Andrea Ypsilanti: Übernimmt sie die Macht in Hessen?

Sensation in Hessen: Die CDU stürzt ab und wird nur ganz knapp stärkste Partei. SPD-Frontfrau Andrea Ypsilanti hat große Chancen, selbst die Macht in Hessen zu übernehmen. Wer ist diese Frau, die Roland Koch das Leben so schwer macht? BRIGITTE hat sie während des Wahlkampfs beobachtet.

Fröhlich: Andrea Ypsilanti im Gespräch mit ihren Wählern.

Hier ist kein Blumentopf für sie zu gewinnen. Trotzdem sitzt Andrea Ypsilanti nirgends entspannter vor ihrem Espresso macchiato als ausgerechnet in Bad Vilbel, wo der Kurpark ein bisschen auf Baden-Baden macht und die alten Gassen auf Heidelberg, wo Rot als Geranienfarbe vor den Balkonen drin ist, aber nicht als Wahlergebnis. "Prego, Chefin!", flötet der dicke Angelo vom Eiscafé Venezia mitten im Ort und setzt mit galantem Schwung eine Waffel mit Puderzucker vor Hessens SPD-Spitzenkandidatin ab. Zwei stattliche Damen winken vom Nebentisch freundlich mit ihren Eislöffeln herüber. "Die beiden sind von der Reinigung, in die ich meine Sachen bringe", erklärt Andrea Ypsilanti. "Wenn sie eine offene Naht entdecken, nähen sie die gleich zu. Sie sagen dann immer: 'Wir wissen doch, dass Sie keine Zeit haben!'" Das weiß auch die Verkäuferin in der kleinen Boutique ein Stückchen weiter die Straße hoch; die der Ypsilanti immer schon was Hübsches in ihren Lieblingsfarben Grau, Schwarz oder Rot raussortiert, damit es schnell geht, wenn sie mal wieder reinschaut. So gesehen unterstützt man sogar im schwarzen Bad Vilbel die Sozialdemokraten. Und bei aller Bad Vilbelschen Liebe für die CDU - ob hier irgendein Wildfremder dem amtierenden hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch lose Knöpfe annäht? Eben.

Von Frauensolidarität kann dennoch nur bedingt die Rede sein. Nur zu oft hat Ypsilanti erlebt, dass nicht nur Männer wie Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der sie mal als "XY-unbekannt" bezeichnet hat, richtig fies werden können. Gerade in der Politik, bemerkt die 50-Jährige wehmütig, können sich Frauen ganz schön böse gebärden, wenn es für eine nach oben geht. Frauen und Macht sind halt ein ganz besonderes Doppel. Darüber hat sie ihre Diplomarbeit geschrieben: Wie Frauen Macht nutzen und wie zögerlich sie ihr bisweilen gegenüberstehen. Ein ganzer Haufen Theorie. Aber dann war da auch die Praxis. Dazu gehörten Sprüche wie der einer Lehrerin ihres zwölfjährigen Sohnes Konstantin: "Falls deine Mutter irgendwann Zeit haben sollte, soll sie doch bitte deine Arbeit mal unterschreiben!" Oder vor Jahren die fremde Mutter im Kindergarten, als die Politikerin ihren Kleinen früher als sonst abholte: "Ach, darf der Junge heute Nachmittag mal nach Hause?" Da hat Andrea Ypsilanti geweint.

Wäre jetzt schön, im Espresso ein paar Erinnerungen versenken zu können, sagen ihre Augen. Zwei Stunden zuvor in Oberursel hatten ihre Züge mehr die Mimik einer Chirurgin vor einer schweren Operation. Bestimmte Stimme, ernster Blick, der sagt: Die Reichen müssen den Armen geben, und ich, die Ypsilanti, trete an, das Böse zu rächen. Vorgetragen mit strengem Wahlkampfgesicht. Ein Mahnmal der Entschlossenheit, ein einziges Bekenntnis, möglichst schnell für ihre Vorstellung von Ordnung im Land sorgen zu wollen, ein einziges "Ja, ich will".

Ihr zweites Gesicht: die strenge Wahlkampfmiene

Ein paar Stunden später. Ein Termin in irgendeinem Ortsverein mit irgendeiner geplanten Umgehungsstraße, die die Genossen ihrer Kandidatin erklären wollen. Am Vortag hat sich Andrea Ypsilanti für den im Protokoll anberaumten Spaziergang extra warme Schuhe gekauft. Unterwegs bittet sie den Fahrer um einen kleinen Schlenker, am Haus vorbei, in dem sie mit ihrem damaligen griechischen Ehemann, dessen Namen sie behielt, gelebt hatte. Einmal aus dem Autofenster gucken, dann geht's weiter.

Der Ortsverein wartet schon, außerdem zwei Jusos in hellblauen Pullis mit dem knallroten Y drauf, die frierend von einem Bein aufs andere steigen. Ein paar Frauen umarmen die Ypsilanti, dann wandert man ein Stückchen dort, wo später die Straße hin soll. Die Genossen erklären, Andrea Ypsilanti hört zu, nickt, verspricht Rückendeckung. Manchmal lächelt sie. Und setzt wieder dieses strenge Gesicht auf. "Das erwarten die Leute", sagt sie später im Café. "Die wollen auch sehen, dass man sich durchsetzen kann." Könnte schlimmer kommen mit den Erwartungen. Dass die Leute meinen, auch privat müsse sie immer die Faust nach oben recken und aussehen, als stände sie auf irgendeinem Podium. Aber, nee, das Leben ist ja kein Parteitag: Sonntags zum Bäcker geht sie auch als Spitzenpolitikerin noch ungeschminkt und im Jogginganzug, basta. Und ins Fitnessstudio ungeduscht und mit hochgewuschelten Haaren. "Eine Freundin meinte, das könnte ich jetzt nicht mehr machen. Aber das", winkt die Spitzenkandidatin ab, "lasse ich mir nicht nehmen."

Wichtiger allerdings ist ihr, dass sie dem Konstantin nicht so viel nimmt. "Hier im Café sitzen wir jeden Samstag zusammen, reden über Bücher, Schule, Fußball." Als er Ferien hatte, nahm sie ihn einmal mit auf ihre politische Sommerreise mit dem salatölbetriebenen Wahlkampfmobil, "aber das mache ich nicht wieder. Er ist einfach zu arglos und erzählt den Leuten zu viel", grinst sie. Dass man seiner Mutter bloß nicht zu nahe kommen sollte, wenn sie Hunger habe, weil sie ganz schnell wütend werde, zum Beispiel. Eigentlich süß. Aber vielleicht wollen die Hessen einfach keine hungrige, unausstehliche Ministerpräsidentin.

Die erste Frau an der Spitze der hessischen SPD kommt durchaus gut an. Der Partei und Fraktionsvorsitzende Gerhard Bökel hatte nach einem katastrophalen Ergebnis 2003 die Brocken hingeschmissen, Ypsilanti wurde mit 74 Prozent zu seiner Nachfolgerin gewählt. Dass sie gegen Schröders Agenda 2010 wetterte und Schröder sich erboste, er werde sich von "den Ypsilantis" nicht den Kurs vorschreiben lassen, machte sie zum bundesweit bekannten Polit-Promi. Innerhalb ihrer Partei setzte sie sich im Dezember 2006 im Kampf um die Spitzenkandidatur gegen Jürgen Walter durch und übernahm im Januar 2007 schließlich auch seinen Job als Fraktionsvorsitzende im Landtag. Im Frühjahr 2007 lag Hessens SPD zeitweilig bei 34 Prozent, die CDU bei 38. Aber das Hoch verzog sich schnell. Ihre Chancen, als Siegerin aus der Wahl zu gehen, standen lange nicht gut.

Erst auf der Zielgeraden konnte Ypsilanti punkten, während Roland Koch mit seiner Jugendgewalt-Kampagne selbst seinen Vorsprung verspielte. Wird die Außenseiterin am Ende doch gewinnen? Ypsilanti jedenfalls kämpft unverdrossen. Mit ihr an der Spitze liegt Hessens SPD deutlich in der Linkskurve. Atomkraftwerke und Studiengebühren müssen weg, Ganztagsschulen und Mindestlöhne her - das wird die Kandidatin später am Abend auch in Rodgau verkünden, im Bürgerhaus, beim weiß-der-Himmel-wievielten Wahlkampf-Termin. Sie liest nicht ab, verhaspelt sich nicht. Die Atomkraftwerke kriegen ihr Fett weg, dann geht es darum, dass "es in diesem reichen Land bei einigen Kindern nicht mal fürs Schulessen reicht", und das, "meine Damen und Herren, nicht mit mir!" Sie guckt ins Publikum, das nickt und klatscht. Und die Kandidatin bringt das "Nicht mit mir!" noch bei den Studiengebühren, den abgeschobenen Alten und der Lohnungerechtigkeit, und jedes Mal wird geklatscht und genickt.

Was bewegt die Menschen in Hessen? Zuhören ist wichtig im Wahlkampf.

Aber jetzt guckt Andrea Ypsilanti im Café erst mal auf ihre Uhr. Wegen Rodgau, aber auch wegen Konstantin. "Heute wartet mein Sohn garantiert, bis ich wieder zu Hause bin!" Denn sein Vater Klaus-Dieter Stork, Ypsilantis Lebensgefährte, ist nicht daheim. Und Anne und Hans, die beiden anderen Erwachsenen, die mit ihren Kindern Felix und Lea mit ihnen im Reihenhaus in der Nähe Bad Vilbels wohnen, sind auf einem Elternabend.

Eine Wohngemeinschaft, das klingt cool. Bei jüngeren Wählern kommt das gut an. Leider nicht bei der Wohnungssuche. Ein Vermieter erbarmte sich schließlich, "und dann haben die Leute um uns herum gemerkt, dass bei uns ordentlich gekocht wird, dass die Kinder sich waschen und ihre Zähne putzen", sagt Ypsilanti. "Dann war alles gut." Eine fröhliche Kommune im Reihenhaus. Und nicht aufregender als irgendeine andere Großfamilie. Mit so vielen Erwachsenen, dass immer jemand für die Kinder da sein kann. Aber auch viel Trubel. "Mir wird das am Wochenende manchmal zu viel, da brauche ich mehr Ruhe", gibt Ypsilanti zu. Dann brüllt sie notfalls rum, nur leiser wird's damit ja auch nicht. "Vor zwei Jahren wollten wir mit unseren Familien schon mal auseinanderziehen. Aber die Kinder haben darauf mit Bauchschmerzen reagiert, und ihnen war ständig übel. Richtig psychosomatisch, wie bei einer Scheidung." Und da es nicht leicht ist, in der Gegend zwei bezahlbare nebeneinanderliegende Häuschen zu kriegen, bleibt es vorerst wohl beim WG-Modell.

Aber Andrea Ypsilanti hat schon schlimmere Kompromisse gemacht im Leben: "In meiner Ehe früher war ich zum Beispiel auf dem Weg, eine typische Ehefrau zu werden", erzählt Ypsilanti. Eher angepasst und für den Haushalt zuständig. "Jetzt lebe ich in meiner Beziehung so, wie ich es immer wollte. Konsequenter und glücklicher. Auch in Sachen Rollenverteilung." Da ist ihr Kampf für Ganztagsschulen und Betreuungsplätze nebenbei freilich auch ein ganz privater. Nur eines, lacht sie, ist irgendwie schiefgelaufen: "Fürs Einkaufen und Kochen sind immer Anne und ich zuständig. Da haben wir unsere Männer wohl irgendwie falsch erzogen."

Die leidenschaftliche Köchin liebt Osso buco, Saltimbocca oder auch mal Schnitzel mit Pommes. "Hauptsache, Fleisch und Beilagen liegen getrennt auf dem Teller!" Nix Pfannenmischmasch oder Eintopf. Ein Tick, mitgeschleppt aus einer Kindheit, in der sie viel gelernt hat. Nach der Schule aufs Feld, Kirschen pflücken und einmachen, und in den Sommerferien, wenn die anderen im Schwimmbad lagen, stand sie am Herd und kochte. Sie wusste nie, was sie werden wollte, aber ganz genau, was sie nicht werden wollte: Mutter und sonst nichts gelernt. Das Kind geht zur Sparkasse, sagte der Vater. Andreas Lehrer bettelten: Lassen Sie das Kind doch Abitur machen, Mutter sagte gar nichts. "Einen Riesenkrach gab es", erinnert sich Ypsilanti. "Und dann bin ich halt ausgezogen."

Sie schlug sich durch mit Jobs beim Europäischen Satellitenkontrollzentrum in Darmstadt, als Sekretärin, als Stewardess bei der Lufthansa, wo sie als Gewerkschafts- Vertrauensfrau über Ruhezeiten und Dienstpläne verhandelte. Sprachstudium in Madrid, Soziologie- und Politologiestudium in Frankfurt, und schließlich war da die SPD. Nach Abschluss ihres Studiums fing Ypsilanti als Referatsleiterin der Hessischen Staatskanzlei unter Ministerpräsident Hans Eichel an, seit 1999 ist sie selbst im Landtag. Und plötzlich ist sogar ihre Kindheit ganz brauchbar: als Argument für eines ihrer politischen Lieblingsthemen - die Chancengleichheit von Arm und Reich.

Ihre Mutter ist tot, ihr Vater ruft manchmal an, meistens voller Sorge, ob das Kind sich denn auch nicht zu viel aufgebürdet habe. Ihre Energie, wird sie später im Bürgerhaus Rodgau sagen, sei täglich erneuerbar, und alle werden klatschen. Dann wird sie vom Energiehaushalt in Deutschland sprechen und nicht mehr von sich. Nicht mehr von den Tagen, an denen Konstantin aufsteht und sagt: "Ich gehe heute nicht zur Schule, und du gehst nicht zur Arbeit - wie wär's?" Nicht davon, dass sie sich manchmal eine ganz kleine Krankheit wünscht, nichts Ernstes, nur so viel, dass man eben im Bett bleiben müsste für ein paar Tage. Aber jetzt wartet Rodgau erst mal. Ypsilanti zieht ihren Mantel an, umarmt den dicken Angelo. Im Auto wird sie die warmen Schuhe gegen ein paar Pumps tauschen und das weiche Gesicht gegen ein strengeres.

Hintergund

Andrea Ypsilanti und die SPD Die 50-Jährige, seit 22 Jahren SPD-Mitglied, begann ihre politische Karriere 1991 als Vorsitzende der hessischen Jungsozialisten. Die Hessische Staatskanzlei lernte sie bereits 1992 kennen - als Referatsleiterin unter dem SPD-Ministerpräsidenten Hans Eichel. Sieben Jahre später kam Ypsilanti in den Landtag, wo sie 2001 zur stellvertretenden SPDFraktionsvorsitzenden aufstieg. 2003 wurde Ypsilanti mit 74 Prozent der Stimmen zur ersten Frau an die Spitze der SPD gewählt. Jetzt ist die Landes- und Fraktionsvorsitzende auch SPD-Spitzenkandidatin bei den hessischen Landtagswahlen am 27. Januar.

Hessen und die SPD Nach dem Krieg sah Hessen lange Jahre rot: Die SPD stellte mit Christian Stock den ersten gewählten Ministerpräsidenten. Seine Nachfolger Georg August Zinn, Albert Osswald und Holger Börner waren zugleich auch Landesvorsitzende der SPD. Nach nur vier Jahren Opposition holte sich die SPD 1991 die Regierungsmacht zurück - mit Hans Eichel an der Spitze, dem späteren Bundesfinanzminister. 1999 übernahm die CDU unter Roland Koch das Ruder. SPD-Chefin Andrea Ypsilanti setzt jetzt in Hessen auf eine sozialdemokratische Zeitenwende.

Text: Silke Pfersdorf Fotos: Katrin Binner BRIGITTE Heft 03/08
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