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Alena Schröder Der Preis ist Eis

Alena Schröder: eine Frau mit Sonnenbrille hält ein Eis in der Hand
© photoschmidt / Adobe Stock
Eis wird teurer, wie alles im Moment. Trotzdem löst gerade der vermeintliche Kugel-Wucher besondere Gefühle aus.

In der Schlange vor meiner Lieblingseisdiele kommen die Wartenden oft ins Gespräch, denn es gibt ein Aufregerthema, das schon immer aktuell war, auch vor der grassierenden Inflation: der Eiskugelpreis. Die Kugel wird jedes Jahr ein paar Cent teurer, wie eigentlich alles, vor allem in diesen Zeiten, aber aus irgendeinem Grund erregt gerade der Eis-Preis die Menschen besonders.

Ich stehe gern dort an und belausche die Gespräche, denn ich habe eine innere Wette laufen: Irgendjemand wird irgendwann seufzen, sich dem Kind an seiner oder ihrer Seite zuwenden und sagen: "Als ich in deinem Alter war, hat das Eis noch 50 Pfennig gekostet, das kann man sich ja heute gar nicht mehr vorstellen." Und dann wird sich ein anderer Erwachsener umdrehen und sagen: "Ja, ein Euro achtzig für eine Kugel Eis, das ist doch verrückt, das geht ja eigentlich gar nicht, nächstes Jahr sind wir dann bei zwei Euro, das ist doch Wahnsinn!"

Noch nie habe ich ein derartiges Gespräch im Supermarkt angesichts der steigenden Preise von Staudensellerie oder Pflaumenmus belauscht, vermutlich, weil Schlangestehen vor der Eisdiele einfach mehr Nostalgie-Knöpfe drückt. Steigende Lebensmittelpreise sind natürlich ein echtes Problem für sehr viele Menschen, aber die beklagen sich in der Regel nicht lautstark, während sie 20 Minuten für eine Kugel Bio-Tonkabohne-Sesam-Krokant-Eis anstehen (es ist wirklich köstlich!).

Ein Plan der Eis-Mafia?

"Das ist die reinste Goldgrube hier", raunt eine Frau vor mir zu ihrer Freundin. "Ich glaube ja, das ist eine richtige Mafia", antwortet sie, "die sprechen jedes Jahr die Preise ab, damit hier im Viertel keine Konkurrenz entsteht!" Das ist natürlich Quatsch, aber die Vorstellung gefällt mir: Wie sich die drei Eisdielenbesitzer:innen meiner Nachbarschaft immer Anfang März in ihren schwarzen Limousinen vor einem Nachtclub vorfahren lassen, dann in einem geheimen Hinterzimmer zusammensitzen und das Revier unter sich aufteilen: "Caramello" behält das Monopol auf Schlumpfeis, dafür hat nur "Die Eisliebe" die bunten Streusel; Biogedöns und veganes Schokoladeneis führt ausschließlich die "Eismanufaktur". Diesjähriger Kugelpreis ein Euro achtzig, die Leute sollen gefälligst bluten! Dann wird mit Champagner angestoßen, und nach Saisonende werden dann die durch den Eiskugelwucher erbeuteten Millionen in einem karibischen Steuerparadies verprasst.

Vielleicht könnte ich auch einsteigen ins Geschäft, eine mächtige und gefürchtete Patin werden, der die anderen Eisdielenbesitzer:innen erst mal den Siegelring küssen müssen, wenn sie irgendwo auftaucht. In meinem Safe würde womöglich das Geheimrezept für das weltbeste Malaga-Eis liegen, mit dem meine Nachkommen unsere Eisdynastie in eine glorreiche Zukunft führen könnten. Im Fernsehen liefe eine Doku-Soap über uns, die Kardashians des Speiseeishandels, Elon Musk würde sich Anlagetipps bei mir holen, okay, ich stehe schon wirklich verdammt lang in der prallen Sonne in dieser Schlange, aber jetzt bin ich endlich dran.

Der leider ganz und gar nicht wohlhabende Eisverkäufer hinter der Theke lächelt mich an, großmütig ignoriert er das Gemecker seiner Kundschaft, schließlich handelt er mit einem aufwendig hergestellten und dafür doch recht fair bepreisten Luxuslebensmittel, für das es im Tiefkühlregal günstige Alternativen gäbe.

In Wahrheit glaube ich, dass das Aufregerthema Eiskugelpreis einfach der soziale Kitt ist, der die Nachbarschaft zusammenhält. Und auch ein Akt der Verdrängung. Wir stehen hier gemeinsam und warten und seufzen und reden von früher (50 Pfennig!) und ereifern uns wegen einer Lappalie, um uns nicht über die wirklich schrecklichen Dinge aufregen und sorgen zu müssen, die auf der Welt gerade passieren. Das entlastet, und dann gibt es ja schließlich ein Eis zur Belohnung und schon sieht alles nicht mehr ganz so düster aus. Dafür zahle ich gern, nächstes Jahr auch zwei Euro zehn. Ehrensache.

Alena Schröder ist Autorin des Bestsellerromans "Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid" und schreibt für BRIGITTE eine Kolumne im Wechsel mit Anja Rützel. 

Brigitte

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