Meine Mutter, die Unbekannte

Was macht eigentlich deine Mutter? Die alltägliche Frage bereitet Sabine immer wieder ein mulmiges Gefühl. Die ehrliche Antwort lautet: Sabine weiß es nicht. Vor sechs Jahren hat die heute 17-Jährige erfahren, dass sie als Baby adoptiert wurde

Die Wahrheit über ihre Adoption haben Sabines Pflegeeltern ihr so schonend wie möglich beigebracht: "Ich erinnere mich, dass sie es mir während meiner Sommerferien gesagt haben." Erst einmal wollte Sabine die Wahrheit nicht glauben - sie hat getobt, geschmollt und geweint. Schließlich akzeptierte sie ihre Vergangenheit, nicht zuletzt weil ihre Pflegeeltern sich sehr viel Zeit für sie genommen haben. In langen Gesprächen versuchten sie auf alle Fragen einzugehen, die Sabine hatte: "Ich wollte manchmal völlig unerhebliche Dinge wissen, beispielsweise was die Haarfarbe meiner leiblichen Mutter sei - aber sie haben meine leibliche Mutter nie persönlich kennen gelernt", berichtet sie.

Woher komme ich?

Ihrem Gefühl nach sind Sabines Pflegeltern ihre wahren Eltern: "Ich liebe die beiden über alles", sagt die Münchenerin. "Aber manchmal in ruhigen Momenten stelle ich mir Fragen, die mir keine Ruhe lassen." Eine ihrer Fragen lautet: Woher komme ich? Sabine würde gerne ihre Wurzeln, ihre richtigen Eltern kennen lernen. Außerdem fragt sie sich jeden Tag, wieso ihre Mutter sie weggegeben hat. "Was hat sie soweit gebracht, dass sie diesen schwerwiegenden Entschluss fasste? Wieso trennen sich Mütter überhaupt freiwillig von ihren Kindern?" will Sabine wissen. Auf diese Frage geben Fachleute unterschiedliche Antworten: "Das eigene Kind wird meist in einer Notsituation weggegeben - die Frauen stehen größtenteils unter einem unerträglichen sozialen Druck", erklärt Psychologe Jan Deinet. "Sie erhalten oft keinerlei Rückhalt von ihren Familien oder ihren Freunden."

Ein weiterer Grund ist mangelnde finanzielle Sicherheit der Mutter, besonders wenn sie minderjährig ist. Sie ist nicht in der Lage, ihren Nachwuchs alleine zu erziehen. Hinzu kommt die Angst der jungen Mutter, dass sie die Zukunft ihres Kindes zerstören könnte. Einige Frauen geben ihr Kind daher lieber ab, weil sie sich bessere Umstände für ihre Tochter oder ihren Sohn erhoffen. Andere Frauen wiederum tragen ihre Babys aus, obwohl sie von Anfang an keinen Nachwuchs möchten. Allerdings wollen sie das Ungeborene aus religiösen oder moralischen Gründen nicht abtreiben.

Diese Antworten sind für Sabine nicht genug. Sie sind zu allgemein, zu oft hat Sabine sie im Internet gelesen. "Ich will die genauen Umstände meiner eigenen Vergangenheit kennen, ich möchte meiner leiblichen Mutter in die Augen schauen!" Die Gymnasiastin hegt diesen Wunsch erst seit kurzem. Sie hat ihren Adoptiveltern noch nichts davon erzählt. Sabine fürchtet, es könne besonders die Gefühle ihrer Pflegemutter verletzen - das Mädchen möchte nicht, dass ihre Pflegeeltern es falsch auffassen: "Sie sollen niemals denken, dass sie mir als Eltern nicht genügen oder etwas falsch gemacht haben!" Deshalb wird Sabine ihren Pflegeeltern vermutlich vorerst nicht von ihrem Wunsch erzählen. In wenigen Monaten wird sie 18 und damit volljährig. Als Volljährige hat sie laut des Bundesverfassungsgerichts das Recht auf Kenntnis über die eigene Abstammung. Kurzum: Als volljährige Adoptierte kann sie bei der Adoptionsvermittlungsstelle die Kontaktdaten ihrer leiblichen Eltern erfragen.

Sie möchte ihre Mutter nicht verurteilen

"Ich habe im Internet nach Mädchen gesucht, die meine Erfahrungen teilen und selbst bald auf die Suche nach ihren leiblichen Müttern gehen werden. Dabei habe ich festgestellt, dass viele von ihnen ihren Müttern gegenüber Wut und Verzweiflung empfinden", berichtet Sabine. Sie sagt, sie könne möglicherweise besser oder anders mit der Wahrheit umgehen, weil sie glaubt, dass ihre Mutter sehr gute Gründe gehabt haben muss, um sich von Sabine zu trennen. Und solange Sabine diese Gründe nicht kennt, möchte sie ihre Mutter nicht verurteilen. Sie möchte sie nur kennen. "Dieser Wunsch bohrt immer mehr an mir", sagt sie und betont jedes Wort. Dann sinkt sie plötzlich in sich zusammen: Sie hat im Internet über mehrere Fälle gelesen, in denen die Kinder ihre leiblichen Mütter gefunden hatten, aber die Mütter während des Wiedersehens desinteressiert oder gar aggressiv reagiert haben. "Ein zweites Mal von meiner Mutter abgelehnt zu werden - davor habe ich die größte Angst", flüstert Sabine und krickelt Muster in ihren Notizblock, in dem groß die Nummer der Adoptionsstelle geschrieben steht.

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