Alyaa Gad klärt die arabische Welt auf

Alyaa Gad klärt auf: Mit ihrem Youtube-Kanal "Afham.TV" verbreitet sie wissenschaftliche Fakten gegen patriarchale Traditionen und ist in der arabischen Welt als "Dr. Alyaa" zum Star geworden. 

Die Bilder der Frauen, die sie vor 20 Jahren als Medizinstudentin in einem Kairoer Krankenhaus betreute, wird Alyaa Gad nie vergessen: Die Körper der Patientinnen waren übersät von blauen Flecken, bei vielen war die Dammregion zerfetzt. Ihre Männer hatten sie mit Gewalt zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Einige Frauen brauchten Transfusionen, weil sie so stark bluteten. "Die Männer hatten einfach überhaupt keine Ahnung von Sex", erinnert sich Gad, und ihre Stimme klingt noch immer fassungslos. "Sie dachten: Wenn das Penetrieren nicht gleich klappt, muss ich eben Gewalt anwenden. Dabei sollte Sex doch schön sein!"

Mit ihrem Youtube-Kanal bildet Alyaa Gad das Gegenprogramm zu dem Verständnis von Sexualität in Ägypten 

Sexualität, zumal die weibliche, war in ihrer Heimat Ägypten damals ein Tabu. Doch auch heute, sagt Gad, eine lebhafte Frau mit wilden Locken, gebe es eigentlich nur eine, die öffentlich darüber spreche: Heba Kotb, eine streng religiöse Sexologin mit TV-Show. "Aber sie heißt Genitalverstümmelung gut und sagt, sie könne Schwule heilen. Verrückt, oder?" 2010 hat Alyaa Gad, die heute in Zürich lebt, deshalb ein Gegenprogramm gestartet: Über ihren Youtube-Kanal mit dem arabischen Titel "Afham.TV" ("Ich verstehe.TV") veröffentlicht die 44-Jährige neben ihrem Job als Patientenbetreuerin in der Klinik ihres Mannes Videos, in denen sie auf Arabisch und Englisch die Anatomie der Vagina beschreibt oder erklärt, warum viele Frauen nach einer Geburt erst mal keine Lust auf Sex haben. Wissenschaftliche Fakten gegen patriarchale Traditionen - in der arabischen Welt ist "Dr. Alyaa" so zum Star geworden. Ihre Filme werden hunderttausendfach geklickt. Wenn sie als Expertin für transkulturelle Gesundheitserziehung zu einer Konferenz nach Bahrain reist, sprechen sie fremde Männer auf der Straße an und fragen, ob sie ihnen bei ihren Sex-Problemen helfen kann. Frauen mailen ihr Fotos ihrer Vulva, damit sie ihnen sagt, ob sie beschnitten wurden. Die Wissenslücken überraschen Gad immer wieder:

"Sogar meine Mutter fragte mich mal, ob ich einen Penis habe. Anders als sie bin ich nicht beschnitten. Sie dachte wohl, Frauen wachse dann ein Glied."

Wenn Gad in ihrer Zürcher Wohnung, wo sie mit ihrem deutschen Mann und ihren beiden neun und elf Jahre alten Söhnen lebt, Anekdoten wie diese erzählt, tanzen ihre Locken um ihren Kopf, oft muss sie so lachen, dass ihr die Tränen kommen. In ihren Videos präsentiert sie sich dagegen mit sorgfältig frisierten Haaren, hochgeschlossener Bluse, ernster Miene: "Sonst respektieren mich meine Zuschauer nicht." Vor allem saudische Männer beschimpfen sie trotzdem in den Kommentarspalten. Gad packt sie dann meist bei der Ehre, fragt, wer sie solche Respektlosigkeit gelehrt habe. Und verbreitet gelassen weiter ihre Botschaften: Selbstbefriedigung ist okay, Genitalverstümmelung grausam, Vollverschleierung problematisch - weil Vitamin-D-Mangel droht, wenn kaum Sonne an die Haut kommt. "Die Frauen sollen verstehen, dass ihre Körper keine Sünde sind."

Gad hat erkannt, wie scheinheilig Religion sein kann - sie wurde selbst von einem "Frommen" vergewaltigt

Für Gad selbst ist Religion schon lange ein rotes Tuch. Als Kind habe sie ein Fremder sexuell missbraucht, erzählt sie. Der Mann habe ein Zebibah-Mal auf der Stirn getragen, in Ägypten ein Symbol besonderer Frömmigkeit. "Seither weiß ich, wie scheinheilig Religion sein kann. Frauen werden unter Berufung auf den Koran wie Dreck behandelt. Und keiner traut sich, dagegen zu protestieren." Am liebsten wäre es ihr daher, auch Menschen ohne Internetzugang könnten ihre Filme sehen. Für Vorführungen in den Dörfern der ägyptischen Provinz fehlen ihr aber die Kontakte - und das Geld: "Afham.TV" macht keinen Gewinn. Doch vielleicht, hofft Gad, finde sich ja bald ein europäischer Sponsor, dem bewusst sei, dass die arabischen Sex-Probleme nicht so fern seien, wie es scheine: "Zu uns kommen so viele arabische Migranten. Je besser sie aufgeklärt sind, desto besser für uns."

 "Sex ist schön" ist die Botschaft von Alyaa Gad, 44, auf ihrem Youtube- Kanal "Afham.TV". Nach einer Kindheit in Ägypten, Kuwait und Saudi-Arabien und einem Medizinstudium in Kairo und den Niederlanden lebt die zweifache Mutter heute in Zürich. Für ihre Filme spannt sie auch ihren Mann ein: Weil sie sich nicht in Sex-Shops traut, musste er den Dildo für die Videos kaufen

BRIGITTE.de 24/2016

Wer hier schreibt:

Kristina Maroldt
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