Alleinerziehende: Solo-Mamas sind keine Opfer

Mitleid? Alleinerziehende Mütter brauchen was ganz anderes, um glücklich zu sein, findet Ursula Ott. Nämlich bessere Unterstützung vom Staat.

Mal angenommen, ich wäre Personalchefin eines großen Konzerns. Ikea oder Siemens. Ich würde gezielt alleinerziehende Mütter einstellen. Die sind Meisterinnen der Organisation. Jonglieren seit Jahren mit Geld, das nie reicht. Mit Personal, das immer zum falschen Zeitpunkt krank wird. Verlassen sich selten drauf, dass jemand anders die Dinge schon richten wird. Sondern greifen auch mal selber zu Schraubenzieher und Bohrmaschine. Und sind - auch das macht das Betriebsklima ja netter - ziemlich zufrieden mit ihrem Leben. Die größte Gruppe der Alleinerziehenden, haben Erfurter Forscher jetzt herausgefunden, kommt mit ihrem Leben bestens zurecht.

Risikogruppe? Schon das Wort ist eine glatte Unverschämtheit!

Wie bitte? Zufrieden? Steht doch überall, dass Alleinerziehende die "Risikogruppe" sind für Armut in diesem Land. Risikogruppe - schon das Wort ist eine glatte Unverschämtheit. Klingt nach falscher Blutgruppe und genetischem Defekt. Als sei das Alleinerziehen an sich ein Risiko. Genau das ist es nicht. Untersuchungen zeigen: Alleinerziehende Mütter sind so gesund und fröhlich wie andere, ihre Kinder kommen in der Schule genauso gut klar wie andere - wenn sie keine materiellen Sorgen haben. Die Trennlinie verläuft nämlich genau da: zwischen Kindern aus armen Familien und Kindern aus reichen Familien. Und das ist der Skandal: In der ersten Gruppe landen dramatisch viele Alleinerziehende. Von den 1,1 Millionen Kindern in Deutschland, die von Hartz IV abhängig sind, sind 500 000 Kinder von Alleinerziehenden. Also fast jedes zweite.

Und diese kleinen Familien mit großen Geldsorgen - die haben echt ein Problem. Weil sie nicht nur alleinerziehend sind, sondern weil wir sie allein lassen. Allein mit einem windpockenkranken Kind, das nicht in die Kita kann. Allein mit sechs Wochen Schulferien im Sommer. Allein ohne "Back up", wie die Computerleute sagen. Diese alleinerziehenden, von Armut betroffenen Mütter sind infolgedessen doppelt so oft psychisch krank, können ihre Kinder nicht zur Nachhilfe und auf Klassenfahrt schicken, trudeln schneller abwärts, in Krankheiten, Tablettenmissbrauch, Schuldenfalle.

Wenn wir ein modernes Land wären, würden wir jetzt sagen: Danke, Problem erkannt. Das Risikomerkmal heißt nicht "Kind". Es heißt auch nicht "kein Mann". Es heißt schlicht "kein Geld". Na also, dagegen lässt sich doch was tun: Alleinerziehende brauchen einen Job, eine anständige Kinderbetreuung und ausreichend Wohnraum. Aber beim Job geht es schon los. "Wir müssen draußen bleiben!", schreibt Anja Ernst in einem Leserbrief an BRIGITTE, einem von hunderten. Die alleinerziehende Werbetexterin versuchte vor Gericht, ihren Anspruch auf 30 Stunden Teilzeitarbeit durchzusetzen. Und bekam vom Richter Sätze zu hören wie: "Wo ist denn der Vater? Warum wollen Sie denn arbeiten, wenn Sie ein Kind haben?" Im Jahr 2005, wohlgemerkt, nicht im Jahr 1950. Jetzt ist Anja Ernst arbeitslos. Und mit der Kinderbetreuung geht es weiter. Meine alleinerziehende Freundin Nina hatte gerade einen Fulltime-Job in einem Ministerium angetreten, als ihre Tagesmutter von heute auf morgen den Job quittierte. Nina versuchte übers Jugendamt schnell Ersatz zu bekommen. "Sind Sie bedürftig?", fragte die Sachbearbeiterin. "Bedarf", lernte Nina, gibt es erst, wenn sie Sozialhilfe bekommt. Aber Nina will keine Sozialhilfe, sie will Job und Kind wuppen, sie will ihre Eigentumswohnung abbezahlen. "Für die Ämter", sagt die Betriebswirtin, "gibt es nur zwei Vorstellungen: Man hat einen Mann. Oder man geht auf Stütze."

Das nervt mich an Deutschland. Wir sind ein altes, schwerfälliges Land. Anstatt mit kühnen Pinselstrichen ein neues Familienbild zu entwerfen, kleistern wir mit schwerer Ölfarbe die Risse im alten Bild zu. Dieses alte Bild hat sich seit Adenauers Zeiten nicht groß verändert: Da steht in der Mitte ein Papa, der Ernährer der Familie, voll beschäftigt, macht auch gern Überstunden. Daneben gibt es eine Ehefrau, die zu Adenauers Zeiten Hausfrau war und zu Clements Zeiten mit einem 400-Euro-Job die Haushaltskasse aufbessert. Dieses Familienbild beherrscht das ganze Land: den Arbeitsmarkt, das Steuersystem, die Kindergärten, die mittags zumachen. Ja, sogar die Tarife der Ferienflieger, die Kinder nur dann billiger mitnehmen, wenn Papa und Mama mitreisen.

Alles, was von dieser Norm abweicht, wird als Betriebsunfall angesehen. Längst gibt es zwei Millionen Alleinerziehende - ber wir behandeln sie als bemitleidenswerte Minderheit. Wir machen sie zu Bedürftigen anstatt zu Berufstätigen. Das ist erstens demütigend. Zweitens sauteuer, denn es kostet Milliarden an Arbeitslosengeld II, an Beratung und Hilfe. Und es ist drittens kleinlich und verzagt: Da wird um Steuerklassen gefeilscht, um die hälftige Anrechnung des Kindergeldes, um 140 Euro Kinderzuschlag für drei Jahre, die man vielleicht noch mal um ein paar Euro aufstocken kann. Anstatt das Steuersystem endlich vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Das Mindeste, was passieren müsste: Weg mit dem Ehegattensplitting, hin zu einem Familiensplitting - bei dem die Zahl der Kinder Geld spart, nicht der Trauschein. Und die Kinderbetreuung muss endlich von der Steuer absetzbar sein. Noch besser als solche kleinen Schritte wäre ein echter Ruck: Wetten, den würde auch die Wählerin spontan kapieren? Warum gibt es keine kostenlose Kinderbetreuung für alle - auch nach 17 Uhr? Warum fordert keine Partei die Kinder-Grundsicherung, warum kommt auf so was nur der Verband alleinerziehender Mütter und Väter? 450 Euro pro Kind, finanziert von einer Familienkasse, in die - wie beim Soli - alle einzahlen, auch Rentner, Vermieter, Unternehmer. Weil Kinder unsere Zukunft sind. Und ihre Bildungschancen nicht davon abhängen sollen, ob ihre Eltern sich zufällig getrennt haben. Und warum wirft meine Heimatstadt Köln ihre freistehenden Fabrik-Immobilien den börsennotierten Medienfirmen hinterher, anstatt - nur mal als Beispiel - Wohnprojekte zu finanzieren, in denen Familien zusammenwohnen, mit und ohne Trauschein, Alt und Jung, und sich gegenseitig helfen?

Weil das zu teuer ist? Das soll mir erst mal einer vorrechnen. Es kann einfach nicht wirtschaftlich sein, hunderttausende von arbeitswilligen Frauen in der Kategorie Elend zu verwalten. Und ihren Dauerfrust abzumildern mit noch einer Mutter-Kind-Kur, noch einer Sozialfürsorgerin, noch einer Fördermaßnahme. Nein, die Antwort lautet nicht: weil wir kein Geld haben. Sondern weil wir lieber jeder einzelnen Frau das Gefühl geben, individuell versagt zu haben. Fast in jedem Artikel über Alleinerziehende findet das Suchprogramm von Word auch die Vokabel "überfordert".

Dabei stimmt noch nicht mal das Klischee vom armen, sitzen gelassenen Opfer. Im Auftrag der Bundesregierung wurde gezählt, warum Frauen allein erziehen. Nur 28 Prozent wurden vom Ehemann verlassen. 43 Prozent trennten sich, weil sie "wegen hohem Konfliktniveau" der Ehe entkommen wollten. 29 Prozent trennten sich einvernehmlich von ihrem Partner. Das heißt, die allermeisten Solo-Mamas haben schon einmal die Entscheidung getroffen: Ich schaffe es auch allein. Ungefähr die Risikobereitschaft, die Herr Clement von seinen Ich-AGs verlangt.

Wenn schon der Arbeitsmarkt die Vorzüge dieser lebenstüchtigen Frauen nicht honoriert - wenigstens im Beziehungsmarkt ist Bewegung. Längst gelten Frauen mit Kind nicht mehr als "schwer vermittelbar". Im Gegenteil: Partnervermittlungen suchen neuerdings gezielt nach Frauen mit Kind. Für schlaue Männer. Nicht für die Doofen - die suchen ja eine Doofe, die sie anhimmelt. Aber die schlauen Männer wissen: Die Frau ist toll. Die setzt mich nicht mit ihrem Kinderwunsch unter Druck und kriegt beim Anblick eines Kinderwagens auch keine feuchten Augen. Die hat ihr Leben im Griff. Heißa, und jedes zweite Wochenende hat sie womöglich kinderfrei, weil Nils und Lene bei Papa sind. Es spricht sich langsam als Geheimtipp herum: Nichts wie her mit den alleinerziehenden Müttern!

Ursula Ott BRIGITTE 10/05
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