Amoklauf in Lörrach: Wie kann eine Frau so etwas tun?

Bei einem Amoklauf in Lörrach hat Sabine R., eine 41-jährige Anwältin, ihren 5-jährigen Sohn, ihren Mann und einen Pfleger getötet. 18 Menschen wurden bei dem brutalen Gewaltritt verletzt. BRIGITTE.de sprach mit der Gewaltberaterin Sabine Wieczorkowsky über die möglichen Ursachen dieser Tat.

Die Konflikt- und Gewaltberaterin Sabine Wieczorkowsky, 44, berät seit mehreren Jahren gewalttätige Frauen und Mädchen und ist Ausbildungs-leiterin im Forum Intervention

BRIGITTE.de: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von dem Amoklauf hörten?

Sabine Wieczorkowsky: Ich war erschrocken und dachte sofort: Jetzt ist die letzte männliche Bastion gefallen. Bisher kennen wir Amokläufe im deutschsprachigen Raum nur von Männern.

BRIGITTE.de: Es sind häufig Heranwachsende wie Tim K. in Winnenden, die zu Amokläufern werden. Und meistens sind es Außenseiter.

Sabine Wieczorkowsky: Wir wissen, dass die Täterin in Lörrach Rechtsanwältin war, also eine gebildete Frau, eher keine Außenseiterin. Das Ungewöhnliche ist, dass sie nicht nur sich und ihre Familie auslöschen wollte, sondern außerdem in rasender Wut völlig fremde Menschen attackiert hat.

BRIGITTE.de: Was geht denn in einem Menschen vor, der eine solche Tat begeht?

Sabine Wieczorkowsky: Ich glaube, diese Frau ist mehr als wütend im herkömmlichen Sinn gewesen. Sie hat sich möglicherweise nur noch als Opfer gesehen, hat sich da hineingesteigert. Sie fühlte sich seelisch tot und wollte das der Welt mitteilen. Aus so einem Gefühl kann eine blindwütige Rache, die sich gegen alle richtet, erwachsen.

BRIGITTE.de: Wir wissen, dass Sabine R. frisch getrennt von ihrem Mann war, der Sohn lebte beim Mann, es gab einen Sorgerechtskampf...

Sabine Wieczorkowsky: Sind das Gründe, jemanden umzubringen? Wir müssen bei Amokläufen immer überlegen: Wo hätte die Frau Hilfe bekommen können? Die Tat scheint ja - wie so häufig bei Amokläufen - geplant gewesen zu sein. Sonst hätte sie nicht Messer, Pistole und die Brandbeschleuniger mitgenommen. Also gehe ich nicht davon aus, dass es ein Blackout war. Sie fühlte sich sicherlich als Opfer: die Trennung, die Empörung, den Jungen nicht zu bekommen, das Gefühl, dass keiner sieht, wie sie leidet.

BRIGITTE.de: Das erleben doch viele Menschen - und bringen niemanden um. Warum zerstört eine Frau das, was ihr am liebsten ist, ihr Kind? Und warum läuft sie dann Amok?

Sabine Wieczorkowsky: Ich glaube tatsächlich, dass diese Frau verzweifelt war, sich als Opfer gesehen hat. Das gipfelte in dem Gefühl: Wenn ich nicht mehr leben kann, sollen alle anderen auch sterben.

BRIGITTE.de: Sehen Sie Parallelen zu gewalttätigen Frauen, die zu Ihnen in die Beratung kommen?

Sabine Wieczorkowsky: Die wenigsten Menschen können sich Frauen als Täterinnen vorstellen. Es gibt aber sehr viele Frauen, die ihre Kinder oder ihren Mann schlagen. Zu mir kommen Frauen, die zum Teil brutale Gewalt ausgeübt haben - und sich als Opfer fühlen. Das erlebe ich immer wieder. Und sie werden von der Gesellschaft darin bestärkt. Sie werden aus Notwehr zu Täterinnen oder sie wehren sich damit gegen langjährige Gewalt durch den Partner oder die Väter.

BRIGITTE.de: Aber das stimmt doch meistens auch...

Sabine Wieczorkowsky: Ja, aber wir müssen trotzdem beginnen, da anders drauf zu gucken. Wir müssen lernen zu sagen: Diese Frau hat Schlimmes erlebt, aber wenn sie ihr Kind oder ihren Mann schlägt, ist sie die Täterin. Dafür muss sie auch Verantwortung übernehmen. Ich kann, wenn ich eine Frau mit einem solchen Hintergrund vor mir sitzt, nicht Täterin und Opfer ständig mischen.

BRIGITTE.de: Und was bedeutet das im Fall Sabine R.?

Sabine Wieczorkowsky: Die Amokläuferin ist tot, sie wird uns nicht mehr sagen können, was in ihr vorging. Es wird in der nächsten Zeit viele Erklärungsversuche in den Medien geben. Ich bin gespannt auf die Entschuldigungen, die auf ihre Opferrolle hinweisen werden. Aber mir ist bei Täterinnen grundsätzlich wichtig, dass ich sie zur Verantwortung für ihre Tat ziehe. Das bedeutet, ich nehme diese Frau ernst - und nur dann kann ich mit ihr arbeiten. Das geht nicht, wenn ich sie im Opferstatus belasse.

Interview: Claudia Kirsch Foto: dpa/picture alliance (1), Pressefoto
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