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Die seltsamen Zweifel an Annalena Baerbock Deutschland braucht ein neues Familienbild – dringend!

Die seltsamen Zweifel an Annalena Baerbock
© Pool/Auswahl / Getty Images
Kann eine zweifache Mutter Kanzlerin sein? Zweifel daran äußern die üblichen Verdächtigen aus der konservativen Ecke. Vermutlich, weil sie wissen, wieviel der Care-Arbeit sie selbst ihren Frauen überlassen.
Wiebke Tomescheit

Zum ersten Mal hat mit den Grünen eine Partei eine Frau als Kanzlerkandidatin aufgestellt, die jung genug ist, um betreuungsbedürftige Kinder zu haben. Annalena Baerbock, 40, ist Mutter einer zehn- und einer sechsjährigen Tochter. Wie unzählige andere Frauen in Deutschland jongliert sie einen anspruchsvollen Beruf und ein forderndes Familienleben. Und wie unzählige Männer – denn im Jahr 2021 ist Kinderbetreuung definitiv nicht mehr nur Frauensache. Entsprechend unangebracht und bezeichnend sind gerade die Fragen, Zweifel und Kommentare derjenigen, die sich nicht vorstellen können, dass eine Mutter auch eine Kanzlerin sein kann.

Zu vermuten ist dabei, dass die Skeptiker gar nicht in erster Linie ein Problem mit einer jungen Mutter haben, sondern ganz allgemein ein Problem mit einer Frau in einer so hohen Position. Das zeigt sich daran, wie auch Angela Merkel oft angegangen wurde – weil sie keine eigenen Kinder hat (obwohl die beiden Söhne ihres Mannes zur Familie gehören). Als "kühl" wurde die Kanzlerin deshalb bezeichnet, ihr wurde vorgeworfen, dass sie die Probleme von Eltern und Familien nicht nachvollziehen könne, dass sie zu sachlich und emotionslos sei. Trotzdem scheute sich niemand, sie flapsig "Mutti" zu nennen.

Frauen können es schlicht nicht richtig machen

Bei Baerbock heißt es, dass sie womöglich durch die Bindung zu ihren Töchtern zu emotional sei, zu wenig kühl und sachlich. Dass die Priorität vielleicht nicht immer voll und ganz bei ihren beruflichen Pflichten liegen könnte, wenn zuhause ein krankes Kind wartet. Und, klar: Natürlich ist es schwierig, Familie und Job unter einen Hut zu bringen. Die Grünenpolitikerin nannte es selbst einen "Balanceakt" und sagte, eine ihrer Motivationen, in die Politik zu gehen, sei gewesen, es Müttern im Berufsleben endlich etwas leichter zu machen. Aber auch, wenn es für Mütter überdurchschnittlich hart ist, sich in einem fordernden Beruf durchzusetzen, ist es machbar. Das zeigen jeden Tag Millionen von erfolgreichen Frauen.

Die Forderung, immer 100 Prozent für den Job geben zu müssen, ist ohnehin Unsinn. Selbst im Fall einer Bundeskanzlerin. Denn, wenn es um vernunftbegabte Erwachsene mit einer soliden Erziehung geht, arbeitet man nie allein, sondern hat ein fähiges Team um sich, dem man vertraut und das im Zweifel einspringen kann, wenn die Familie einen gerade dringender braucht. Dieses Prinzip kennt jeder, der mit guten Kollegen zusammenarbeitet. So wird jede Aufgabe bestmöglich erledigt, man unterstützt sich gegenseitig, man hilft sich. Das muss doch auch in der Spitzenpolitik möglich sein. Funktioniert aber natürlich nur, wenn nicht das eigene Ego und mögliche Karriereschritte die Hauptmotivation für diesen Job sind.

Erwachsene sollten zu Teamwork in der Lage sein

Annalena Baerbock hat – unter anderem in Robert Habeck – faire Kollegen, die sie im Zweifel im Job unterstützen können. Ein gutes Team, ein solides Netzwerk – das ist unheimlich viel wert. Und sie hat auch zuhause einen Partner, der sicher seinen fairen Anteil an Arbeit übernimmt: Ihren Mann Daniel. Denn, aufgepasst, im Jahr 2021 ist Kinderbetreuung nicht mehr Frauensache. Eine Familie hat optimalerweise mehr als ein Elternteil und beide sind fähige Erwachsene, die den Konventionen der Vergangenheit trotzen und die familiäre Care-Arbeit endlich gerecht untereinander aufteilen können und sollten. Die "Hausfrau", die sich tagsüber um Haushalt und Kinder kümmert und keinen anderen Job hat, gibt es heute fast nicht mehr. Wenn zwei voll berufstätige Erwachsene ein Familie gründen, ist es schlicht absurd, die Betreuung der Kinder dann allein der Mutter aufzubürden. Diese Zeiten sollten wirklich vorbei sein.

Ein – für Zweifler womöglich beruhigendes – Beispiel, das zeigt, wie gut ein Land von einer jungen Mutter regiert werden kann, ist Neuseeland. Premierministerin Jacinda Adern ist ebenfalls 40, bekam während ihrer Amtszeit eine Tochter und regiert derzeit mit dem diversesten Kabinett der Geschichte ein Land, in dem es das Coronavirus quasi nicht mehr gibt. Aber vielleicht ist die größte Angst der Skeptiker gar nicht, dass Annalena Baerbock als mögliche Kanzlerin der Aufgabe tatsächlich nicht gewachsen sein könnte. Sondern viel eher, dass sie all diese, als "Sorgen" verkleideten, angestaubten Vorurteile widerlegt. Dass sie den Deutschen zeigt, wie sehr wir in Sachen Familienpolitik, Wirtschaft und Gleichberechtigung umdenken müssen.

Denn, wie auch in den sozialen Medien in den vergangenen Stunden und Tagen oft zu lesen war: Einen Mann hättet ihr das nicht gefragt. Und das ist eigentlich alles, was dazu anzumerken ist.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei stern.de.

wt/stern

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