"Meine Schwester, meine Feindin": Wie zwei Frauen das gespaltene Ägypten repräsentieren

Deutschland bekannteste TV-Reporterin Antonia Rados hat ein Jahr lang zwei Schwestern begleitet: Ägyptens schillernden Bauchtanz-Star Dina Talaat und ihre salafistische Schwester Rita.

Die Schwestern Dina und Rita könnten kaum gegensätzlicher sein: Dina Talaat ist Ägyptens exzentrischer Bauchtanz-Star, ihre Schwester ist tief religiös. In der ersten Hälfte der Reportage "Meine Schwester, meine Feindin" leidet die Bauchtänzerin unter den politischen Verhältnissen: Präsident Mursi ist an der Macht, mit der Muslimbruderschaft setzt er Gesetze durch, die die Rechte der Frauen beschneiden. Dina verliert lukrative Jobs, die Angst vor einem Gottesstaat ist allgegenwärtig. Am 3. Juli 2013 wird Mursi gestürzt. Mit der Machtübernahme des Militärs verändern sich auch die Lebensbedingungen der salafistischen Schwester. Nun ist sie es, deren Rechte beschnitten werden.

Antonia Rados, promovierte Politologin, ist Deutschlands bekannteste TV-Reporterin. Für ihre Arbeit in Krisenregionen wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Die gebürtige Österreicherin lebt in Paris.

BRIGITTE: Für Ihre Dokumentation haben Sie Dina und Rita ein Jahr lang porträtiert. Was unterscheidet die beiden?

Antonia Rados: Dina ist eine westlich orientierte Skandalfrau, die freizügig lebt, sieben Mal verheiratet war, Chanel und Louboutin-Schuhe trägt und gern in die USA reist. Ihre Schwester Rita ist Salafistin, sie trägt Gesichtsschleier und Handschuhe.

Wie konnten die Schwestern sich so unterschiedlich entwickeln?

Sie kommen aus einer ganz normalen Mittelschichtsfamilie, die Mutter lebt in Amerika. Rita war früher Nachtclubsängerin, erst 2001 ist sie in die extreme Religion abgedriftet.

Wie kam es dazu?

Als Sängerin war sie andauernden Belästigungen ausgesetzt. Ihr Manager und die Clubbetreiber wollten mit ihr schlafen, andere Männer pfiffen hinter ihr her. "Unsere Männer sind unerträglich", sagt Rita. Sie versteckt sich hinter ihrem Schleier, auch beim Dreh hat sie ihr Gesicht nicht gezeigt.

Ist sie von einem Tag auf den anderen religiös geworden?

Nein. Sie litt unter den Männern und war auf der Sinnsuche. Sie war schon immer religiös und hatte einen Hang zum Aberglauben und zum Mystischen. In einer Koranschule geriet sie dann zufällig in Salafistenkreise. Sie gab ihre Gesangskarriere auf, heute lebt sie vom Verkauf von Gebetsketten, von ihrem kleinen Job bei der Niederlassung einer deutschen Internetfirma – und von den Geldzuweisungen ihrer reichen Schwester.

Welcher Art von Frau gehört Ägypten?

Haben die beiden Kontakt?

Ja. Und sie streiten immer wieder heftigst um die Frage: Wem gehört Ägypten, welcher Art von Frau gehört Ägypten? Rita sagt, wir sind nicht der Westen, Miniröcke zu tragen ist hier gefährlich. Dina sagt: "Ägypten gehört mir."

Ist der Riss durch die Familie exemplarisch für den Riss durch die ägyptische Gesellschaft?

Die beiden Schwestern sind Repräsentantinnen dieses sehr gespaltenen Lands. Wir haben solche familiären Konstellationen zigmal vorgefunden, die Gespaltenheit in manchen Familien ist extrem: Wir trafen eine westlich orientierte Schauspielerin mit einer radikal religiösen Schwester, einen jungen Journalisten, dessen Vater ein radikaler Prediger ist. So ähnlich war es ja auch beim 9/11-Attentäter Mohammed Atta, der in weltlichen Verhältnissen aufgewachsen ist.

Was ist Ihr Eindruck: Werden die verfeindeten Lager der Säkularen und Religiösen in Ägypten irgendwann zueinanderfinden?

Ich glaube, dass der Kampf weitergehen wird. Das Militär hat das Problem nur aufgeschoben, nicht gelöst. Ägypten ist ein sehr frommes Land, 73 Prozent der Ägypter wollen die Scharia in der Gesetzgebung verankern. Frauen wie Dina sind nur eine kleine Minderheit.

Was hat Sie bei den Dreharbeiten überrascht?

Dass die Sache nicht so eindeutig ist, wie man denkt. Auch die Salafistin hat ihre Argumente: Sie ist nicht gewalttätig, will nur in Ruhe ihre Religion ausüben können. Und Dina, die weltlich orientierte Schwester, ist sehr materialistisch, sie teilt die Gesellschaft in A, B- und C-Klassen ein. Die A-Klasse besteht aus den oberen Zehntausend, für die sie tanzt. In Ägypten herrscht ein Hin und Her zwischen Mittelalter und 21. Jahrhundert.

TV- und Buchtipp

"Meine Schwester, meine Feindin - Antonia Rados über eine Bauchtänzerin und eine Salafistin in Ägypten" wird am Sonntag, den 23. 3. 2014 um 23.25 Uhr auf RTL ausgestrahlt. Ihre Erlebnisse hat Antonia Rados auch in ihrem Buch "Die Bauchtänzerin & die Salafistin - eine wahre Geschichte aus Kairo" verarbeitet. Es erscheint am 17. April 2014 (Amalthea, 19,95 Euro, www.amazon.de).

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