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Abtreibung - das neue Tabu


Vor 36 Jahren erklärten 374 Frauen in einer Kampagne: "Wir haben abgetrieben." Und heute? Fände man noch so viele Frauen, die zu diesem Bekenntnis bereit wären? Um das herauszufinden, fuhr BRIGITTE-Mitarbeiterin Susanne Frömel durch Deutschland - und stieß auf ein neues Tabu.

Meine Freundinnen wissen es. Meine Eltern auch. Niemand sonst. Eine Abtreibung ist nichts, was man einfach so erzählt. Aber würde mich jemand fragen, würde ich sagen: "Ja, es ist neun Jahre her, ich war 23, und die Schwangerschaft war ein Unfall." Etwas in der Art. Die Sache ist nur: Niemand fragt. Es spricht überhaupt niemand mehr über Abtreibung. Das Thema ist tabu.

Tatsächlich sinkt die Zahl der Abbrüche seit 2004 kontinuierlich. In Deutschland und den Niederlanden werden weltweit die wenigsten Abtreibungen vorgenommen, im vergangenen Jahr haben 120 000 Frauen eine Schwangerschaft abgebrochen, 3,5 Prozent weniger als im Vorjahr; rund 670 000 Kinder wurden 2006 geboren.

Fast jede siebte Schwangere tut es. Und trotzdem: Es ist kein Thema, auch nicht unter guten Bekannten. Zum Beispiel meine Freundin Anna, Juristin, 33 Jahre alt. Sie hat das Abitur mit 1,6 gemacht, und als sie erfuhr, dass ihr Mann sie betrog, hat sie ihn sofort hinausgeworfen. Anna weiß, was sie tut. Ihre Abtreibung liegt schon einige Jahre zurück. Ich frage Anna, warum wir nie darüber geredet haben, und ihre Antwort klingt wie aus einer anderen Zeit: "Darüber spricht man doch nicht." Aber warum nicht? Das kann sie nicht sagen.

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Es geht um ein Leben, über das man zu entscheiden hat, das beginnen, aber nicht gelebt werden kann. Abtreibung ist eine zutiefst persönliche Entscheidung, sie ist es um so mehr, seit die Debatte über den Paragrafen 218 vorbei und Abtreibung kein vorrangig politisches Thema mehr ist. Das war es noch, als sich 1971 in einer Titelgeschichte des "Stern" 374 Frauen zu ihrer - damals noch illegalen - Abtreibung bekannten.

Ich schrieb Briefe, rief Beratungsstellen an, hing Zettel aus. Fragte im Bekanntenkreis herum, ob jemand bereit wäre, offen mit mir über das Thema zu reden. Als ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte, rief Gunda an. Sie hatte drei Tage zuvor im Balance, einem Familienplanungszentrum in Berlin-Lichtenberg, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. Und am Schwarzen Brett meinen Aushang gefunden. Sie sagte: "Eine Frau, die abgetrieben hat, muss sich nicht verstecken!"

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Wir treffen uns in einem Park, gehen spazieren. Gunda sagt ganz klar: "Ich werde 42, meine Tochter ist fast 20. Wenn ich die Frauen betrachte, die heute kleine Kinder haben, ist das eine andere Generation. Ich möchte mich jetzt auf mich selbst konzentrieren." Sie war am Ende ihrer Beziehung schwanger geworden, in einer Nacht, die eine Art Adieu sein sollte. "Selbst wenn wir zusammengeblieben wären, hätte ich es nicht bekommen", sagt sie. "Das Thema Kinder ist für mich abgeschlossen." Sie hatte sich für den medikamentösen Abbruch entschieden. Bevor sie die Abtreibungspille Mifegyne schluckte, verabschiedete sie sich von dem, was ihr Kind hätte werden können. Zwei Tage später ging sie ins "Balance", um unter Aufsicht ein zweites Medikament namens "Cytotec" einzunehmen. "Cytotec" löst Kontraktionen aus und leitet den Embryo aus dem Körper. Es sei, sagt Gunda, ein wenig so, als würde man seine Regel bekommen. Keine Tränen danach, kein Groll.

Und doch: Wenige Tage später ruft sie an und sagt, sie wolle lieber doch nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden. "Es ist ja eigentlich nichts Schlimmes an einer Abtreibung . . . ", setzt sie an. Sie spricht nicht von Zweifeln oder von der Angst, für ihre Offenheit verurteilt zu werden. Aber sie sagt: "Ich habe das Gefühl, es ist etwas, das nur bei mir allein bleiben sollte."

Das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch ist etwas Selbstverständliches, nicht aber der Abbruch selbst. Die Entscheidung wirft, bei aller Legalität, moralische, psychologische, biografische Fragen auf. Ein Abbruch hat Trauer zur Folge, eine Trauer um etwas, für dessen Verlust man selbst verantwortlich ist. Wer versteht so eine Traurigkeit? Lieber schweigt man darüber. Gibt sich nach außen hin stark und macht sich und die einmal getroffene Entscheidung unanfechtbar - gerade, weil man selbst damit hadert.

In Zeiten des Frauenkampfes ging es beim Thema Abtreibung um die Anerkennung der Selbstbestimmung. Die Frauen gingen auf die Straße mit T-Shirts, auf denen stand: "Ob wir Kinder wollen oder keine, bestimmen wir alleine." Diese Schlacht ist inzwischen geschlagen. Nun bleibt nur noch für jede einzelne Frau die genaue Abwägung ihrer persönlichen Motive.

Drei Viertel aller Abbrüche nehmen Frauen zwischen 18 und 34 vor, bei gut fünf Prozent sind die Frauen jünger als 18. In 41 Prozent der Fälle ist es das erste Kind, das abgetrieben wird. Gehen jüngere Frauen pragmatischer mit dem Thema um? Offensiver? Milla zum Beispiel? Sie sitzt vor mir in einem Café und rührt in einem Glas Kakao. 24 ist sie, studiert Politikwissenschaften und Jura und kommt aus einem aufgeklärten, offenen Elternhaus. Als sie vor ungefähr einem Jahr schwanger wurde, war sie mitten im Vordiplom. "Als ich vom Arzt wiederkam, bin ich fast durchgedreht. Das Studium, die Zukunft, das alles schien mit Kind plötzlich so unerreichbar. Und mein Freund war auch nicht gerade begeistert."

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Zum Termin in einer Tagesklinik kam er mit. Der Eingriff selbst ging schnell. Eine Freundin hatte ihr einen Käsekuchen ge- backen, den sie, wieder zu Hause, noch warm zur Hälfte verschlang. Abends saßen sie vor dem Fernseher und sahen "Sex and the City" auf DVD. Alles ganz normal. "Ich war selbst überrascht, aber die Frage 'Habe ich jetzt mein Kind umgebracht?' hat sich mir nie gestellt." Am nächsten Tag passierte etwas Seltsames: Sie saß mit Freunden in einem Restaurant, sah die Kellnerin, und ihr fiel ein, dass sie mit ihr in der Tagesklinik den Aufwachraum geteilt hatte. "Ich guckte schnell woanders hin, und auch sie vermied den Blickkontakt mit mir." Lieber wollte sie nicht angesprochen werden. Hat Milla es ihren Eltern erzählt? "Um Himmels willen, nein! Auf eine Moralpredigt hatte ich nun wirklich keine Lust." Auch sie bittet, ihren wirklichen Namen nicht zu nennen.

Wird ein Recht, das mit großer Diskretion praktiziert wird, auch als Recht empfunden? Oder eher als ein geduldetes Unrecht? Das Gefühl, bei aller Legalität etwas Verbotenes getan zu haben, hat mit der Stimmung im Land zu tun, die Kinderlosigkeit kritisch betrachtet. Sie bereitet den Weg für überkommen geglaubte Debatten: den Ausstieg der katholischen Kirche aus der Schwangerschaftskonfliktberatung vor einigen Jahren; die Überlegungen einiger Bundesländer, ob bei einkommensschwachen Frauen wirklich der Staat die Kosten für einen Abbruch übernehmen muss. Im Juli dieses Jahres wird erneut darüber verhandelt.

Die Gesellschaft in Deutschland fordert und fördert angesichts der 35 Prozent Kinderlosen im Land das Modell Familie, es gibt Elterngeld und bald mehr Krippenplätze. Dass fast jedes zweite abgetriebene Baby das erste Kind gewesen wäre, werten Experten als Beleg für den Trend zur bewussten Kinderlosigkeit. Peter Hausser, Gynäkologe und Vorsitzender des bayerischen Berufsverbandes der Frauenärzte, sieht in dem "verschwiegenen Umgang mit dem Thema einen klaren Beweis für den Anstieg des Wertebewusstseins in unserer Gesellschaft". Es sind diese Werte, die offenbar viele Frauen zum Schweigen bringen.

Das Familienzentrum "Balance" liegt in einer Plattenbausiedlung in Berlin-Lichtenberg, gegenüber steht eine kleine Kirche aus Backstein. Jeden Tag um 12 und um 18 Uhr läuten die Glocken. Es ist ein lautes Ping!, das dann in die Ruheräume herüberdringt, in denen die Frauen auf das Ende ihrer Schwangerschaft warten. Montag, Donnerstag und Freitag werden im "Balance" Abtreibungen vorgenommen. Bis zu zwölf am Tag, zwischen 800 und 1000 im Jahr. Christiane Tennhardt, eine der leitenden Ärztinnen, sagt, sie könne in den Gesichtern eine Anspannung erkennen, wenn draußen die Glocken erklingen. Es gebe Frauen, die dabei regelrecht zusammenzuckten. Wieder andere würden den Blick abwenden.

Keine spricht das Thema Religion an. Keine sagt, ob und inwieweit ihr Glaube an Gott und das Gebot, nicht in die Schöpfung einzugreifen, ihre Entscheidung beeinflusst. Und doch ist diese Verbindung bei vielen Frauen da. Das Thema der Schuld. Und wie vor 30 Jahren ist es unmöglich, darauf eine andere als die persönliche Antwort zu finden. Christiane Tennhardt sagt: "Ich erlebe immer wieder Patientinnen in der Krebssprechstunde, die mir sagen: 'Ich hatte vor zehn Jahren einen Abbruch, ob der Krebs deshalb gekommen ist?' Als erwarteten sie immer noch eine Bestrafung dafür."

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Die Ärztin erzählt, dass sie auch erlebt, dass viele Frauen die Abtreibung als Verrat an ihren heimlichen Träumen empfinden. "Ein Schwangerschaftsabbruch läuft so sehr dem zuwider, was man als Ideal im Kopf hat: heiraten, Kinder bekommen, glücklich sein. Wer abtreibt, muss einsehen, dass dieses Ideal nicht unter allen Umständen zu haben ist. Manche haben das Gefühl, versagt zu haben." Die meisten Frauen säßen während des Beratungsgespräches bei ihr und weinten. Leicht macht es sich keine. "Die Gründe für einen Abbruch sind seit Jahren recht ähnlich: Manche Frauen waren lange arbeitslos und haben endlich wieder einen Job gefunden, viele befinden sich in einer partnerschaftlich schwierigen Lage. Für manche ist die Schwangerschaft schwer zu verarbeiten, weil sie möglicherweise schon mehrere Kinder haben oder keine mehr wollen, wieder andere fühlen sich noch nicht reif für ein Kind."

Es gibt kaum Untersuchungen darüber, was die breite Bevölkerung wirklich über das Thema Abtreibung denkt. Es gibt lediglich Vermutungen. Vielleicht ist die Akzeptanz größer, als wir denken. Und all die Zurückhaltung, die Scham der Betroffenen resultiert gar nicht aus den gesellschaftlichen Vorbehalten. Vielleicht verzerren die einschlägigen Homepages und jene, die in den Medien so vehement gegen jede Form des Schwangerschaftsabbruches wettern, das wahre Stimmungsbild im Land.

Als sicher gilt, dass eine Abtreibung psychische Folgen haben kann. Es gibt den Begriff des "Post Abortion Syndrom". Aber längst nicht jede Frau ist davon betroffen. US-Psychologinnen widersprachen kürzlich der Behauptung, dass Frauen, die eine Schwangerschaft abgebrochen haben, danach häufiger an Depressionen litten. "Eine Frau, in deren Lebensplan eine Abtreibung passt und deren Argumente dafür unumstößlich sind, wird ganz offen mit dem Thema umgehen", sagt auch Peter Hausser, der bayerische Gynäkologe. "Eine Frau aber, deren Argumente vielleicht nicht so stark waren, wird sich unwohl oder schuldig fühlen." Wichtig ist auch, ob der Partner Druck ausgeübt hat oder ob die Frau frei entscheiden konnte. "Viele Paare treffen den Entschluss voreilig, ohne Für und Wider wirklich zu diskutieren", sagt Hausser.

Clarissa Kolb macht sich auch drei Jahre nach dem Abbruch noch Vorwürfe. Sie ist 38 Jahre alt und lebt in einer kleinen Stadt in Bayern. Als wir miteinander sprechen, zittert ihre Stimme, als sei alles erst vor kurzem geschehen. Hat sie seither jemandem ihr Herz ausgeschüttet, um sich zu erleichtern? Clarissa Kolb winkt ab. "Ich habe nur mit meiner Schwester und meinem Mann darüber gesprochen. Bei anderen wäre ich doch nur auf Unverständnis gestoßen. Weil ich mich überhaupt in diese Lage gebracht habe. Und weil ich immer noch so wahnsinnig darunter leide." Sie sagt auch, sie glaube, dass es immer noch so ist: Eine Abtreibung drückt der Frau ein Stigma auf.

"Nur wenige Tage nachdem ich einen Auflösungsvertrag unterschrieben hatte, hat mein Mann die Kündigung bekommen", erzählt sie. "Außerdem hatten wir verabredet, dass zwei Kinder genügen." Die beiden Söhne, damals drei und fünf Jahre alt, waren anstrengend genug. Als der Teststreifen blau wurde, bekam sie Panik. Sie dachte, dass ihr Mann unter keinen Umständen ein weiteres Kind haben wollte. Sie hätte es gewollt, doch die schwierige berufliche Situation nahm ihr den Mut, aufzubegehren. Zum Arzttermin begleitete sie ihr Mann. "Sind Sie sicher?", fragte der Arzt. "Ja", hörte sie sich sagen. Und meinte: Nein. Thomas Kolb sagt heute, er habe nie gesagt: 'Wenn du das austrägst, bin ich weg', sondern nur, "dass ich eigentlich kein drittes Kind möchte". Drei Tage später ging Clarissa Kolb wieder zu ihrem Arzt. Bei dem Eingriff gab es keine Schwierigkeiten.

Aber danach. Clarissa Kolb merkte, wie wütend sie auf ihren Mann war. "Mein Leben ist zerstört, damit musst du leben, solange du da bist", habe sie ihm immer wieder gesagt, erzählt Thomas Kolb. Der Schmerz über das verhinderte dritte Kind hält an. Abends sitzen sie nebeneinander auf dem Sofa und denken: "Das haben wir schön verbockt." Er würde jetzt gern nach vorn schauen, weitermachen, sagt Thomas Kolb, aber seine Frau könne das nicht.

"Viele Paare verlieren ihre Sprache, wenn es um Abtreibung geht", sagt Christiane Tennhardt vom "Balance". Man kann es ja auch nicht üben. Mit der Gesellschaft schweigt auch der Einzelne.

Abtreibung - medizinisch gesehen

Frauen können zwischen einer Absaugung und der Abtreibungspille Mifegyne (nur in den ersten fünf Schwangerschaftswochen) wählen. Bei der Absaugung wird der Gebärmutterhals erweitert und das Schwangerschaftsgewebe aus der Gebärmutter gesaugt. Der Eingriff unter Vollnarkose dauert fünf bis zehn Minuten. Die Abtreibungspille Mifegyne leitet eine Blutung ein, die einer starken bis normalen Menstruation gleicht. 36 bis 48 Stunden später nimmt die Frau ein Medikament ein, das Kontraktionen der Gebärmutter auslöst und den Embryo aus dem Körper leitet. Dies geschieht unter ärztlicher Aufsicht.

Abtreibung - rechtlich gesehen

Bis Mitte der 90er Jahre galt in Deutschland die so genannte Indikationsregelung: Danach mussten sich Frauen, die sich zu einer Abtreibung entschlossen hatten, bescheinigen lassen, dass etwa soziale oder medizinische Gründe für eine Abtreibung vorlagen. 1995 wurde der Paragraf 218 überarbeitet. Seitdem gilt die Fristenregelung: Eine Abtreibung darf nur in den ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft vorgenommen werden (bei einem medikamentösen Abbruch in den ersten fünf Wochen). Vorher muss man sich von einem Arzt oder in einem Familienplanungszentrum beraten lassen. Der Eingriff darf dann frühestens am vierten Tag nach der Beratung stattfinden. Der Eigenanteil an den Kosten liegt, je nach Art des Abbruchs, zwischen 360 und 460 Euro. Frauen mit geringem oder ohne Einkommen können die Kosten von der Krankenkasse erstattet bekommen.

Beratung

Auf der Internetseite von Pro Familia finden Sie weitere medizinische Details zum Thema Abtreibung, Beratungsstellen in Ihrer Nähe, eine Online-Beratung und Diskussionsforen. Außerdem können Sie dort die Broschüre "Schwangerschaftsabbruch" mit umfassenden Informationen und Erfahrungsberichten downloaden.

Forum

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Ist Abtreibung heute ein Thema, über das man nicht spricht? Zum Forum.

Fotos: www.pixelquelle.de BRIGITTE Heft 11/2007

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