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Adaptive Fashion Josefine macht Mode für alle

Adaptive Fashion: Josefine Thom
© Anna Breit
In 30 Sekunden eine Jacke anziehen zu können, auch wenn die Fingerfertigkeit eingeschränkt ist – mit der Mode von Josefine Thom geht das. Ihr Ziel: Menschen mit Behinderungen eigenständiger machen. Und schicker. 

Dass Josefine Thom, 33, sich für Mode für Menschen mit Einschränkungen interessiert, hat viel mit den Jacken ihrer Schwester zu tun. Die passten nie so richtig, und schon gar nicht in den Alltag einer jungen Frau, die im Rollstuhl sitzt und ein möglichst unabhängiges Leben führen möchte – und dabei noch gut aussehen. "Das An- und Ausziehen war häufig eine Tortur", sagt Thom, "für meine Schwester wie für meine Mutter oder mich, wenn wir ihr geholfen haben."

MOB – Mode ohne Barrieren

Jacken für Rollstuhlnutzer*innen bezahlt in Deutschland im Bedarfsfall die Krankenkasse, und so sehen sie häufig auch aus: nach Hilfsmittel, unflott. "Defizitorientiert", nennt Thom das. Also machte sie sich für ihre sechs Jahre ältere Schwester Nadja, die kognitiv, körperlich und motorisch eingeschränkt ist, auf die Suche nach Kleidung, die leicht anziehbar und zugleich gut verarbeitet ist. Was sie fand, waren Klettverschlüsse, die Wollpullis kaputt machen, Kordeln, die ausfransen, schlecht vernähte Reißverschlüsse. "Dabei sind es gerade diese Details, die stimmen müssen", sagt sie.

Adaptive Fashion: Kollektion
Ausschnitt aus der aktuellen MOB-Kollektion
 
© Jakob Gsöllpointner

Thom, die in der Nähe von Halle geboren wurde und zum Studium nach Wien zog, gründete deshalb mit ihrem Kollegen Johann Gsöllpointner – die beiden jobbten im selben Weinlokal – 2019 ihre eigene Modefirma, "um es besser zu machen", wie sie sagt: MOB – Mode ohne Barrieren. Die Mode entwerfen sie mit jungen Wiener Labels, und damit die eine Idee davon bekommen, worauf es im Alltag für Menschen im Rollstuhl ankommt, bringt MOB sie zusammen. "Das war für alle spannend. Die Labels machen ja sonst keine Mode für Menschen, die sitzen."

Man muss genau hinsehen, um bei den Modellen auf ihrer Internet-Seite den Unterschied zur herkömmlichen, genormten Mode zu erkennen. Was man aber sofort erkennt ist, dass sie den Rollstuhlnutzenden eine Coolness und Ausstrahlung geben, die man tatsächlich aus dem Straßenbild so nicht gewohnt ist. Elegante Stehkragenhemden, weit geschnittene, durch Kordelzüge anpassungsfähige Blusen, Softshell-Outdoorjacken mit Schlitz am Rücken – die Feinheiten der MOB-Mode wirken wie Design-Ideen, nicht funktionell.

Adaptive Fashion gewinnt an Bedeutung

Blickt man mit den Augen von Josefine Thom, die oft so schnell erzählt, dass sie sich fast selbst überholt, auf Mode, dann werden ganz normale Details politisch, weil sie die Selbstbestimmung eines eingeschränkten Menschen untergraben können. Bei MOB haben die Materialien einen Elasthan-Anteil, das macht die Stoffe flexibler; ein besonderes Magnetverfahren ermöglicht schnelles Anziehen. "Menschen, die kognitiv behindert sind, brauchen ein leicht verstehbares Kleidungsstück", sagt Thom. In ihrer Rollstuhlmode sind die Ärmel so genäht, dass sie nicht an den Rädern schleifen; die Hosen sind so lang, dass es im Sitzen nicht nach Hochwasser aussieht. Auf Taschen wird hinten und an den Seiten verzichtet, damit nichts drückt und man nicht beim Rollen mit den Daumen hängen bleibt.

Adaptive Fashion: Kollektion
Ausschnitt aus der aktuellen MOB-Kollektion
Die Besonderheiten erkennt man erst auf den zweiten Blick.
© Anna Breit

Adaptive Fashion, sagt Thom, sei durch Corona wichtiger geworden, "weil Pflegende jetzt noch weniger Zeit haben, die Menschen noch isolierter leben. Da muss man mit einem Kleidungsstück entgegenwirken." Die Models findet sie bei Events, im Sport, ihr erstes war ein Rollstuhl-Basketballer aus dem Nationalteam. Wenn sich beim Shooting der Blitz im Glasauge eines im Sehen eingeschränkten Models spiegelt, wird das nicht wegretuschiert.

Thom hat Soziale Arbeit in Nürnberg studiert, ihren Master machte sie in Wien, in Gender Studies mit Schwerpunkt Disability Studies, in denen man das Thema Behinderung sozial- und kulturgeschichtlich erforscht. Zehn Jahre jobbte sie neben ihrer aktivistischen Arbeit – aktuell für einen Verein, der die Kosten für Schwangerschaftsabbrüche für ungewollt Schwangere in besonderen Notlagen übernimmt – in einem Weinlokal im Service. Co-Gründer Johann kommt aus dem BWL-Bereich und zog bei ihrer MOB-Idee gleich mit. Dass sie mit der Kreativwirtschaft zusammenarbeiten wollten, überzeugte die Behörden, die Wirtschaftsförderungen genehmigten. Für Thom war es ein Kaltstart ins Unternehmertum, der für sie funktioniert: "Wir haben einen Turbo hingelegt, es macht total Spaß. Ich lerne jeden Tag dazu", sagt sie. "Ich glaube, ich bin eine geborene Unternehmerin." 

Josefine Thom, 33, hat MOB 2019 mit einem Kollegen gegründet. Das Thema Behinderung beschäftigt sie von jeher, u. a. betreute sie zwei Jahre das Kulturprojekt "PRO 21" gegen bevormundende Konzepte gegenüber Menschen mit Lernschwierigkeiten. Sie lebt in Wien, ist liiert, kocht gern, läuft gern und hat das Frühaufstehen für sich entdeckt.

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BRIGITTE 12/2021 Brigitte

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