Andrea Ypsilanti: Demontage einer mutigen Frau

Ist SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti selbst schuld am Wahldebakel in Hessen? Nein, meint BRIGITTE-Redakteurin Silke Baumgarten. Sie war ihrer Zeit sogar weit voraus - nur hat das in der SPD noch keiner bemerkt.

Silke Baumgarten

Mir reicht's. Alle tun so, als wäre der Sturz von Andrea Ypsilanti nur formal eine Sauerei. Die "Art und Weise" empört quer durch alle Parteien, sogar Roland Koch. Aber ansonsten - auch da sind sich alle einig - habe sich die SPD-Politikerin das Debakel selbst zuzuschreiben, weil sie "Fehler" (Müntefering) gemacht habe, "realitätsfern", "ignorant" und "machtgeil" sei.

Ich finde das verlogen. Für mich wird gerade eine sehr mutige Frau demontiert. Eine, die versucht hat, aus Mist (dem Wahlergebnis) Dünger zu machen - nämlich unter neuen Voraussetzungen eine neue Politik. Ja, sie hat noch am Wahlabend gesagt, dass es keine Zusammenarbeit mit den Linken geben werde. Und sie hat es sich anders überlegt. Weil sie möglichst viel von dem umsetzen wollte, was sie im Wahlkampf versprochen hat, weil sie Hessen endlich von Roland Koch erlösen wollte, weil sie eine neue Antwort auf eine bis dato nicht absehbare, schwierige und neue Realität suchte. Abgesegnet und mit eingefädelt wurde dieser Weg Ypsilantis übrigens von keinem geringeren als ihrem Parteichef Kurt Beck. Und Hessen hat es schon mal vor gemacht: Damals als Ministerpräsident Holger Börner als Erster ein Bündnis mit den Grünen wagte. Die SPD gewann dadurch an Profil und letztlich auch an Stimmen, und nicht nur Joschka Fischer wurde zum Realo.

Aber die heutige SPD scheint für neue Antworten auf neue Herausforderungen, nämlich die so genannte Linke, nicht reif. Erst musste Kurt Beck gehen - jetzt wurde Ypsilanti geschasst. Ihre Absicht, die Linke einzubinden, sie zu entzaubern und dadurch die SPD wieder zu positionieren, wurde ihr böswillig als Machtgeilheit ausgelegt. Wäre es ihr allein um Macht gegangen, hätte sie klüger taktiert. Denn klug ist sie. Aber gerade weil sie auf Überzeugung setzte, hat sie weniger getrickst und gefädelt, als um des Ergebnisses willen notwendig gewesen wäre. Das wiederum wird ihr als "Ignoranz" und ausgelegt.

Das alles sind männliche Definitionsmuster und Spielregeln. Die streitbare, moderne WG-Genossin Ypsilanti wollte sie nicht befolgen und scheiterte, vor allem an der eigenen Partei. Soll sie nun weiter mitspielen und versuchen, die Regeln zu ändern? Für unsere politische Kultur, die SPD und die Auseinandersetzung mit der Lafontaine-Partei wäre es wünschenswert. Aber für Andrea Ypsilanti ist es wohl eine Zumutung. Sie hat schon mehr aushalten müssen, als eigentlich aushaltbar ist. Vielleicht sollte sie sich zurückziehen und erst wieder kommen, wenn die SPD erkennt, dass sie auf dem richtigen Weg war. Aber das kann dauern.

Text: Silke Baumgarten Foto: Getty Images

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