Acht Fragen zum Klimawandel

Neue Studien warnen vor den Folgen des Klimawandels. Was Sie wissen müssen - und was Sie tun können.

12 Grad herrschten durchschnittlich von September bis November - damit erlebte Deutschland den wärmsten Herbst seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Nun könnten wir uns natürlich einfach über das schöne Wetter freuen - doch es gibt da auch noch andere Meldungen. Meldungen, die den warmen Herbst in einem fahlen Licht erscheinen lassen. Denn was bei uns für Frühlingsgefühle im Dezember sorgt, ist das Ergebnis des Klimawandels. Der kommt nicht irgendwann, wir stecken mittendrin, und seine Folgen werden für alle ernst sein. Da sind sich die Forscher einig.

Was bedeutet das für unsere Zukunft? Welches Wetter erwartet uns? Können wir mit unserem Verhalten das Klima positiv beeinflussen? Wir haben Margret Boysen und Uta Pohlmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) um Antworten auf die wichtigsten Fragen gebeten.

Haben wir in Kiel bald ein Klima wie am Mittelmeer?

Das Klima in Kiel wird nicht so wie am Mittelmeer, aber deutlich wärmer als in der Vergangenheit und heute. Neben der Luft erwärmt sich auch die Ostsee. In der Nordsee werden heute sogar schon Fische aus südlicheren Gewässern beobachtet.

Werden die Winter in Deutschland wärmer oder kälter werden?

Die Winter werden in Deutschland wärmer. Das beobachten wir schon heute, da zu der allgemeinen globalen Erwärmung in Deutschland ein weiterer Effekt kommt: Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts haben im Winter die Westwetterlagen zugenommen. Und sie bringen uns vom Atlantik milde und feuchte Luftmassen. In vielen Regionen wird man künftig nicht mehr fest damit rechnen können, dass im Winter Schnee liegt.

Auf welche Unwetter müssen wir uns einstellen? Hurricanes im Harz? Überflutung am Bodensee?

In Deutschland könnten eine Reihe extremer Wetterlagen häufiger auftreten, teilweise haben sie bereits zugenommen. So müssen wir vor allem im Osten bis Nordosten Deutschlands mit Dürren und Niedrigwasser in den Flüssen rechnen. Auf der anderen Seite kommt es aber auch immer öfter zu Überschwemmungen, die im Sommer überall möglich sind, im Winter aber vor allem im westlichen Teil Deutschlands vorkommen. Außerdem werden wir wohl verstärkt mit Tornados, Winterstürmen, Hitzewellen und starken Niederschlägen zu kämpfen haben. In den Alpen müssen wir mit einer erhöhten Schnee- und Steinlawinengefahr rechnen, zum einen wegen heftiger Schneefälle im Winter und zum anderen als Folge des Auftauens des Dauerfrostbodens im Sommer.

Kann ich persönlich etwas gegen den Klimawandel tun?

Auch wenn es einem einzelnen Menschen so vorkommen mag, als könne er allein nicht gegen weltweite Veränderungen angehen: Der Erhalt unserer Lebensgrundlagen hängt davon ab, dass jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten handelt und den persönlichen CO2-Ausstoß auf ein Minimum herunterschraubt. Vielleicht sind diejenigen, die heute nach dem Motto 'Weniger ist mehr' handeln, die Lifestyle-Trendsetter von morgen? Sie können zum Beispiel ein Hybridauto statt eines ineffizienten Benzinschluckers kaufen, die Wohnung besser isolieren, die Heizung in wenig genutzten Räumen abschalten und den Stand-By-Modus bei Geräten vermeiden. Man kann auch Strom aus nachhaltigen Energiequellen wie Wind, Sonne oder Wasser anfordern. Bei der Entscheidung, inwiefern man sein Alltagsverhalten verändern möchte, sollte man sich zweier Tatsachen bewusst sein: Das Klima reagiert langsam auf die Treibhausgase, die der Menschen erzeugten, die Effekte unserer Lebensstiländerung werden wir deshalb nicht unmittelbar spüren. Aber wie gefährlich der Klimawandel ab 2050 wird, das können wir jetzt glücklicherweise noch beinflussen.

Welche Regionen in der Welt werden besonders hart von den Klima-Veränderungen betroffen sein?

Es sind vor allem vier Regionen: Trockengebiete, Gebiete im Einzugsraum tropischer Stürme, Gebirgsregionen und Küsten. Die Küsten etwa sind durch den steigenden Meeresspiegel bedroht. Die Langzeitfolge wäre ein Meeresspiegelanstieg um 30 - 50 Meter - mit 'Langzeit' sind hier einige Jahrhunderte gemeint. Bedroht ist besonders das Leben vieler Millionen Menschen in Megastädten, die an Küsten liegen. In fernerer Zukunft sind auch westliche Metropolen wie New York, Amsterdam oder Hamburg nicht oder nur mit immensen Kosten an ihrem Standort zu halten.

Wird der Klimawandel unser Leben komplett auf den Kopf stellen?

Der Klimawandel wird unser Leben in zweierlei Hinsicht beeinflussen: Erstens werden wir uns viel stärker als bisher darüber Gedanken machen müssen, wie wir uns an die Wetterveränderungen anpassen können, die bereits stattfinden. Das gilt insbesondere für die Probleme Hochwasser im Frühjahr, Hitzewellen im Sommer sowie Stürme im Herbst und Winter. Eine neue Kultur der Sicherheit mit geteilter Verantwortung zwischen Staat (Stadt) und Bürgern muss sich etablieren. Wir können uns also nicht mehr darauf verlassen, dass der Staat für alle Folgen von Naturkatratrophen aufkommt, sondern müssen uns selber Fragen stellen wie 'Sollte ich mein Haus wirklich so nah am Wasser bauen?'. Zweitens wird der Klimaschutz an Bedeutung gewinnen. Wir müssen uns fragen: Wie können wir Energie sparen? Beim Bauen und Wohnen und im Verkehr etwa? Wenn wir klug handeln, wird uns dies neue Chancen für Lebensqualität und wirtschaftliches Wachstum bringen. Wir haben, überspitzt formuliert, die Wahl zwischen einer 'Ökologie der Angst', wo wir nur auf (drohende) Katastrophen reagieren, und einer 'Ökologie der Chancen', bei der wir das Notwendige freiwillig tun - aus Einsicht und mit Einfallsreichtum bei der Suche nach neuen Möglichkeiten.

Selbst wenn in Deutschland von nun an penibel auf den Klimaschutz geachtet wird - bringt das überhaupt was, wenn andere Länder nicht mitziehen?

Deutschland stellt nur 1,3 Prozent der Weltbevölkerung, aber die verursachen 3,2 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen - für uns alle gibt es also durchaus eine ethische Verpflichtung, mehr für die Umwelt zu tun. Natürlich kann das globale Klimaproblem nicht in Deutschland allein gelöst werden. Aber das muss und wird es ja auch nicht. Wir spielen innerhalb der EU eine bedeutende Rolle im Klimaschutz, und Deutschland ist auch in Entwicklungsländern aktiv. China ist der Wachstumsmarkt der Zukunft, und es braucht verzahnte wirtschafts- und klimapolitische Partnerschaften, zum Beispiel in den Bereichen erneuerbare Energien, Stadtplanung und Verkehrsmanagement. Im Fall der USA darf uns die Blockadepolitik der Bush-Regierung nicht blind dafür machen, dass viele Bundesstaaten und Unternehmen eine sehr fortschrittliche Klimapolitik betreiben, die das Land nach den nächsten Wahlen zum Schrittmacher der globalen Klimapolitik werden lassen können.

Ist wirklich nur der Mensch an der globalen Erwärmung schuld? Oder ist Klimawandel nicht auch ein ganz natürlicher Vorgang?

Es ist richtig, dass sich das Klima unter dem Einfluss natürlicher Prozesse - insbesondere Schwankungen der Sonneneinstrahlung auf den Kontinenten - schon immer gewandelt hat. Was wir aber seit den 1970er Jahren beobachten, kann nicht mehr durch natürliche Ursachen erklärt werden. Der Hauptfaktor bei dieser Entwicklung ist die Verwendung fossiler Energieträger, etwa Kohle und Erdöl. Sie hat zu einer C02-Konzentration in der Atmosphäre geführt, wie sie zumindest in den letzten 750.000 Jahren nicht mehr vorgekommen ist. Wenn wir so weiter machen, könnte sich unser Planet bis zum Jahr 2100 um 5°C erwärmen.

Umfrage zum Film "Eine unbequeme Wahrheit"

Auch im Kino ist der Klimawandel derzeit ein Thema. In seiner Umweltdokumentation Eine unbequeme Wahrheit veranschaulicht der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore die Folgen der Klimaerwärmung und rät zu schnellem Handeln. Wir haben vier Kinobesucher gefragt, was sie zur Genesung der Erde beitragen wollen:

Adriana Martinez, 46, Trainerin:

Meine Einstellung hat der Film nicht geändert, weil ich ohnehin energiebewusst lebe. Ich habe den Film ja auch geguckt, weil ich mich für das Problem der globalen Erwärmung interessiere. Die Leute, die eigentlich informiert werden müssten, werden allerdings kaum ins Kino gehen, um den Film zu sehen. Privates Engagement bringt auf jeden Fall was für die Umwelt, schließlich fängt jeder Wandel im Kopf des einzelnen an.

Yvonne Paulus, 22, Studentin:

Ich achte schon lange sehr auf umweltfreundliches Verhalten. Ich trenne meinen Müll und fahre immer mit dem Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln - kleine Maßnahmen, die eigentlich jeder umsetzen kann. Ein Einzelner kann aber nur den Anfang machen - es müssen sich alle Menschen umstellen, wenn sich dauerhaft was ändern soll.

Axel, 42, Verkäufer

Jeder kann seinen Beitrag leisten. Man muss ja nicht gleich sein ganzes Leben umstellen: Im Film gibt es viele Tipps, was jeder einzelne tun kann. Ich werde erstmal drei oder vier umsetzen, etwa Energiesparlampen kaufen, und dann weitersehen. Ich habe vor, Al Gore zwei Bücher zum Thema zu schicken, die mich sehr beeindruckt haben.

Courtney Peltzer, 31, Projekt-Koordinatorin

Ich habe kein Auto, und der Film hat mich darin bestätigt, auch in Zukunft keines zu kaufen. Sollte ich mal in eine Gegend ohne öffentliche Verkehrsmittel ziehen und auf einen Wagen angewiesen sein, würde ich mir auf jeden Fall einen Hybridwagen anschaffen, der auch mit seinem Elektromotor angetrieben werden kann. Es wäre schön, wenn die Politik eine noch aktivere Position gegen die globale Erwärmung einnähme. Andererseits ist das halt ein Spiel: Die Politik ändert sich erst, wenn die Menschen sich ändern. Leider warten die Menschen noch zu sehr darauf, dass die Politik sie in diesem Prozess stärker unterstützt.

Buchtipp

Mehr Informationen zu Thema finden Sie in dem Ratgeber Klimawandel (Beck'sche Reihe 2006, 144 S., EUR 7,90). Zwei renommierte Klimaforscher vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung geben darin einen kompakten und verständlichen Überblick über den derzeitigen Stand unseres Wissens und zeigen Lösungswege auf.

miro, sos, hoeFachliche Beratung: PIK Fotos: Clipart, Sonja Schmidt
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