IT-Expertin Roya Mahboob: Klick für Klick zur Freiheit

Roya Mahboob kämpft für ein neues Afghanistan. Die IT-Technikerin verschafft hunderttausenden Frauen und Mädchen, die dort weitgehend vom öffentlichen Leben ausgeschlossen sind, Zugang ins Internet - und damit in ein selbstbestimmtes Leben.

Roya Mahboob

Sie werden zwangsverheiratet, geschlagen und eingesperrt: In kaum einem Land auf der Erde haben Frauen so wenige Rechte wie in Afghanistan. Roya Mahboob will das ändern. Sie will jungen Frauen in ihrem Land ein freies und selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Wie das geht? "Übers Internet", sagt die IT-Technikerin. An afghanischen Schulen hat sie 40 Interneträume für mehr als 160.000 Mädchen und junge Frauen geschaffen. Außerdem unterstützt sie die interaktive Plattform WomensAnnex.com. Hier chatten Afghaninnen mit Frauen aus anderen Ländern, sie lernen, Videos und Blogs zu produzieren, und sie können sich sogar zu IT-Expertinnen ausbilden lassen. Eine Revolution.

Ich will zeigen, dass Frauen alles können - wenn man sie lässt.

In diesem Jahr wurde Mahboob für ihre Projekte vom "Time Magazine" zu den 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Welt gewählt. Die 25-Jährige will etwas erreichen, aber nicht provozieren. Sie lebt bei ihren Eltern und trägt in der Öffentlichkeit einen locker um den Kopf geschlungenen Schal. Die schöne, schmale Frau spricht leise, wirkt fast schüchtern. Und kämpft unbeirrbar für ein neues Afghanistan. 2010 hat sie das Unternehmen "Mah-boob's Afghan Citadel Software" (ACS) gegründet. Die IT-Firma kreiert Software und Datenbanken für Firmen und Ministerien, auch die Nato gehört zu ihren Auftraggebern. 18 von 25 Angestellten sind Frauen. "Ich will zeigen, dass Frauen alles können - wenn man sie lässt", sagt Roya Mahboob.

Mit dieser Gewissheit wuchs sie auf. Ihre Eltern, die vor den Sowjets in den Iran geflohen waren, ließen ihr viele Freiheiten. Mit 15 hatte sie ein einschneidendes Erlebnis, als sie einem Cousin beim Chatten zuguckte - und nichts davon verstand. Sie schämte sich ihrer Unwissenheit, kapierte aber sofort die Chancen des Internets. Als die Familie nach Herat im Westen Afghanistans zurückkehrte, besuchte das Mädchen Internetkurse, die für afghanische Frauen im Rahmen internationaler Entwicklungsprogramme angeboten wurden. Sie war begeistert, studierte Informatik und bekam einen Job als IT-Entwicklerin an der Universität in Herat. Spätestens da merkte sie, was es heißt, in einem fundamentalistischen Land eine Frau zu sein: "Alle hielten mich für die Sekretärin, sie erwähnten meinen Namen nie. Den meines Stellvertreters schon - denn der war ein Mann."

Es bleibt nicht bei der soften Diskriminierung. Sie bekommt Briefe und Anrufe mit Gewaltandrohungen. Eine Zeit lang tauschte sie ständig ihre Chipkarten fürs Handy aus. Inzwischen hat sie wieder eine feste Nummer. "Was soll ich tun? Ich muss weitermachen. Schließlich geht um die Zukunft der Frauen - und um die des Landes."

Text: Claudia Kirsch Foto: Alena Soboleva BRIGITTE 16/2013
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