Junge Ärzte fordern: "Lehre über Abtreibung MUSS besser werden!"

Abtreibung? Damit wollen viele Ärzte in Deutschland nichts zu tun haben! Kein Wunder: Schon an Unis wird das Thema zum Teil tabuisiert. 

Für Frauen in Deutschland ist es nicht leicht, sich über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren. Wer beispielsweise Adressen von Ärzten haben möchte, die den Eingriff durchführen, muss in der Regel über Beratungsstellen gehen. Das ist bekannt (und zum Teil umstritten). Was vielen aber weniger bewusst ist: Auch angehende Ärzte werden während des Studiums nicht gerade mit Infos über den Eingriff zugeschüttet. An einigen Unis fällt das Thema fast vollständig unter den Tisch. 

Medizinstudenten fordern bessere Lehre über Abtreibungen

In unserer Hauptstadt hat eine Gruppe von Studenten deshalb die Initiative "Medical Students For Choice Charité Berlin" ins Leben gerufen. Ihr Ziel: Die Lehre über den Schwangerschaftsabbruch verbessern!

"Im 21. Jahrhundert gehört das Thema Schwangerschaftsabbruch nicht mehr in die Tabuzone, insbesondere nicht bei angehenden Ärzten und Ärztinnen", sagt Medizinstudentin und Aktivistin Amelie Kolandt. Ausgerechnet an der Charité Berlin werde das Thema geradezu stiefmütterlich behandelt. Allein in einem Seminar zur "Pränataldiagnostik" kommen Abtreibungen laut Kolandt vor, wobei die medizinischen Aspekte nur behandelt werden, wenn Studierende danach fragen oder die Dozenten besonders engagiert sind.

In ihrer Not veranstalten die Berliner Studenten sogar selbst Vorträge und Seminare. Bezeichnend: Um zu lernen, wie sie den Eingriff in der Praxis durchführen, üben sie ihn an Papayas.

Medizinische Versorgung – eine Frage des Wohnorts

Problematisch (jedenfalls aus Sicht von Menschen, die Frauen das Recht zugestehen, sich für eine Abtreibung zu entscheiden): Schon jetzt haben Frauen in einigen Regionen keine Chance, einen Schwangerschaftsabbruch in der näheren Umgebung vornehmen zu lassen. Wer etwa im erzkatholischen Trier wohnt, muss dafür mindestens 100 Kilometer ins Saarland fahren. Auch in Niederbayern soll es nur einen einzigen 70-jährigen Mediziner geben, der Schwangerschaftsabbrüche vollzieht. 

Wie wird sich diese Lage erst zuspitzen, wenn angehende Ärzte nicht auf dieses Thema vorbereitet werden, weil es einige Unis vielleicht für unangemessen halten, Studierende darüber umfassend aufzuklären?

Uni Hamburg: "Fester Bestandteil der Ausbildung"

An der Frauenklinik des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg scheint es weniger Berührungsängste mit Abtreibungen zu geben. "Bei uns sind Schwangerschaftsabbrüche fester Bestandteil der Ausbildung", sagt Prof. Dr. Barbara Schmalfeldt, Direktorin der Klinik für Gynäkologie am UKE.

Kein Mediziner könne dort seine Assistenzarzt-Phase abschließen, ohne in der Lage zu sein, den Eingriff durchzuführen und über die rechtlichen Hintergründe aufgeklärt zu sein. Für Schmalfeldt selbstverständlich, schließlich sei das rein medizinische Vorgehen das gleiche wie bei einer Fehlgeburt – also eine Grundlagenkenntnis für jeden Arzt.

Allerdings: Das UKE legt einen deutlichen Schwerpunkt auf Fälle, bei denen der gesundheitliche Zustand der Schwangeren eine Abtreibung nahelegt. Dass die Frau ein Kind aus persönlichen Gründen nicht austragen möchte, wird in Hamburg allenfalls als Ausnahme behandelt.

Tiefsitzender Konflikt

Wie unterschiedlich und standortabhängig das Thema Schwangerschaftsabbruch in Mediziner-Kreisen gehandhabt wird, reflektiert wohl auch eine generelle gesellschaftliche Ambivalenz in dieser Frage. Und die ist möglicherweise nicht nur moralisch begründet, sondern ebenso rechtlich.  

Denn: Einerseits sind Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland per Gesetz grundsätzlich illegal. "Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft", heißt es in Paragraf 218 unseres Strafgesetzbuches. Doch andererseits werden Abtreibungen durch die Zusätze a bis c unter bestimmten Auflagen doch wieder möglich.

Das mag ein gut durchdachter Kompromiss sein, bietet aber eben auch Konfliktpotential und Zündstoff. Und im schlimmsten Fall verunsichert die Rechtslage eben Ärzte und Professoren, genau wie das Urteil gegen Kristina Hänel. Weil die Medizinerin auf ihrer Website vermerkt hatte, dass sie Abtreibungen durchführt, wurde sie wegen Verstoßes gegen Paragraf 219a zu einer Geldstrafe verurteilt.

Doch bei all der Ambivalenz kann man sich wohl auf mindestens zwei Dinge ohne jeglichen Streit einigen: In der Tabu-Ecke hat das Thema Schwangerschaftsabbruch wirklich nichts verloren. Wenn wir eine aufgeklärte Gesellschaft sein wollen, in der niemand diskriminiert wird, müssen wir zumindest darüber reden. Und: Ärzte sollten umfassend über den Eingriff aufgeklärt sein und im Studium darauf vorbereitet werden. Denn sonst erledigt sich die Frage nach der Entscheidungsfreiheit der Frau sowieso irgendwann von selbst.




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