VG-Wort Pixel

Raubbau am Regenwald Alice Pataxó rüttelt Hundertausende Menschen auf

Alice Pataxó: Zerstörter Regenwald
© CARL DE SOUZA/AFP / Getty Images
Bei ihr sieht Aufklärung aus wie Pop und Spaß. Aber Alice Pataxó berichtet über indigene Rechte und den Raubbau an der Natur Brasiliens. Und rüttelt damit Hunderttausende Menschen auf.

Sie war 15, als Polizisten ihre Familie und sie aus ihrem Dorf im brasilianischen Bundesstaat Bahia vertrieben. Traktoren walzten die Häuser in den Staub. Am Rand einer Bundesstraße bauten sich die Menschen Notunterkünfte aus Holzstecken und Planen. Acht Wochen lebten dort 30 Familien mit Alten und Kindern. Schließlich fanden sie eine neue Bleibe im nahe gelegenen Schutzgebiet Monte Pascoal.

Social Media als Plattform

Nicht ganz sechs Jahre später ist Alice Pataxó eines der bekanntesten Gesichter der indigenen Community Brasiliens. Auf Twitter und Instagram folgen ihr fast eine Viertelmillion Menschen, darunter die ehemalige brasilianische Umweltministerin Marina Silva und die pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai. Lehrerinnen präsentieren sie ihren Schülerinnen als Vorbild, junge Frauen kopieren ihren Stil. Vor allem aber teilen Tausende ihre Posts. In denen spricht sie sehr offen darüber, wie die Rechte von Indigenen in Brasilien missachtet werden und welche Rolle der Raubbau am Regenwald dabei spielt. Den vielen Nicht-Indigenen unter ihren Follower:innen erklärt sie geduldig, was ihre traditionelle Gesichtsbemalung bedeutet oder welche Sitten ihre Familie bis heute pflegt.

Alice Maciel de Souza, so ihr eigentlicher Name, gehört zum Volk der Pataxó, einer der rund 300 indigenen Volksgruppen Brasiliens. Das Landstück, von dem ihre Familie vertrieben wurde, war nicht offiziell als Schutzgebiet der Indigenen anerkannt, deshalb konnte eine Großgrundbesitzerin Anspruch darauf erheben. "Kinder sollten so etwas nicht erleben müssen", sagt Pataxó heute. Damals wurde ihr klar, "dass ich nur wegen meiner Kultur, meiner Hautfarbe, meiner Herkunft in diese Situation geraten bin." Um diese Erkenntnis mit anderen zu teilen, schrieb sie ihre ersten Tweets.

Bald folgten ihr Zehntausende. Denn ihre Botschaften sind kämpferisch, oft aber zugleich humorvoll und ironisch. Als der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro 2020 ein Gesetz durchboxen wollte, das Bergbauprojekte in anerkannten Schutzgebieten der Indigenen erlauben sollte, stellte sie ein Video ins Netz, in dem sie sich die "schwer zu schluckende Wahrheit" aus dem Mund zieht – einen Zettel, auf dem steht: "Ganz Brasilien ist indigenes Land."

Nicht alle waren begeistert

Die Eltern waren vom Erfolg der Tochter erst wenig begeistert. Warnte der Dorfvorsteher nicht: Wenn die Jugend zu viel im Internet unterwegs ist, vergisst sie die Traditionen? Doch bei Alice Pataxó ist es umgekehrt: Mit ihren Posts inspiriert sie junge Indigene, auf ihre Kultur stolz zu sein, und vernetzt sich mit anderen indigenen Influencer:innen wie Txai Suruí. Inzwischen wird sie zu Konferenzen wie der Klima-Jugendkonferenz der Uno eingeladen, um über die Situation in Brasilien zu sprechen.

Auf ihrem Instagram-Account zeigt sie sich auch unpolitisch: Im Bikini und mit Federschmuck singt sie zu Brasil-Funk-Playbacks. Die Posts bringen ihr Werbeaufträge, mit denen sie ihr Jurastudium in Porto Seguro finanziert: "Damit ich mein Volk auch vor Gericht vertreten kann." Die Zahl Indigener an den brasilianischen Unis wächst, doch sie machen immer noch weniger als ein Prozent aller Studierenden aus. Zwischen den harmlosen Videos platziert Pataxó dann knallharte Botschaften, etwa: "Covid-19 ist nur eine neue Bedrohung in der Pandemie, die Indigene seit 520 Jahren heimsucht."

Viele ärgern sich über sie. Manche feinden sie offen an. Weil ihre Haut zu hell sei für eine Indigene ("Wir waren zu interkulturellen Beziehungen gezwungen!", kontert sie). Weil sie ein teures Smartphone benutzt ("Selbst erarbeitet und bezahlt!"). Weil sie nicht nur im Dorf wohnt, sondern auch in der Stadt. "Viele glauben, Indigene sind nur echt, wenn sie ihre Kultur ausschließlich im Wald leben", sagt Pataxó. "Aber die Technologie ist für alle da." Während der Flut, die Bahia um die Jahreswende traf, nutzte sie ihre Kanäle, um zu Spenden aufzurufen.

Wer im Land die Verantwortung für die größte Zerstörung trägt, ist für sie klar: "Es ist traurig, sein eigenes Land gegen dessen Präsident verteidigen zu müssen." Will sie selbst mal Politikerin werden? "Bislang gehört das nicht zu meinen Plänen. Aber man weiß nie." 

Alice Pataxó, 20, ist eine der bekanntesten indigenen Influencerinnen Brasiliens. Wenn sie nicht in Porto Seguro studiert, lebt sie mit ihrer Familie in einem Naturschutzgebiet im Bundesstaat Bahia. 2021 gewann sie als erste Indigene den Wired Festival Preis Brasil für Nachhaltigkeit. Unterstützt wird sie u.a. von Nobelpreisträgerin Malala Yousafzai: Deren NGO Anaí ermöglicht ihr, bei wichtigen politischen Events zu sprechen.

Brigitte

Mehr zum Thema