Lage in Ägypten: Drei Frauen erzählen

Wie ist die Lage in Ägypten? Drei Frauen aus Kairo über Zukunftsaussichten, ihren Alltag, ihre Hoffnungen und Wünsche.

Hanan (35), Dozentin der Medienwissenschaften

"Ich wünsche mir ein demokratisches, gerechtes Land, in dem die Zukunft meiner Tochter sicher ist."

"Ich war gegen die Tötung Hunderter Menschen bei der Räumung der Sit-in-Camps durch das Militär. Trotzdem müssen wir darüber nachdenken, was Demokratie eigentlich bedeutet. Ist sie wirklich nur auf die Wahlurnen beschränkt? Und wie muss man die illiberalen Tendenzen der Mursi-Regierung beurteilen?

Ich denke, Demokratie ist mehr als bloßes Stimmenzählen. Mursi hat Lynchmorde und Angriffe auf Minderheiten geduldet und Terroristen freigelassen, die für Anschläge auf Sicherheitsbehörden zu Freiheitsstrafen verurteilt worden waren. Wir wollen aber einen Rechtstaat und keine Lynchjustiz.

Der Machtkampf zwischen Säkularen und Islamisten kann nur im Dialog gelöst werden. Doch wenn das Unrecht gegen die Muslimbrüder wächst, werden sie keine friedliche Annäherung zulassen.

Die Slogans der Revolution waren ja ursprünglich: Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Bis jetzt ist nichts davon realisiert worden. Im Gegenteil, die wirtschaftliche Lage hat sich gerade für die unteren Schichten verschlimmert. Bislang beschränkt sich der Wandel auf die Eliten.

Die Lockerung der Ausgangssperre von 19 auf 23 Uhr erleichtert unseren Alltag. Die Bilder des abendlichen Kairo haben mich wirklich verblüfft: Wie kann man diese Riesenstadt derart lahmlegen? So ruhig und alles zu - Kairo erinnerte mich manchmal an deutsche Städte nach 20 Uhr. Einige scherzen darüber, dass Frauen sich über die Ausgangssperre freuen, weil nun ihre Ehemänner und Söhne abends zu Hause bleiben. Tatsächlich halten sich die meisten daran, ein Zeichen für ein Mindestmaß an Kooperation mit dem Militär. An einigen Checkpoints zeigen sich auch die Soldaten den Bürgern gegenüber kulant. Mein Mann ging während der Ausgehsperre manchmal in das Café um die Ecke und hat keine Probleme bekommen."

Ich wünsche mir ein demokratisches, gerechtes Land, in dem die Zukunft meiner Tochter sicher ist. Ägypten ist pluralistisch. Doch leider können das viele Ägypter nicht akzeptieren.

Abier (36), Ägyptologin

Abier ist schon 2011 gegen Husni Mubarak auf die Straße gegangen

"Wir haben vom Militär verlangt, uns vor der bewaffneten Gruppe der Muslimbrüder zu schützen. Daher finde ich es richtig, dass die Armee die Protestlager der Muslimbrüder geräumt hat.

Die Bruderschaft ist eine Organisation mit unbekannter Finanzierung. Ihre Anhänger bedrohen Christen, rufen dazu auf, Gegner zu ermorden, haben Terroranschläge im Sinai verübt. Sie tragen die Al-Kaida-Flagge mit Stolz. Ihre Devise "Entweder Mursi oder der Tod" sagt alles. Die Muslimbrüder nutzen die Religion für ihre Zwecke und verführen arme, ungebildete Menschen. Aber die Beziehung zwischen Muslimen und Christen ist enger geworden. Wir wollen uns vom religiösen Faschismus befreien.

"Wir Ägypter sind stärker und selbstbewusster geworden."

Ich habe seit März 2013 keine Arbeit und kein Einkommen mehr. Glücklicherweise habe ich eine Familie und einen Mann, die mich finanziell unterstützen. Einige Kollegen versuchen Geld zu verdienen, indem sie Autos oder andere Dinge verkaufen. Es ist eine schwierige Zeit, aber unter Mursi wäre alles noch schlimmer geworden.

Ich habe die große Hoffnung, dass es Ägypten irgendwann besser gehen wird. Wir Ägypter sind stärker und selbstbewusster geworden, wir glauben an unsere Fähigkeiten. Und als Historikerin habe ich gelernt, dass es sich lohnt, zu kämpfen."

Ranja (41), Lehrerin

"Trotz Gewalt und Unsicherheit sehe ich einen Hoffnungsschimmer für Ägypten."

"Nach einem Jahr unter Mursi stand für viele Ägypter fest: Wenn er in den drei ausstehenden Regierungsjahren so weitermacht, richtet er das Land zugrunde. Die Nahrungsmittelpreise haben sich unter seiner Präsidentschaft verdreifacht. Als Frau fühlte man sich unwohl in der Öffentlichkeit unter den Muslimbrüdern, die auf einmal überall waren und ständig guckten, ob man auch korrekt angezogen ist. Und die meisten Touristen – für viele Ägypter eine Existenzgrundlage – blieben weg: Wer will schon in ein Land reisen, in dem Islamisten das Sagen haben?

Für uns war daher schnell klar: So geht es nicht weiter. Volk, Militär und Polizei haben sich daher zusammengetan, um unser Land zu schützen und den Terrorismus in Gestalt der Muslimbrüder zu bekämpfen. Weil die Muslimbrüder das nicht akzeptieren wollten, sorgten sie für Unruhen: Sie belagerten Plätze in Kairo, sperrten Brücken, brannten Kirchen und Gebäude nieder und schossen wahllos auf Zivilisten. Die Brutalität, mit der sie vorgingen, war erschreckend.

Ich wohne mit meiner Familie am Rand von Kairo. Wir bekommen von den Unruhen nicht viel mit, sitzen aber zu Hause fest. Das ist ziemlich langweilig und frustrierend, weil wir nicht wissen, wie es weitergeht. Mit meinen Kindern mag ich nicht in die Stadt fahren, weil ich ihr Leben nicht riskieren möchte. Wir gehen manchmal in ein Schwimmbad um die Ecke, ansonsten spielen wir Gesellschaftsspiele oder gucken Filme. Wann die Schule wieder beginnt, ist ungewiss. Meine Kinder besuchen die Deutsche Oberschule. Die meisten Lehrer sind noch in Deutschland, die deutsche Regierung hat eine Ausreisesperre für sie verhängt.

Trotz all der Gewalt und Unsicherheit sehe ich aber einen Hoffnungsschimmer für Ägypten. Die Polizei ist wieder auf den Straßen präsent. Die Übergangsregierung kümmert sich um Frauenrechte und Bildungschancen für Mädchen. Ich hoffe wirklich, dass wir bald wieder normal leben können."

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