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Für eine diverse Gesellschaft Aminata Touré: "Ich bin nicht die Regel, ich bin die Ausnahme"

Aminata Touré ist Grünen-Politikerin und Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtages.
Aminata Touré ist Grünen-Politikerin und Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtages.
© Imke Lass
Sie ist Schwarz, zielstrebig und gehört der Generation Y an – Aminata Touré ist nicht nur eine erfolgreiche Grünen-Politikerin, sondern auch Buchautorin. Sie stellt klar: Wir sind noch lange nicht am Ende einer modernen diversen Gesellschaft angekommen, denn "Wir können mehr sein".

Aminata Touré, 28, ist die jüngste deutsche Vizepräsidentin eines Landtages und die erste Schwarze. Seit 2019 hat sie ihr Amt an der Spitze von Schleswig-Holstein inne, doch ihre politische Motivation, lieber zu handeln statt nur zu reden, entfaltete sich schon früh. Ihre Reden und Ansprachen sind direkt, auffordernd, emotional und hinterlassen immer ein Gefühl von: Ich kann auch etwas tun.

Die 28-Jährige wurde 1992 in Neumünster geboren und lebte die ersten Jahre zusammen mit ihrer Familie in einer Gemeinschaftsunterkunft im Stadtteil Faldera. 2011 machte sie ihr Abitur, 2016 schloss sie das Studium der Politikwissenschaft und Französischen Philologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ab.

Brigitte: Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachtisch?

Aminata Touré: "Eurotrash" von Christian Kracht.

Auf welche Serie freuen Sie sich gerade am meisten?

Auf die neue Staffel von "La casa de papel" (Deutsch: "Haus des Geldes").

Aminata Touré hat ihr erstes Buch herausgebracht: "Wir können mehr sein"

Ihr Buch "Wir können mehr sein – Die Macht der Vielfalt" ist in der ersten Woche nach Erscheinen gleich auf dem neunten Platz der "Spiegel"-Bestsellerliste eingestiegen. Wie fühlt sich das an?

Richtig gut, ehrlich gesagt. Ich hätte das selbst auch gar nicht gedacht, wie sehr ich mich darüber freue. Ich habe so viele großartige Nachrichten bekommen, per Mail, per Instagram. Es hat sich dann doch gelohnt, da so viel Zeit reinzustecken.

Eines sollten wir vielleicht vorab klären. Sie haben ein Buch geschrieben, in dem es viel um Ungleichberechtigung, Kampf und Rassismus geht. Sie erzählen in Teilen von ihren eigenen Rassismuserfahrungen, ihre Mitarbeiterin teilte mir vor dem Gespräch aber mit, dass sie genau darüber nicht sprechen werden. Warum ist das so?

Es geht darum, dass rassistische Erfahrungen traumatisch sind. Menschen immer wieder zu bitten, genau das darzustellen für ein bestimmtes Verständnis, kann halt auch einfach wieder verletzend sein. Ich glaube, es fehlt nicht an Rassismuserfahrungen, sondern es fehlt die Auseinandersetzung im politischen und gesellschaftlichen Raum, etwas dagegen zu tun. Hinzu kommt, dass immer, wenn man von Rassismuserfahrungen berichtet, als Gegenfrage kommt, dass es doch vielleicht nicht so gemeint war oder es doch gar nicht so schlimm ist. Das Runterbrechen auf die persönlichen Rassismuserfahrungen lässt oft außer Acht, um welche Strukturen es eigentlich geht.

"Wir können mehr sein": Eine Mischung aus Sachbuch, Lyrik und Autobiografie

Ihr Buch ist eine Mischung aus Sachbuch, Lyrik und Autobiografie. Warum haben sie kein klassisches Politiker:innen-Buch geschrieben?

Für mich ist es vor allem eine Momentaufnahme. Na klar schaue ich zurück, es gibt autobiografische Elemente, aber es ist auch ein politisches Sachbuch, weil ich politische Forderungen stelle. Und durch lyrische Teile hat es für mich persönlich auch einen literarischen Anspruch gehabt. Ich wollte vor allem den Leuten deutlich machen, warum es wichtig ist, in die Politik zu gehen. Denn ich glaube, dass man immer für Demokratie werben kann und sollte.

Die lyrischen Teile Ihres Buches sind die Stellen, an denen Sie klare Forderungen an Ihre Mitmenschen stellen.

Genau. Es ging mir darum zu formulieren, was dieser politische Kampf und die Auseinandersetzungen mit den Themen Rassismus und Gleichberechtigung meinen. Zum Beispiel in "Ihr alle und noch viel mehr", da schreibe ich auf, für wen das Buch gemacht ist und was es bedeutet. Es ist ein Appell an jeden Einzelnen und die Kraft des Zusammenhaltes von vielen.

Nicht nur Sie haben an dem Buch geschrieben, sondern auch Ihre Mutter hat einen Teil dazu beigetragen. Wie kam es dazu?

Ich habe mit ihr über bestimmte Phasen in der Vergangenheit gesprochen, weil sie sich teilweise viel besser erinnert als ich. Und ich dachte irgendwann: Warum soll ich eigentlich deine Worte paraphrasieren? Du hast eine Menge zu sagen und nimmst die Perspektive der ersten Elterngeneration von Migrant:innen ein. Die sind oft unsichtbar und werden nicht gehört, obwohl sie eine Menge zu sagen haben.

Aminata Touré: Ihre Mutter habe für sie und ihre Geschwister das größte Opfer gebracht

In einem Ihrer lyrischen Texte schreiben Sie: "In dem Moment, in dem sie dieses Land betreten, beerdigen unsere Eltern ihre Träume." Was genau meinen sie damit?

Das schreibe ich in "Wir sind die nächste Generation". Ich beschreibe da ein sehr subjektives Gefühl, meine Mutter würde das wahrscheinlich so gar nicht unterschreiben. Aber ich habe mit vielen Menschen der zweiten und dritten Generation gesprochen, und wir alle kommen auf das gleiche Ergebnis: Unsere Eltern haben am Ende des Tages die größten Opfer für uns Kinder gebracht.

Sie haben bereits in der Schulzeit angefangen, sich für Projekte gegen Rassismus und Diskriminierung einzusetzen. Wann war der Punkt, an dem sie wussten, das ist Ihr Thema?

Ich würde sagen, so mit 19 habe ich gemerkt, irgendwie habe ich doch den Drang und das Bedürfnis, mich dagegen zu positionieren. Das war nach dem Praktikum beim Flüchtlingsbeauftragten des Landes Schleswig-Holstein. Ich habe gemerkt, dass Dinge wie Asylrecht oder auch antirassistische Themen noch mal anders diskutiert werden sollten oder müssten.

Trotzdem müssen Sie immer wieder in die Diskussionen gehen. Werden Sie manchmal müde, einigen erklären zu müssen, dass Rassismus tatsächlich existiert?

Es ist ein bisschen stimmungsabhängig. Ein Stückweit ist man es als Politikerin gewohnt, immer wieder das Gleiche zu erklären, ich empfinde das nicht als schlimm. Manchmal ist es aber trotzdem ermüdend. Gerade bei Menschen, bei denen man dachte, man könnte ganz woanders ansetzen, und dann diskutiert man doch wieder über die Basics. Es gibt einige Leute wie Akademiker:innen, Journalist:innen oder Politiker:innen, bei denen ich mir denke: Du könntest schon dreieinhalb Schritte weiter vorne sein in den Debatten.

Gibt es manchmal Dinge, die Sie richtig verzweifeln lassen?

Gerade wenn man wie in der vergangenen Legislaturperiode als Partei nicht zur Regierung gehört, gibt es viele Momente, an denen man zweifelt. Zuletzt beim Afghanistaneinsatz mit der Frage, ob die Leute nicht schon viel früher hätten evakuiert werden müssen.

Was war ihr erster Gedanke, als einige Politiker:innen sagten: 2015 darf sich nicht wiederholen?

Ich fand es sehr erschreckend, dass der erste Impuls der CDU/CSU war zu sagen, das darf sich nicht wiederholen. Das ist ein Schlag ins Gesicht für viele Menschen. Erst einmal für die, die Schutz gefunden haben und denen man damit sagt: Ihr dürft euch nicht wiederholen. Für die Menschen die ehrenamtlich so krass viel in Deutschland gerissen haben. Und es ist ein Schlag ins Gesicht für diejenigen, die gerade Hilfe suchen. Da sind Menschen bei der Flucht in die Freiheit gestorben. Da frage ich mich wirklich, wie viel Menschlichkeit steckt in einem drin, dass man als ersten Impuls sagt, das darf sich nicht wiederholen.

Warum "Das haben wir schon immer so gemacht" nicht mehr zählt

Das Thema Sprache ist in der Politik sehr wichtig. Und gerade beim Thema Rassismus gibt es einige Sätze, die sich ständig wiederholen: "Das haben wir doch schon immer so gemacht" oder "Ich persönlich meine damit ja nichts Böses". Wie reagieren Sie auf so etwas?

Es stimmt schlichtweg nicht. Wenn Dinge schon immer so stattgefunden hätten, dann wären wir noch immer Neandertaler. Unsere Gesellschaft und unsere Sprache verändern sich stetig. Das ist eine typische Abwehrreaktion. Wenn Leute mir beispielsweise damit kommen, dass das N-Wort früher in einem unproblematischen Kontext genutzt wurde, dann frage ich immer: In welchem war das denn? In der Zeit, als Deutschland Kolonien hatte und durch Sprache und Pseudowissenschaft versucht hat, Menschen zu deklassieren, Menschen zu versklaven und zu ermorden? Nur weil etwas zur "Normalität" wurde, ist es nicht weniger problematisch. Eigentlich ist es dann noch viel schlimmer, weil sich die Menschen nicht mehr im Klaren darüber sind, was sie da eigentlich sagen.

Sie sind die erste Schwarze und mit 28 Jahren die jüngste Vizepräsidentin im schleswig-holsteinischen Landtag. Für viele sind Sie damit der Beweis dafür, dass es Menschen mit Migrationshintergrund auch "schaffen" können. Sehen Sie das genauso?

Ich glaube, es ist immer fatal, so zu tun, als würde man keine strukturellen Probleme mehr haben, weil eine Person es geschafft hat, irgendein Amt innezuhaben. Es lenkt ab. Ich bin nicht die Regel, ich bin die Ausnahme. Das beste Beispiel ist da Angela Merkel als Bundeskanzlerin. Deswegen gibt es aber trotzdem noch einen Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern, 13 von 16 Ministerpräsident:innen sind Männer und nur 30 Prozent der Bundestagsabgeordneten sind Frauen. Es ist zu einfach, wenn man nur auf eine Person zeigt und sagt: Ist doch alles wunderbar. Diese Personen können aber natürlich andere motivieren.

Haben Sie selbst Vorbilder?

Ich finde Alexandria Ocasio-Cortez, eine Politikerin aus den USA, total cool. Sie ist so furchtlos, das mag ich sehr. Und dabei immer selbstkritisch. Mein Lieblingssatz von ihr ist: "At least I am trying!" Womit sie zum Ausdruck bringt: Ich versuche alles, aber ich kann nicht versprechen, dass ich alles richtig mache. Und genau so ist es. Man läuft nicht fehlerlos durch die Politik. Mit dem Anspruch unfehlbar zu sein, kann man keine Politik machen und was gestalten.

Verwendete Quelle: Interview mit Aminata Touré

Brigitte

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