Ständige Bedrohung: Wie wir lernen können, mit der Angst zu leben

Terroranschläge, Flüchtlingskrise und zunehmender Extremismus schüren die Hysterie. Fakt ist: Wir werden mit der Angst leben müssen. Wie das gehen kann, erklärt der Soziologe Professor Dr. Heinz Bude.

BRIGITTE: Eine große deutsche Versicherung führt regelmäßig Umfragen zu den Ängsten der Deutschen durch, und noch nie sind diese innerhalb eines Jahres so in die Höhe geschnellt wie jetzt. 2016 sei das Jahr der Ängste, kommentierte der Politologe Professor Manfred Schmidt. Sehen Sie das genauso?

Heinz Bude, Jahrgang 1954, ist Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel und Leiter des Arbeitsbereichs „Die Gesellschaft der Bundesrepublik“ am Hamburger Institut für Sozialforschung.

PROFESSOR DR. HEINZ BUDE: Ja, und um gleich mal aus dem Provinzialismus herauszukommen: Das gilt nicht nur für Deutschland. Im US-Wahlkampf wurde mit dem Thema Angst gearbeitet, bei den Wahlen in Frankreich wird es auf der Tagesordnung stehen, und auch der Ausgang der Brexit-Abstimmung hatte letzten Endes etwas mit Angst zu tun.

Am meisten fürchten wir uns – so das Ergebnis der Umfrage – vor Terror­ anschlägen, politischem Extremismus, Spannungen durch den Zuzug von Ausländern. Wären wir angstfreier, wenn sich diese Themen nicht derart zugespitzt hätten?

Nein, das glaube ich eben nicht. Wir haben eine Fokussierung des Angstempfindens auf diese Themen. Darunter gibt es jedoch schon seit Längerem eine grundsätzlichere Angst-Disposition.

Und woher kommt die?

Lange Zeit galt: Wenn du dich einigermaßen anstrengst, wirst du schon irgendwie einen Ort in der Gesellschaft finden, von dem du im Nachhinein sagen wirst, dass er mehr oder minder in Ordnung ist. Und wenn du strauchelst, wirst du aufgefangen. Diese Versprechen bestehen nicht mehr. Immer wieder steht unser Lebensentwurf heute vor Prüfungen, und damit wächst die Sorge, in seinem Leben etwas falsch zu machen, unter seinen Möglichkeiten zu bleiben, einmal Erreichtes wieder zu verlieren, etwas zu verpassen oder zu übersehen und dafür auch die Rechnung präsentiert zu bekommen. Wir erleben gerade einen generellen Wandel unserer Gesellschaftsordnung: weg von einem kollektiven Versprechen, hin zu einer individuellen Drohung.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Nehmen Sie die Partnerwahl. Man hat heutzutage mehr Wahlmöglichkeiten als je zuvor und ist sich gleichzeitig stärker als früher bewusst, dass Partnerwahl ein wesentliches Element für den eigenen Lebenserfolg ist. Einerseits hat es natürlich etwas Befreiendes, wenn wir den Boden der Selbstverständlichkeiten verlassen: Wir müssen nicht mehr den als Partner nehmen, mit dem wir schon im Kindergarten gespielt haben, oder der halt übrig geblieben ist. Aber andererseits merkt man, dass man nun im freien Feld steht und dort eben auch etwas falsch machen kann. Zum Beispiel, weil es ja immer irgendwo noch jemanden geben könnte, der besser zu mir passt. Und weil ich mich mit jeder Entscheidung festlege, quasi stehen bleibe in einer Gesellschaft, die sich ständig verändert und von uns ständige Veränderbarkeit fordert. Angst ist die Grundempfindung, dass es mehr und mehr Situationen in unserem Leben gibt, in denen alles zur Debatte steht.

Und diese grundsätzliche Angst, über die sich schwer sprechen lässt, nährt auch die Angst vor Zuwanderung, die Menschen viel eher direkt ausdrücken können?

So ist es. Es hat ja eine gewisse seelische Rationalität, dass man sich erst einmal auf die fokussiert, die plötzlich neu in das eigene Feld hineintreten, und sagt: Die machen uns das Leben ja noch einmal komplizierter und unangenehmer, dabei haben wir doch schon genug mit uns selbst zu tun.

Verglichen mit dem, was viele Flüchtlinge erlebt haben, gibt es für uns objektiv gesehen allerdings keine reale Bedrohung ...

Richtig. Und lange Zeit hat unsere Gesellschaft genau das geprägt, was jetzt vermutlich viele Flüchtlinge empfinden: das Gefühl, wirklich tief und existenziell an Leib und Leben bedroht gewesen, aber davongekommen zu sein. Das war das Grundgefühl der Generation, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat. Sie konnte gar nicht anders, als optimistisch in die Zukunft zu schauen, das Schlimmste lag ja schon hinter ihr. Diese Erfahrung ist vollkommen anders als die der Nach- kriegsgenerationen: Sie leben in dem Gefühl, dass es ihnen zwar aktuell gut geht, dass es allerdings jederzeit abwärtsgehen könnte, dass ihnen das Schlimmste noch bevorsteht.

Das klingt aber irgendwie auch ein bisschen hysterisch, immerhin leben wir in einem der reichsten und sichersten Länder der Welt.

Es ist in der Tat eine paradoxe Situation. Kolleginnen und Kollegen, die ich kenne und die aus dem Ausland kommen, sagen alle: Eure Probleme möchten wir haben. Und in der Tat hat im ganzen OECD- Raum wohl kaum ein Land so von der Globalisierung profitiert wie Deutschland, auch aus der Weltwirtschaftskrise 2008 sind wir als großer Gewinner hervorgegangen. Aber trotzdem gibt es viele Leute, die sagen: Davon merke ich persönlich gar nichts. Und das müssen wir ernst nehmen. Es ist völlig unangemessen, diese Sorgen gegen die traumatisierenden Bedingungen in Kriegsgebieten auszuspielen und zu rufen: Jetzt stellt euch mal nicht so an.

Das heißt, jede Angst ist berechtigt und lässt sich nicht in dem Sinne quantifizieren, dass der eine mehr Grund dazu hätte als der andere?

Richtig. Leider sind wir von dieser Einsicht noch weit entfernt. Wir müssen endlich ein Milieu der Akzeptanz von Angst entwickeln: Es gibt nun mal Gründe, Angst zu haben, und die sollten wir akzeptieren.

Nun prägt ja nicht nur die gesellschaftliche Entwicklung die Angst. Es gibt auch den umgekehrten Effekt, und da stellt sich die Frage: Wie verändert die zunehmende Angst unsere Gesellschaft?

Die gefährlichste Tendenz ist die Zunahme von Milieus der Selbstähnlichkeit: Alle ziehen sich in ihr Schneckenhaus zurück und schauen darauf, dass die Schneckenhäuser um sich herum auch irgendwie die gleichen sind. Man versucht eine Situation zu schaffen, in der man keine Angst mehr haben muss, weil man die Erfahrung von Differenzen, von Verlust aussperrt. Noch gefährlicher wird es, wenn Leute sogar versprechen: Wenn du alles machst wie früher, musst du keine Angst mehr haben. Aber das funktioniert nicht: Es gibt keinen Zustand jenseits der Angst. Wir müssen akzeptieren, dass das Leben mit mehr Ungewissheiten durchsetzt ist, als wir denken oder möchten, dass dieser sogenannte Kontingenzcharakter der eigenen Existenz – wie man es in der Philosophie nennt – vielleicht sogar der Kern des Lebens ist.

Und wie gelingt dies am besten?

In der Regel hält man Angst schlecht allein aus. Es hilft, Brücken zu anderen zu bauen. Solidarität hat ganz viel mit Angst zu tun. Es tut gut zu wissen, dass andere ähnlich empfinden, und dass sie, auch wenn sie vielleicht ganz andere Lebensentwürfe haben, mit den gleichen Problemen zu tun haben.

Das heißt: Es gäbe die Chance, dass die Angst uns einander näherbringt. Allerdings beobachten wir gerade ja eher das genaue Gegenteil.

Das ist richtig. Momentan leben wir in einer Stimmung der Gereiztheit und sind nicht bereit, die Lebensentwürfe anderer zur Kenntnis zu nehmen, ohne uns bedroht oder benachteiligt zu fühlen. Da hauen die Familien auf die Kinderlosen, die Unterschicht auf die Oberschicht und alle gemeinsam auf die Mittelschicht. Ich bin ja schon etwas älter und hatte in den 1980er-Jahren viel mit der Hausbesetzerbewegung in Berlin zu tun. Damals gab es auch radikale Ansprüche, es gab Gewalttätigkeiten, aber anders als heute niemals diese Gereiztheit. Dieses "Ich bekomme nicht das, was mir zusteht" oder "Mir wird etwas weggenommen" von heute ist bei vielen der Stimmungsausdruck dieser unbalancierten gesellschaftlichen Situation. Dabei ließe sich für die Zukunft viel gewinnen, um besser mit unseren Ängsten klarzukommen, wenn wir stattdessen bereit wären, uns vom Leben der anderen auch etwas sagen zu lassen.

Kann man sich an Furcht eigentlich auch gewöhnen? Den Spitzenplatz in 2016 nimmt ja die Angst vor Terror ein. Wäre es nicht denkbar, dass wir im nächsten oder übernächsten Jahr durch weitere Anschläge schlicht abstumpfen?

Möglicherweise werden wir uns in Zukunft Lebensweisheiten angewöhnen, wie es sie in Israel gibt: Bitte denke nicht länger als eine Stunde am Tag an den Terror. Das hat aber nichts mit Abstumpfen zu tun. Zum einen ist es Selbstschutz, denn sonst wird man ja verrückt. Zum anderen gelingt dies nur, wenn man Hoffnung hat. Wenn ich also zwar weiß, dass es Anschläge gibt und Menschen, die es nicht gut mit mir meinen, aber mir gleichzeitig sicher bin, dass es anders sein könnte, dass nicht sowieso alles den Bach runtergeht – nur dann schaffe ich es, meine Sorgen auf eine Stunde zu beschränken. Wenn Sie Hoffnung haben, können Sie ganz anders mit der Angst umgehen.

Rein statistisch gesehen ist die Gefahr, Opfer eines Terroranschlags zu werden, zumindest hier bei uns, nach wie vor auch sehr gering ...

Ja, und die Wahrscheinlichkeit, bei einem Haushaltsunfall umzukommen, ist viel größer. Ich kann das echt nicht mehr hören ...

Warum? Stimmt es denn nicht?

Natürlich stimmt das, aber die Idee, dass dieses statistische Relativieren irgendjemanden beruhigen könnte, ist doch völlig absurd. Es ist eine Strategie, Gefährdungen nicht zur Kenntnis zu nehmen, statt sich auf eine neue Situation einzustellen. Und das ist der Kern dessen, was ich sagen will: Entlastung, Rückzug ins Schneckenhaus, stumm schalten – das alles bringt nichts. Wir müssen die Angst akzeptieren und nicht kleinreden.

Ich kenne jemanden, der aus Angst vor Anschlägen nicht mehr mit dem ICE fährt, und finde das irgendwie schon ein bisschen übertrieben ...

Also, ich kann diese Entscheidung schon verstehen. Dann fährt man halt mal nicht mit dem ICE; ist doch nicht schlimm. Und es beruhigt ja tatsächlich auch. Aber man sollte sich klarmachen, was das langfristig heißt, ob man sich wirklich ein Leben ohne ICE vorstellen kann. Dann wird man vermutlich sehr schnell darauf kommen, dass man irgendwann doch wieder fahren wird. Und sobald man dann wirklich einsteigt, braucht es keine Viertelstunde, und die Angst wird abnehmen. Genau das ist ja das Prinzip der Konfrontationstherapie.

Und Sie selbst, haben Sie Angst vor Terroristen?

Nee, ich bin ja Soziologe. Das hört sich vielleicht merkwürdig an, aber vor Menschen habe ich wirklich kaum Angst. Ich finde Menschen immer interessant. Das ist übrigens eines der Grundmittel, um Angst zu entgehen: auch Gewalttäter interessant zu finden. Damit setzt man die immer schachmatt.

Zum Weiterlesen: Der Soziologe Professor Dr. Heinz Bude schreibt kluge Bücher zu den Entwicklungen in unserer Gesellschaft. Zum Thema Unsicherheit sind von ihm unter anderem erschienen: „Gesellschaft der Angst“ (150 S., 16 Euro, Hamburger Edition) und zuletzt „Das Gefühl der Welt – Über die Macht von Stimmungen“ (144 S., 18,90 Euro, Hanser).

Das Interview mit Heinz Bude ist in der aktuellen Ausgabe der BRIGITTE (1/2017) erschienen, die seit 21.12.2016 am Kiosk liegt. Hier könnt ihr das Heft bestellen.

 

Interview: Antje Kunstmann (BRIGITTE 1/2017)
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