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Angela Merkel Was die Ära Merkel menschlich hinterlässt

Angela Merkel
Angela Merkel
© Sean Gallup / Getty Images
Zweimal Bundesministerin, viermal Bundeskanzlerin: Angela Merkel verabschiedet sich nach 16 Jahren von der Regierungsbühne. Für mich ein Schritt, der nicht nur politische Auswirkungen hat – sondern vor allem menschliche.

Ich war 13 Jahre alt, als Angela Merkel, 67, im November 2005 die erste Bundeskanzlerin Deutschlands wurde. Seither sind 16 Jahre vergangen und ich blicke heute, mit 29, auf die Ära Merkel zurück. Vom Schulhof über meinen ersten Wahlbrief bis hin zu meiner eigenen Hochzeit hat diese Frau das politische Amt ausgekleidet und mich mehr beeinflusst, als ich es vor wenigen Jahren wohl selbst geglaubt hätte. 

2021 heißt es Abschied nehmen. Von einer Frau, die zum Symbol für Geflüchtete wurde. Von einer Frau, die von ihrer eigenen Mutter als "zu harmoniebedürftig" beschrieben wurde. Von einer Frau, die zu Beginn von vielen – allen voran Gerhard Schröder, 77 – unterschätzt wurde. Es ist der Abschied von der mächtigsten Frau der Welt. Für mich persönlich ist es der Abschied von einer Frau, die über die Hälfte meines Lebens präsent war – doch was bleibt von der Kanzlerin?

Angela Merkel – politisches Versagen, menschlicher Erfolg?

Ich bin ehrlich: Es ist ein Drahtseilakt, sich von dem Menschen Angela Merkel  und gleichzeitig von der Politikerin Merkel zu verabschieden. Denn die heute 67-Jährige hat vor allem für meine und die jüngere Generation viele Versäumnisse zu verantworten. Ihr wohl größtes Manko als Bundeskanzlerin: Merkel verfolgte keine langfristige Strategie. Den Klimaschutz hat sie in den vergangenen 16 Jahren viel zu fahrlässig behandelt. Die Digitalisierung des Landes wurde schleifen gelassen, was besonders in der Pandemie deutlich wurde. Ihre Entscheidungen in der Migrationspolitik sind bis heute umstritten und stark kritisiert; auch hier fehlte ihr der langfristige Blick. 

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Doch auch ihre Erfolge will ich nicht unterschlagen: Sie hat, ohne je demonstrativ Macht auszuüben, in Deutschland und vor allem Europa eine unbestrittene Machtposition erreicht, wird als Europa-Politikerin von ihren Kolleg:innen geschätzt und respektiert. Die Ukraine-Krise wird vom "Spiegel" als Merkels "außenpolitisches Meisterstück" umschrieben, gilt als einer ihrer größten Erfolge. 2014 verhinderte sie einen militärischen Großkonflikt zwischen Russland und der Ukraine. Es gibt Erfolge und Misserfolge – wie wohl in jeder Karriere. Doch wie du in der Überschrift schon erkennst, geht es mir hier und jetzt um den menschlichen Aspekt ihrer Kanzlerschaft. 

Ihre Kanzlerschaft hat Stigmata durchbrochen

Angela Merkels Kanzlerschaft hat mir sehr viel bedeutet und wird es immer tun. Als junges Mädchen in einem Land heranzuwachsen, das von einer Frau geführt wird, hat mich maßgeblich geprägt. Ihr Antritt als erste weibliche Kanzlerin und darüber hinaus auch als jüngste der Geschichte, hat für Deutschland eine zentrale Rolle im Feminismus gespielt: Merkel hat das normalisiert, was normal sein sollte – Frauen in Führungspositionen und Frauen in der Spitzenpolitik. Ich bin mit diesem Gerüst aufgewachsen; mit dem Wissen, dass Frauen in solche Positionen gehören. Und ja, die Gender-Pay-Gap ist weiterhin real. Ich selbst habe schon am eigenen Leib erfahren müssen, wie es ist, als junge Frau nicht ernst genommen zu werden. Und dennoch hatte ich nie Zweifel an meinem Wert als Frau. 

Angela Merkels Souveränität bleibt

Merkels Strategie der "Vorsicht walten lassen" mag zu einigen ihrer größten Misserfolge in der Politik geführt haben. Ihr ruhiges Nervenkostüm, ihr mütterliches Motto "Wir schaffen das" und ihre Souveränität prägen mein Bild der Bundeskanzlerin. Ich werde nie den Moment vergessen, als Merkel 2019 den ukrainischen Präsidenten empfing und das Zittern begann. Sie in solch einem Moment der Schwäche zu erleben, war für mich einschneidend. Die Sorge, die daraufhin ausbrach, zeigte mit, wie sehr genau diese Eigenschaften der Stärke, Souveränität und der Gelassenheit von allen erwartet wurden und wie geschockt Deutschland reagiert, wenn die Bundeskanzlerin plötzlich zerbrechlich wirkt. 

Angela Merkel +.Wolodymyr Selenskyj

Auch in ihren letzten Wochen und Monaten als Kanzlerin hat Angela Merkel wieder ihre Ruhe bewahrt und ihren Abschied aus dem Amt selbst bestimmt. Ein wichtiger Schritt. Politisch vermutlich der richtige. Und dennoch bleibt das Gefühl in mir, die Frau zu verlieren, die meine gesamte Jugend und mein Bild von Frauen und Karriere geprägt hat. 

Angela Merkels Abschied hat einen bitteren Beigeschmack

Am 26. September 2021 wählt Deutschland neu. Die Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock (Grüne) und die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz (SPD) und Armin Laschet (CDU) treten an. Eine Frage, die mir seither im Kopf schwirrt: Was hinterlässt Merkel nicht nur menschlich, sondern was hinterlässt sie ihrer Partei? Das Urteil fällt bitter aus. Merkel hätte viel früher jemand Neues aufbauen, hätte mehr Frauen in der Politik fördern müssen. Armin Laschet als CDU-Kanzlerkandidat? Es ist für mich ein Rückschritt von mehr als 16 Jahren. Ein Versäumnis, das Angela Merkel mitzuverantworten hat. 

Politisch hinterlässt Merkel einen Berg von Arbeit: neben dem Klimawandel auch die Folgen der Pandemiepolitik sowie die Migrations- und Asylpolitik. Die Liste lässt sich weiter fortsetzen. Doch menschlich, da hinterlässt die Bundeskanzlerin große Fußstapfen, die nur schwer auszufüllen sein werden ...

Menschlich hinterlässt Merkel das Gefühl von Souveränität. Sie hinterlässt ein Bild von weiblicher Kraft, die niemals zu aggressiv wirkte. Sie hinterlässt das Gefühl von "Wir schaffen das". Aber allen voran hinterlässt sie meiner Generation – und besonders uns Frauen – das Wissen, dass Feminismus, Macht, Stärke und Ruhe Hand in Hand gehen können. Politisch ist es Zeit für Veränderung – menschlich wünsche ich mir, dass sich die neue Kanzlerin oder der neue Bundeskanzler ein Beispiel an Angela Merkel nimmt und mehr als eine Kanzlerin/ein Kanzler wird: ein/e souveräner Begleiter:in im Leben der Wähler. 

Brigitte

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