, wie Soja ihn nicht kennt, antwortet er, dieser Saarländer habe schon einmal elf Jahre gesessen und er selbst genauso lange.

Wir missverstehen ja eigentlich nicht; wir werten bloß anders als andere.

Erst sehr viel später wird Soja klar, warum der Westberliner Harry, damals seit knapp vier Jahren auf Bewährung aus der JVA Tegel entlassen, in dem gefesselten Honecker nicht den gestürzten Despoten sah, sondern nur den Knastbruder, der wieder ins Gefängnis musste, dem also das geschah, was ein Ex-Häftling offenbar mehr fürchtet als den Tod, der Harry ohnehin nahe bevorstand. Es ist die Zeit der Jahrtausendwende; Soja, die ihre Bude entrümpeln will, findet unter alten, von Motten zerfressenen Pullovern Harrys Notizheft, darin lesend entsinnt sie sich ihrer ganzen Gesichte mit ihm, auch dieser Episode vorm Fernseher, und nun versteht sie: "Der Maßstab, nach dem der Mensch urteilt, ergibt sich aus der Summe seiner ureigenen Erfahrungen."

Das klingt simpel, dennoch ist es der Schüssel zu dem, was wir - allzu platt - Missverständnisse nennen. Wir missverstehen ja eigentlich nicht; wir werten bloß anders als andere, weil wir uns bei unserem Urteil über jemanden oder etwas auf das beziehen, was wir gelernt, erlebt, gesehen, gehört und gelesen haben. Ob wir damit einverstanden sind oder nicht, unsere Lebenserfahrung, das Soziotop, in dem wir aufgezogen wurden, das alles prägt uns - manchmal sogar wider Willen.

Elke Schmidt, eine meiner besten Freundinnen seit Ostberliner Sandkastenzeiten, hat eine jüngere Schwester, die Marina heißt; dieser Name war für die DDR-Verhältnisse der 50er Jahre recht ungewöhnlich, deshalb mochte Marina ihn sehr. Und so richtig lieb gewann sie ihren Namen 1959, als sie gerade fünf geworden war und Rocco Granata mit dem, wie Marina felsenfest glaubte, nach ihr und nicht - wie Rocco selbst bekannte - nach einer Zigarettenmarke benannten Schlager die Deutsche Hitparade stürmte. Unermüdlich bat Marina ihre und Elkes Mutter, die gut Schifferklavier spielte, um dieses Lied. Sie wollte unbedingt auch ein Akkordeon und auf diesem Instrument so virtuos werden wie Rocco. Oft übernachtete ich bei den Schmidts, und Marina sang uns "großen Mädchen" zum Einschlafen wieder und wieder ihr Lied vor: "Marina, Marina, Marina, du bist ja die Schönste der Welt ... "

Sie beneidete uns um unsere "marinefarbene" Pionierkleidung, blauer Rock, blaues Halstuch, weiße Bluse. "Komm du nur erst mal in die Schule, dann verpassen sie dir auch so was", sagte Elke zu Marina; hinter deren Rücken amüsierten wir uns köstlich über die "eitle kleine Krabbe".

Ein Sonderangebot, das ist im Westen gar nichts Exklusives, sondern Ramsch.

Zwei Jahre später wurde die Mauer gebaut, Hitparade hören war verpönt, Marinas Kinderakkordeon verstaubte auf einem Regalbrett, und ein "Hit" gleichen Namens, aber ganz anderer Art stürmte die Kaufhallen der DDR. Aus Anlass des wer weiß wievielten Parteitags war eine zweite Margarinesorte in den volkseigenen Handel gekommen, "Marina" zum "Backen, Braten und Genießen". Ich entsinne mich genau jenes Tages, an dem Elkes Schwesterchen völlig verheult aus der Schule heimkam. Stundenlang hatten wir auf Marina einreden müssen, bis sie uns verriet, was die Jungs aus ihrer Klasse ihr neuerdings nachriefen: "Marina, Marina, Marina/ die gibt's jetzt in jedem Geschäft./ Nicht einmal die Tiere/ fressen diese Schmiere./ Igitt, igitt, igitt . . . "

Ebenso genau erinnere ich mich eines Tages im November 1984; ich war, nach Ausreiseantrag und dessen Bewilligung, gerade aus der "Staatsbürgerschaft der DDR entlassen" worden. Den druckfrischen BRD-Pass und etwas "Westgeld" in der Tasche, ging ich zum ersten Mal in meinem Leben den Charlottenburger Ku'damm entlang. Es war einer der letzten sonnigen Spätherbsttage, und auf der Straße, vor den Eingängen zu den großen Warenhäusern, standen runde und eckige Wühltische, voller BHs, Hemdchen und Slips der eine, ein anderer turmhoch beladen mit Blusen, T-Shirts, Pullis. Und aus den Haufen ragten Schildchen, auf denen stand: "Sonderangebot".

Das Aha-Erlebnis, das mich überfiel, als ich dieses Wort las, ist nahezu unbeschreiblich. Ich dachte an Elkes Schwester Marina und in der gleichen Sekunde an die vorletzte Zeile dieses schon damals zum Evergreen verblichenen Schlagers von Rocco Granata & The Carnations, dessen deutsche Textversion ich bis heute auswendig kann: ". . . Marina, Marina, Marina, wunderbares Mädchen,/ lass mich mit dir leben/ mein Herz macht dir soeben/ ein Sonderangebot . . . "

Ich setzte mich auf eine Bank und lachte Tränen; Passanten, die vorüberkamen, müssen mich, falls sie mich denn bemerkten, für verrückt oder für betrunken gehalten haben. Bis zu jener Schlussverkaufserleuchtung war ich davon ausgegangen, dass ein Sonderangebot etwas ganz Exklusives sei, etwas Besonderes eben. Nun begriff ich, das Sonderangebot war bloß der übrig gebliebene Ramsch der zurückliegenden Saison, und verstand das Lied vollkommen neu: als blanke Ironie, als den Versuch eines spöttischen Gigolos, einen törichten Backfisch namens Marina zu verführen; ". . . wunderbares Mädchen,/ glaub mir, ich bin ehrlich/ Du bist mir unentbehrlich/ wie Wasser, Milch und Brot".

Grüne "Plaste"-Becher gegen das Heimweh.

Während der folgenden Tage, Monate, Jahre gab es noch etliche Ereignisse, die mir zeigten, wie vieles wir, trotz oder gerade wegen unserer weitgehend gemeinsamen Sprache, unterschiedlich auffassten, interpretierten, bewerteten, also verstanden, weil wir in sehr disparaten Gesellschaften und sogar Kulturen gelebt hatten. Wie oft wurde ich im Westen korrigiert, wenn ich sagte: "Ich habe Schriftsetzer gelernt." - "Du meinst Schriftsetzerin", hieß es dann. "Nein", widersprach ich, "Schriftsetzer ist ein Männerberuf, den dort, wo ich herkomme, auch Frauen erlernen und ausüben. Trotzdem heißt der Beruf Schriftsetzer und jene, die ihm nachgehen, ebenso, egal, ob sie weiblichen oder männlichen Geschlechts sind. Den Zitronenfalter nennt schließlich auch keine und keiner die Zitronenfalterin."

Andererseits war ich befremdet, wenn meine ach so emanzipierten neuen Freundinnen, die den Staat, den ich verlassen hatte, nachgerade für einen feministischen hielten, weil Abtreibung in ihm früher legal war als in der Bundesrepublik, und dessen Grundgesetz allen Bürgern das Recht auf und die Pflicht zur Arbeit garantierte, meinten, geschiedene Frauen, auch kinderlose, müssten von ihren Ex-Ehemännern lebenslänglich Unterhalt bekommen. "Hättet ihr wirklich das Bedürfnis, frei und unabhängig zu sein, dann könntet ihr doch nicht im Ernst verlangen, dass euch eure Feinde alimentierten. Ihr würdet darauf bestehen, nur vom selbstverdienten Geld zu leben", entgegnete ich.

Irgendwann in jener Zeit machten meine drei Westfreundinnen einen Ausflug "nach drüben", selbstverständlich ohne mich, denn ich durfte ja nicht mehr einreisen. Zuvor hatten sie sich von mir, der "Expertin", beraten lassen, wissen wollen, wo es die schönsten Landschaften, Städte und Dörfer gebe. Ich hatte ihnen Mecklenburg und Brandenburg empfohlen, Lassan sei eine seltsame Stadt und Greifswald immer noch sehenswert. In Mecklenburg gebe es stille Seen und Eisvögel und Kugelahornbäume und Ebereschenalleen, schwärmte ich etwas wehmütig. Aber sie sollten nicht zu viel erwarten; unter den wenigen Hotels fänden sie kaum mal ein einigermaßen komfortables, und das Essen sei miserabel.

Anna, Luise und Ramona, alle drei ungefähr so alt wie ich, kamen nach zwei Wochen wieder und dankten mir fröhlich für die Tipps. Es sei eine Reise in ihre Kindheit gewesen, die Dörfer so verträumt und die Häuser so schön klein und grau. Ja, schon, die Wunden des Zweiten Weltkriegs wären hier und da noch sichtbar, doch nirgends verschandle grelle Reklame die Reste feudaler und großbürgerlicher Architektur.

"Und die Losungen und Transparente an den verrotteten Fabriken, die Fahnen vor den Schulen, die militärischen Sperrgebiete, die Badeverbotsschilder, die immer gleichen Plattenbauten, der Mief in den Kneipen, das dürftige Konsumangebot", fragte ich entgeistert, "hat euch das denn nicht gestört?" -"Ach nö", meinte Ramona, "das ist doch komisch, kaum mehr als so 'ne Art Folklore." - "Aber bei uns", empörte sich die Mainzerin Luise, "haben sie fast alles, was nicht im Krieg zerbombt wurde, einfach abgerissen; es mussten ja Supermärkte her, Tankstellen und blöde Shoppingpassagen." - "Der Kakao in diesen pyramidenförmigen Tetrapacks schmeckte prima", fand Anna, die als kleines Mädchen von Sachsen nach Westberlin "verschleppt" worden war, und fügte hinzu: "Die Leute nennen die Dinger 'Picasso-Euter', das ist witzig, oder ?" Obwohl ich ihr darin - und nur darin - recht gab, freute ich mich nicht über die grünen "Plaste"-Becher, die sie mir "gegen das Heimweh" mitgebracht hatten.

Meine Westfreundinnen erwiesen sich als außerordentlich konfliktfähig.

Nein, wir verstanden einander oftmals nicht. Doch das wirklich Erstaunliche war, dass wir uns trotzdem verstanden - und das war nicht mein Verdienst. Im Gegensatz zu mancher Frau und Freundin im und aus dem Osten erwiesen sich meine Westfreundinnen als außerordentlich konfliktfähig, ja sogar streitsüchtig; in dem Sinne, dass sie Streiten gelernt hatten, also keinem Streit auswichen und Meinungen, die nicht mit ihren übereinstimmten, nicht für feindselig, sondern für "Gesprächsfutter" hielten. Das hatte mich anfangs verblüfft; entsprach es doch so gar nicht meiner bisherigen Erfahrung. Streiten, anderer Meinung sein, Kritik üben bedeutete, falls es nicht gerade die durchaus erwünschte und gern gehörte Selbstkritik war, im Osten meist das Ende der Freundschaft.

In Stimmung: Mit Kommilitone Uwe Kolbe auf einer Party

Denn dort war kaum jemand imstande, Kritik an etwas, sei es nun eine Sache oder das Resultat einer Arbeit, nicht als Kritik an seiner Person zu begreifen, mithin als persönliche Kränkung aufzufassen. Wenn ich etwa zu einer Freundin gesagt hätte: "Diese Jacke kleidet dich nicht", dann hätte sie nur verstanden, dass ich sie hässlich fände. Und hätte ich über einen von einer Kollegin formulierten Brief gesagt: "Das ist aber noch nicht deutlich genug", so wäre bei ihr angekommen: Du kannst dich nicht ausdrücken; du bist zu blöd. Noch etwas unterschied meine drei neuen Freundinnen und weitere Westfrauen, die ich im Laufe der Zeit so traf, von vielen, denen ich in der DDR begegnet war. Obwohl sie mich wie selbstverständlich gleich duzten, erzählten sie mir nicht schon am ersten Tag unserer Bekanntschaft ihr ganzes Leben, auch nicht beim zweiten, dritten, vierten Mal.

In der DDR wurde einem gleich alles, wirklich alles erzählt.

Sie fragten mich Löcher in den Bauch, wie Frauen im Osten denn ihre Kinder behandeln und warum sie so früh heiraten würden, ob sie sich schminken und wenn ja, womit . . . , waren aber, was ihre Privatangelegenheiten betraf, ziemlich wortkarg. Ich fand das seltsam, hielt sie einerseits für neugierig, andererseits für zugeknöpft. In der DDR dagegen wurde einem, sobald man den Mantel abgelegt hatte, um hier oder dort einen Job anzufangen, doch auch im Café, in der Kneipe oder auf Partys, brühwarm alles, wirklich alles erzählt: wie oft geschieden, welche Entbindungskomplikationen und welche Probleme mit welchem Liebhaber, vor wem man sich in Acht nehmen müsse, weil dieser oder jene eine üble Plaudertasche sei, dass man eine Fahrstuhlphobie habe oder nicht schwer heben dürfe . . .

Das führte gelegentlich zu unfreiwilliger, nichtsdestotrotz intensiver Vertrautheit, ja, Komplizenschaft, die gerade das Miteinander-Arbeiten manchmal enorm behinderte. Man konnte der lieben Kollegin, die ihren promisken Gatten erst gestern, im Kohlenkeller, wieder von der Nachbarin heruntergeholt hatte und die, wegen ihres noch immer nicht ganz verheilten Dammrisses, normalerweise nicht einmal einen Aktenordner aus dem Schrank nahm, doch nicht zumuten, beim Umzug in das neue Büro wenigstens ihren Stuhl selbst zu tragen. Eine solche Kollegin um einen Gefallen oder gar um Hilfe zu bitten, war völlig unmöglich, wäre von ihr, mitunter sogar von anderen Kollegen, als grobe Ignoranz gewertet worden, denn man wusste ja: Die hatte ein so bitteres Los.

Meine Westfreundinnen hingegen sagten mir, dass der geringelte Pullover, den ich gerade erst erworben hatte, zu eng, zu bunt, zu teuer war, doch auch, dass ich ihn zurückgeben könne. Und sie gingen mit mir einkaufen, alle drei, und hinterher lud uns Anna auf ein Eis ein. Und als ich eine Wohnung suchte, verständigte mich Ramona, die von einer soeben frei gewordenen gehört hatte, und sie bot mir an, für mich zu bürgen; sonst hätte ich diese Wohnung, die dann lange mein Zuhause war, sicher nicht bekommen. Für den Umzug organisierte Luise einen kleinen Lastwagen, Ramona spendierte etliche "noch ganz knuffige" Möbel aus der "Tempelhofer Hütte" ihrer verstorbenen Tante; Anna und ich, wir strichen gemeinsam die Wände.

Was ich damit sagen will? Vielleicht habe ich mit den dreien ja nur großes Glück gehabt, aber als ich sie brauchte, musste ich sie gar nicht erst bitten, Anna, Ramona und Luise. Wir haben uns gezofft wie die Marktweiber und waren, wenn es darauf ankam, dennoch da füreinander.

Seit wir in einem Staat leben, werden wir Deutschen uns wieder ähnlicher.

So weit die Unterschiede, nicht alle, aber doch einige wesentliche. Die - auch nicht so raren - Gemeinsamkeiten von ost- und westdeutschen Frauen und Männern, die entdeckte ich anlässlich eines Ereignisses, das uns einander nun wirklich näherbringen sollte und wohl auch zusammengeführt, wenngleich nicht wirklich zusammengefügt hat.

Es kam der Tag, an dem die Ostberliner die Mauer umrannten und die Westberliner für ein paar Stunden einfielen in den Jubel und die "Wahnsinn, Wahnsinn"-Chöre; aber bald fiel ihnen ein, dass ja Weihnachten vor der Tür stand, und dann fielen sie ein ins "Paradies der Werktätigen", das noch Unter den Linden begann; so wie jene, die sich selbst daraus vertrieben hatten, einfielen in die Noch- "Frontstadt", die "selbständige politische Einheit", deren kilometerlang in Lichterketten gelegte Hauptstraße der bereits erwähnte Ku'damm war.

Die Westberliner kamen ja nicht, um "Trabbis zu gucken", da hätten sie auch gleich bleiben können, wo sie eh wohnten, nein, sie enterten den Osten, weil eine Westmark immer noch sieben "Aluchips" wert war und weil sie das eine oder andere Schnäppchen machen wollten. Und tatsächlich gab es einmalige "Sondersonderangebote", und die Westberliner trugen sie eifrig davon, mit Rucksäcken, Netzen und Nylontaschen, die denen, für die der "Zoni" oder "Ossi" viel Hohn und Spott, doch sonst kaum mal was geerntet hatte, sehr ähnlich sahen.

Und ähnlich war auch der Gesichtsausdruck des "Wessis", der in seinen "Beutebeuteln" Gänse, Enten, Würste, Dresdener Stollen und Butter abschleppte, für die "ganze bucklige Verwandtschaft gleich mit". Ich war fast glücklich, als ich das beobachtete; es beruhigte mich zu sehen, dass Menschen Menschen sind, erst recht die plebejischen unter uns, und dass sie vor allem eins wollen: es gut haben und dafür möglichst wenig bezahlen.

Seit wir wohl in alten und neuen Bundesländern, aber doch in einem Staat leben, werden wir Deutschen uns wieder ähnlicher, hoffentlich nicht so ähnlich, wie wir einander schon einmal waren, bevor der letzte von uns verbrochene und verlorene Krieg zum "Kalten Krieg" mutierte, in dem unsere Regierungen, die einerseits dem demokratisch-marktwirtschaftlichen und andererseits dem sozialistisch- diktatorischen Lager angehörten, kaum etwas zu melden hatten und wir, die Regierten, mal abgesehen von den Kreuzen auf Wahlzetteln, so gut wie nichts. Die jüngeren Deutschen, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls Kinder waren oder noch gar nicht geboren, wissen in West und Ost nahezu gleich wenig beziehungsweise nur verklärend Falsches über diesen versunkenen "ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden", dessen Initialen, DDR, uns reiferen Ex-Ostlern für "Der Doofe Rest" gestanden hatten.

Die Demarkationslinien, wenn ich das Trennende mal so nennen darf, verlaufen längst nicht mehr zwischen Ost und West, sondern wieder zwischen Nord und Süd, in und out, reich und arm.

Meiner Stadt Berlin, der westlichsten im Osten und östlichsten im Westen, ist das besonders deutlich anzumerken. Im Osten sprossen nach der Wende mit kartoffelkeimartiger Geschwindigkeit die Szenelokale aus den Ruinen; die ihrer Subventionen verlustig gegangenen Westbezirke aber verfielen erst in eine Art Agonie und fingen dann schon bald an, regelrecht zu verkommen. So sieht etwa der alte Westberliner Bezirk Reinickendorf heute aus wie weiland Detroit nach dem Zusammenbruch der dortigen Autoindustrie; es gibt weit und breit nicht einmal mehr einen Döner-Stand, ganze Straßen sind, wie es im Amtsdeutsch heißt, "komplett entmietet". Hinter dem U-Bahnhof Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik trifft man niemanden und nichts mehr, nur der Herbstwind treibt Knöllchen fettigen Knüllpapiers vor sich her.

Ich hätte nicht raten können, ob er ein West- oder ein Ostpenner war.

Eine ältere Lady aus Cleveland/Ohio, die vor etwa 35 Jahren an der TU in Berlin-Dahlem ausgerechnet Forstwissenschaften studierte und mich kürzlich im Berliner Wedding besuchte, sagte, als wir den Leopoldplatz überquerten: "Oh, du wohnst wieder im Osten?!" - "Nein", erwiderte ich, "das hier ist nicht der Osten, das ist der Westen." Wir fuhren nach Friedrichshain, und die Lady meinte: "Jetzt sind wir aber im Westen." - "Nein", sagte ich, "das ist der Osten."

So ging es die ganze Zeit. Immer, wenn wir im Ostteil der Stadt unterwegs waren, wähnte mein Gast sich in Westberlin, und umgekehrt; man hätte die Uhr danach stellen können. Und als ich Cindy aus Ohio zurück zum Airport Tegel gebracht hatte und am Kurt-Schumacher-Platz auf den Bus Richtung Mitte wartete und mein Portemonnaie schon mal in der Hand hielt, da funkelte mich einer der dort herumlungernden, meterweit nach Fusel und Pisse stinkenden Kerle bitterböse an, als hätte ich gestern seine ganze Stütze versoffen und ihm heute in die Hosen gemacht; ich hätte nicht raten können, ob er ein West- oder ein Ostpenner war. Ja, auch das haben manche Deutsche, doch glücklicherweise nicht nur die, noch oder schon wieder miteinander gemeinsam: Selbst schuld sind sie nie, an gar nichts. Einer, meist eine, dessent- oder derentwegen sie aus der Kurve geflogen sein wollen, findet sich allemal, und wenn nicht, dann gibt es ja noch die, die angeblich nicht die "Arschkarte gezogen haben" und viel mehr abgeben könnten von ihrem unverdienten Wohlstand, "aber pronto".

Katja Lange-Müller: Bewegtes Leben und spätes Schreiben

Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller wurde am 13. Februar 1951 in Berlin als ältere von zwei Schwestern geboren. Der Vater war einer von vier stellvertretenden Intendanten des DDR-Fernsehens, die Mutter Mitglied im ZK der SED. Lange-Müller flog von der Schule und besetzte mit 18 eine Wohnung im Ostberliner Scheunenviertel. Sie lernte Schriftsetzer, studierte von 1979 bis 1982 am Leipziger Literaturinstitut und absolvierte - nicht ganz freiwillig - ein einjähriges Praktikum in der Mongolischen Volksrepublik.

Berufserfahrungen sammelte die rebellische Funktionärstochter in der Bildredaktion der "Berliner Zeitung", als Hilfsschwester auf geschlossenen Psychiatrie-Stationen und als Schriftsetzerin in einer kleinen Privatdruckerei.

1984 übersiedelte sie in den Westen und etablierte sich als Autorin ("Verfrühte Tierliebe", "Die Enten, die Frauen und die Wahrheit", "Böse Schafe"). Für ihre traurig-komischen Erzählungen und Romane zwischen aufgekratzter Melancholie, scharfem Witz und präziser Zustandsbeschreibung gewann sie zahlreiche Preise. Lange-Müller ist in zweiter Ehe mit einem Koreaner verheiratet und lebt in Berlin.

Happy Birthday! 60 Jahre BRD und DDR - eine Chronik

23. Mai 1949Der parlamentarische Rat verabschiedet unter Vorsitz von Konrad Adenauer eine vorläufige Verfassung, das Grundgesetz. Es ist die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland.

7. Oktober 1949Auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) entsteht die Deutsche Demokratische Republik.

13. August 1961Grenzpolizisten der DDR beginnen mit dem Bau der Mauer mitten durch Berlin.

9. November 1989Die Grenze ist geöffnet. Ein Massenansturm auf die Grenzübergänge setzt ein.

3. Oktober 1990Wiedervereinigung: Mit dem Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland endet die 41- jährige Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik.

Text: Katja Lange-Müller Fotos: Isolde Ohlbaum, Privat Ein Artikel aus der BRIGITTE 02/2009
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