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Kolumne Kopfkarussell Was wird jetzt aus den Frauen in Afghanistan?

drei afghanische Frauen in traditionellen blauen Burkas schauen sich Armreifen an
© Lizette Potgieter / Shutterstock
Seit dem 15. August befindet sich die afghanische Hauptstadt Kabul in den Händen der Taliban. Zum ersten Mal seit über 20 Jahren. Das macht unserer Autorin große Sorgen. Denn vor allem die Freiheiten von Frauen und Mädchen stehen auf dem Spiel.

Durch den Twitter-Feed scrollen, die trendenden Topics des Tages scannen, den Kopf schütteln über den Zustand der Welt: morgendliche Journalist:innen-Routine. Und dann das: Die Bilder von verzweifelten Afghanen, die sich an ein Flugzeug der amerikanischen Air Force klammern. Da stockt der Atem. Das frisst sich ins Gedächtnis.

Weniger schrill, aber mindestens genauso eindringlich sind diese Bilder: Ein Ladenbesitzer, der hastig das Plakat einer hübschen Frau, dezent geschminkt, mit Schmuck gestylt und die Haare lose unter einem Hijab drapiert, überstreicht. Schnell, bevor die neuen alten Herrscher kommen. Junge afghanische Frauen aus der Hauptstadt, die in Geschäften um günstigere Preise für Burkas feilschen, die sie nie tragen wollten. Ein Vorgeschmack auf das, was kommt. 

Das bange Warten

Ein weiteres Bild, das hängen bleibt, sendet der afghanische TV-Sender Tolo News. Zum ersten Mal seit der Machtübernahme strahlt er eine Sendung mit einer Moderatorin aus: Beheshta Arghand interviewt einen Pressesprecher der Taliban. Seither finden sich immer weitere Bilder von Reporterinnen auf den Straßen Kabuls. Ein Ablenkungsmanöver? Der Versuch, eine friedliche Übernahme zu suggerieren, bei der auch Frauen einen Platz innerhalb und nicht wieder am Rande der Gesellschaft haben könnten? Oder ein ernsthafter Kurswechsel? Es wird sich zeigen, ist aber höchst unwahrscheinlich. Berichte über geplante Zwangsverheiratungen in ländlichen Regionen machen längst die Runde. Frauenrechtlerinnen und Aktivistinnen fürchten um ihr Leben. Mein Magen krampft. Die Situation ist wie in einem Thriller, nur dass es hier um echte Menschenleben geht. 

Denn eins bleibt unvergessen: Die Taliban sind nicht zum ersten Mal Machthaber in dem ausgedorrten Land am Hindukusch. Und damals – zwischen 1996 und 2001 – herrschten mittelalterliche Verhältnisse. Bis die amerikanischen und dann weitere internationale Truppen kamen. 20 Jahre lang lebten afghanische Frauen und Mädchen mit relativen Rechten. Viele trugen auch weiterhin die für Afghanistan typische blaue Burka, aber gerade in Kabul gab es genauso bunte und moderne Einflüsse, Frauen, die sich in farbenfrohe Stoffe hüllten und ihre Gesichter zeigten. 

Es gab Bildungsmöglichkeiten. Frauen schrieben sich an den Universitäten ein. Noch am 3. Juni twitterte Saad Mohseni von der Moby Group, einem privaten Rundfunksender, der im Jahre 2002 gegründet wurde, ein Video, das die aktuellen Immatrikulationszahlen der Herat Universität im Westen des Landes zeigt – mehr als 50 Prozent der Studierenden seien demnach weiblich und ihre Ergebnisse sogar durchschnittlich besser als die ihrer männlichen Kommilitonen. Damit dürfte es wohl bald wieder vorbei sein.

Wenn die Vergangenheit zur Zukunft wird

Ich lese den gefühlt hundertsten Artikel zum Thema: Diesmal im britischen Guardian. Der Autor bezieht sich darin auf einen Sprecher der Taliban, der sinngemäß Folgendes verlauten ließ: Sie, die Taliban, würden jetzt damit beginnen, eine Regierung zu formen; ihnen wäre an einer friedlichen Machtübernahme gelegen. Und sie respektierten die Rechte der Frauen – aber – und jetzt bitte kurz innehalten, denn jetzt kommt das Sternchen, die Geschäftsbedingungen, das Kleingedruckte, das wir lesen sollten, bevor wir unser Häkchen setzen: Sie respektierten Frauenrechte – unter dem Schariagesetz

Was das genau bedeutet, ist nicht klar definiert. Denn wie die Scharia ausgelegt wird und wie sie in die Gesetzgebung einfließt, unterscheidet sich von Land zu Land. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass sie den Taliban in Afghanistan als Grundlage für enorme Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen und Mädchen dienen würde. Damals, zwischen 1996 und 2001, bedeutete das konkret: Frauen mussten eine traditionelle Burka tragen, durften das Haus nicht ohne männlichen Begleiter verlassen und konnten keiner Erwerbstätigkeit nachgehen – was wiederum dazu führte, dass vielen Witwen nichts anderes übrig blieb, als auf den Straßen betteln zu gehen. Mädchen durften nicht mehr zur Schule gehen und auch die medizinische Versorgung wurde ihnen enorm erschwert. Nur ein Krankenhaus in Kabul behandelte damals überhaupt Frauen. Und in das kamen sie nur mit einem männlichen Begleiter. Bei der medizinischen “Behandlung“ mussten sie dann wiederum verhüllt bleiben, da es männlichen Ärzten ja untersagt war, sie zu berühren. Somit war der Besuch meistens hinfällig. 

Wird diese Vergangenheit jetzt die Zukunft der Mädchen und Frauen in Afghanistan? Gerade ist das Land in aller Munde, westliche Nationen versuchen ihre Mitarbeiter:innen auszufliegen. Und was kommt dann? Können wir 20 Jahre lang Truppen in ein Land schicken, versuchen dort eine Demokratie aufzubauen und dabei mutige afghanische Frauen involvieren, nur um schließlich zu sagen: Wupps hat leider nicht geklappt, na ja, egal, wir sind dann mal weg? 

Wer direkt helfen will, kann Rukhshana Media unterstützen, eine ausschließlich von Frauen betriebenen Plattform der afghanischen Journalistin Zahra Joya, die Frauen und ihren Anliegen eine Stimme gibt: zur Crowdfunding-Kampagne.  

Quellen:

ABC News, Der Spiegel, Der Tagesspiegel, The Conversation, The Guardian, Theos, Twitter

Brigitte

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