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"And Just Like That ..." Auch 20 Jahre nach "Sex and the City" noch so konservativ

"And Just Like That ..." ging es um alles andere außer Sex
"And Just Like That ..." ging es um alles andere außer Sex.
© Picturelux / Craig Blankenhorn / HBO MAX / imago images
Die HBO-Serie "And Just Like That" zeigt, wie mit dem Sexleben von Frauen über 50 in Medien umgegangen wird – indem sie gar nichts zeigt.

"And Just Like That", die Fortsetzung der bekannten Serie "Sex and the City" hat bei den Zuschauer:innen – wie die damalige Serie auch – viele Gefühle angeregt. Die Zeiten haben sich geändert, New York ist nicht mehr die Stadt, die sie Ende der 90er- und Anfang der 2000er-Jahre war. 

Die Zeit ging auch nicht spurlos an den Schauspieler:innen vorbei, allen voran an den drei (ehemals vier) Hauptdarstellerinnen Sarah Jessica Parker (Carrie), Kristin Davis (Charlotte) und Cynthia Nixon (Miranda). Sie sind – oh Wunder – älter geworden. Und unsicher. Und vor allem: abstinent.

"Woke Moment" für Carrie und Co.

Die Serie hat mehr "woke" Momente, als ihr guttut
Die Serie hat mehr "woke" Momente, als ihr guttut.
© Picturelux / Craig Blankenhorn / HBO MAX / The Hollywood Archive / imago images

Wo überhaupt anfangen bei "And Just Like That …"? Vieles wurde bereits über die Serie gesagt, die inzwischen auf RTL+ gestreamt werden kann und aktuell auf VOX im Free-TV läuft: peinlich ("cringe"), pseudo-woke, nicht mehr wiederzuerkennen, heuchlerisch … 

Es gibt viele Attribute, die man der Neuauflage einer Serie zureden kann, die damals mit einer Eleganz und viel zu teuren Kleidungsstücken einen Grundstein nach dem anderen gelegt hat: Heirat und Frauen waren zu jener Zeit ein Paar Schuhe – die Serie hingegen zeigte erfolgreiche, selbstbewusste und intelligente Frauen in den 30ern (und 40ern), die sich dieser gesellschaftlichen Erwartungshaltung elegant und mit viel Charme entgegenstellten. 

"Sex and the City" stellte Frauen in den Mittelpunkt der Handlung, die – man glaubt es kaum – zumindest öfter mal über andere Dinge sprachen als Männer. Frauen wie Miranda und Samantha waren Paradebeispiele für die Freiheit der Frau, die professionell erfolgreich sein und lieben kann, wen und sooft sie will.

Und was bleibt davon in "And Just Like That …" übrig? Nicht allzu viel, denn es musste Platz geschaffen werden für eine Menge "woker" Momente, wie die Tatsache, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt oder das Kind von Charlotte sich nicht als Mädchen fühlt. Zunächst einmal: Es ist wundervoll, dass sich so eine Serie, die sich im Original eher mit Queerfeindlichkeit und ziemlich konservativen Vorstellungen von Liebe und Beziehung "schmückte", nun mit Themen wie beispielsweise Transgeschlechtlichkeit, Nichtbinarität und People of Color auseinandersetzt und die Menschen hinter solchen Begriffen zeigt. 

Aber: Das passiert in einem so schnellen Tempo, dass man sich fragen muss, warum die Serie mit diesen Themen so vollgestopft werden musste wie Carries begehbare Kleiderschränke. "Ich fühle mich nicht wie ein Mädchen", eine Aussage, die unter anderen Umständen Stoff für eine eigene Serie bietet, wird genauso schnell abgetan wie Mirandas Alkoholkrankheit oder die Beziehung der drei (beziehungsweise sehr schnell zwei) weiblichen Hauptfiguren mit ihren Männern.

"Sex and the City" zeigte eine kapitalistische, rassistische Fantasiewelt

In der Originalserie konnte eine Journalistin wie Carrie, die offenbar kaum mehr als eine Kolumne in der Woche schrieb, ein Appartement, massenhaft Schuhe, Kleidung und regelmäßige Restaurant-, Club- und Barbesuche finanzieren. Das war damals schon überaus unrealistisch und die Serie wusste darum. 

In "Sex and the City" waren die Menschen allesamt reich, schön, größtenteils hetero, dreist oft weiß und so dermaßen privilegiert und unreflektiert darüber, dass es schon ans Lächerliche grenzte und seinen absurden Höhepunkt mit dem Film "Sex and the City 2" erreichte, nachdem es sehr lange still um die Serie und Marke wurde.

Klar ist, dass solche taktlosen Serien wie "Sex and the City" es damals war, heutzutage kaum Erfolg haben dürften (wobei Serien wie "Emily in Paris" diese Theorie mit Bravour und ähnlich dreister Taktlosigkeit widerlegen) – aber das war es doch auch, was die Serie ausmachte. Die Menschen liebten den Glamour, die glitzernde Fantasiewelt, die Antiheldin Carrie, die von einem emotionalen Desaster ins nächste stolperte. Und nicht zuletzt auch so beeindruckende, starke und unterhaltsame Figuren wie Miranda und Samantha (Kim Cattrall). 

Von Ersterer blieb in "And Just Like That …" allerdings nicht viel übrig und Letztere wurde aufgrund von sehr realen Dramen hinter den Kulissen gleich gänzlich aus der Serie verbannt. Was eine Erklärung für den letzten Kritikpunkt sein mag.

"And Just Like That …" hatte niemand mehr Sex

"And Just Like That ..." deutet sexuelle Begegnungen lieber an, als sie zu zeigen
"And Just Like That ..." deutet sexuelle Begegnungen lieber an, als sie zu zeigen.
© Picturelux / Craig Blankenhorn / HBO MAX / imago images

Geht es nach Filmen und Serien, gibt es nicht viele Frauen über 40 – schon gar keine erfolgreichen, wie eine Studie zeigte, nach der Frauen mit 30 (!) den Höhepunkt ihrer Karriere in der Filmindustrie erreicht haben. Männer dürfen noch 15 weitere Jahre altern, bevor sie langsam über die Rente nachdenken sollten. 

Für Frauen ab 50 sieht das Ganze noch einmal düsterer aus: Laut einer Studie machen Frauen über 50 einen Anteil von 20 Prozent der US-Bevölkerung aus – werden allerdings nur zu 8 Prozent im Fernsehen repräsentiert und dass dann oftmals beschränkt auf die Rolle der Mutter – was ein ganz anderes, überaus problematisches Thema ist. 

Und die Mutterrolle ist alles andere als sexy – zumindest in Film und Fernsehen, denn die Repräsentation des Sexlebens von Frauen über 50 ist entweder nicht existent oder wird ins Lächerliche gezogen. "Ältere Frauen werden als asexuell dargestellt oder dass sie Sex hinter sich hätten", schreibt Debra Dudek für "The Conversation". 

Das fortgeschrittene Alter sei die bei Weitem "größte menschliche Entwicklungsperiode, die von Missverständnissen und Stereotypen geplagt wird, die durch unaufhörliche Witze am Leben erhalten werden", schreibt sie weiter. Und kein Geschlecht würde mehr Witze über sich ergehen lassen müssen als das der Frau.

Ironischerweise nennt sie in ihrem Artikel "And Just Like That …" als positives Gegenbeispiel: Eine Serie, die den Blick auf das Sexualleben von Frauen über 50 wirft und mit Klischees und "Witzen" aufräumen kann. Aber tut das die Serie? Fairerweise wurde schon "Sex and the City" dem eigenen Titel kaum gerecht: Laut einer Analyse von "Ceros" gab es in sechs Staffeln insgesamt 96 Sexszenen, von denen Samantha mit 21 Stück die meisten hatte, dicht gefolgt von Miranda. Das Schlusslicht stellte Carrie dar. 

Und wie wird mit Sex in "And Just Like That …" umgegangen? Miranda hat Sex mit der nichtbinären Person Che … und nutzt diese Begegnung später als Vorlage für eine Selbstbefriedigung mit dem Vibrator in einer Szene, die – mal wieder – die Sexualität einer Frau zur Lachnummer macht: Hier sehen wir eigentlich einen Menschen, der an der Ehe und Liebe zum Partner zweifelt. Der nach Jahren der Unbefriedigung ein sexuelles "Neuerwachen" hat. Diese Szene ist intim, vielleicht sogar ein wenig tragisch für die Fans von Miranda und Steve (David Eigenberg). Und wird ins Lächerliche gezogen, weil sie sich gleichzeitig selbst befriedigt und ein aufgezwungenes Gespräch mit ihrem Sohn führt, der auf der anderen Seite der Schlafzimmertür ist und nicht ahnt, wobei er seine Mutter gerade stört. Ha ha?

Dass Mr. Big (dargestellt von Chris Noth, der nicht früh genug aus der Serie ausscheiden konnte) und Carrie noch Sex haben, wird angedeutet. Immerhin für Charlotte und Ehemann Harry (Evan Handler) hat es für eine Szene mit ausgepacktem Penis gereicht – die man allerdings als alles andere als sinnlich bezeichnen kann.

"And Just Like That …" – Hoffnung für Staffel 2?

Was wohl niemanden überraschen wird: "And Just Like That …" wird eine zweite Staffel bekommen. Vielleicht gelingt es den Drehbuchautor:innen ja in dieser ein wenig aufzuräumen. Vielleicht lassen sie sogar endlich Hauptfigur Carrie Single sein. Denn die Botschaft, dass eine Frau sich nicht über ihre Beziehung zu einem Mann definieren muss, hat sowohl die Originalserie als auch die Fortsetzung gleich mehrfach über den Haufen geworfen. Schließlich waren am Ende von "Sex and the City" alle vier Frauen mit einem Mann zusammen.

Und wenn Carries Buchagentin in "And Just Like That …" ihr nahelegt, der Epilog bei der Geschichte über den Verlust ihres Ehemanns sollte einen "Hoffnungsschimmer" in Form eines Dates haben, zeigt auch diese Serie, dass sie bei allem "Fortschritt" in puncto Ethnien, Geschlechtsidentität und Beziehungsformen eigentlich noch immer genauso konservativ ist wie vor bald 20 Jahren. 

Und so soll auch dieser Artikel mit einem "Hoffnungsschimmer" enden: Vielleicht machen es alle Beteiligten in Staffel 2 ja besser als vor bald 20 Jahren.

Verwendete Quellen: harpersbazaar.com, mediasmarts.ca, theconversation.com, womensmediacenter.com, hollywoodreporter.com, time.com, seejane.org, ceros.com

Brigitte

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