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Arbeitslos und alleinerziehend Durchs Raster gefallen

Arbeitslos und alleinerziehend: Mutter mit zwei Kindern
© Qilin's prance Filmmaker / Shutterstock
Erst die Scheidung, dann die Kündigung: Christine Finke war plötzlich eine arbeitslose Alleinerziehende von drei Kindern – und ein Eis auf einmal ein Luxusgut.

“Da war schon wieder ein Plakat, das auf den bald in die Stadt kommenden Rummel aufmerksam machte. Mist. Immer wenn wir an diesen Plakaten vorbeikamen, versuchte ich, den Blick meiner jüngsten Tochter in die andere Richtung zu lenken. Denn auch wenn sie noch nicht lesen konnte, war ihr doch klar, was die bunten Plakate mit den Fahrgeschäften darauf bedeuteten. Und wie jedes Kind im Kindergartenalter liebte sie alles an dem Spektakel – von der Zuckerwatte über die Karussells bis hin zu den teuflischen Automaten, an denen Kinder viel Geld versenken bei dem Versuch, Kuscheltiere mit metallenen Greifarmen zu erbeuten. Unter zehn Euro auszugeben war auf dem Rummel quasi unmöglich, sogar am Mittwoch, dem Tag der ermäßigten Fahrpreise. Und diese zehn Euro waren bei uns schlicht nicht übrig. Zehn Euro: Das war einmal zum Kindergeburtstag gehen und ein angemessenes Geschenk mitbringen oder günstige Mahlzeiten für zwei Tage oder 15 Liter Milch, die billige natürlich.

Wie verhalte ich mich den Kindern gegenüber?

Dass ich so mal rechnen würde, hätte ich mir wenige Jahre zuvor noch nicht träumen lassen. Aber nach der Trennung von meinem Mann hatte ich nicht nur viele Tausend Euro für Anwält:innen und Gerichtskosten ausgeben müssen, sondern zu allem Unglück auch noch wenig später betriebsbedingt meinen Job als Redakteurin in einem Kinderbuchverlag verloren. Ich erlebte, wie chancenlos es war, als Alleinerziehende mit drei relativ kleinen Kindern beruflich wieder Fuß zu fassen. Das war nicht nur eine bittere Erkenntnis, sondern auch finanziell eine Katastrophe für uns. Also wechselte ich mit meinen Kindern die Straßenseite in der Hoffnung, dass ihnen die Rummel-Ankündigungsplakate nicht auffallen würden.

Es brach mir eh schon das Herz, dass ich ihnen im Freibad kein Eis kaufen konnte, und wir statt Pommes mit Mayo vom Kiosk immer selbst geschmierte Brote auf der Liegewiese aßen, weil schon das Eintrittsgeld für meine vierköpfige Familie eine Ausgabe war, die sorgfältig bedacht werden musste – und das trotz der Ermäßigung dank des “Sozialpasses” der Stadt, der uns als armer Familie zustand. Das Schwimmbad als sozialer Ort, als Treffpunkt und Auszeit, war für uns wichtig. In der Badehose sind fast alle gleich, und gerade bei kleineren Kindern ist es noch völlig egal, ob da ein Markenname draufsteht oder es ein billiges Modell ist.

Arm zu sein war für meine Kinder nicht schlimm, solange sie nicht auffielen und wussten, dass Mama schon alles irgendwie regelt. Und das tat ich. Ich füllte Anträge auf Zuschüsse aus, kümmerte mich um Wohngeld und machte vor allem kein Geheimnis daraus, dass bei uns das Geld mehr als knapp war. Das war in vielerlei Hinsicht sehr befreiend, weil nicht auch noch Energie dafür draufging, den Schein zu wahren.

Kleine Lichtblicke durch Fremde

Und außerdem geschahen immer wieder kleine Wunder: Der Kindergarten kam auf mich zu und fragte, ob meine Kinder an einer Weihnachtsgeschenke-Aktion teilnehmen wollten, sie hätten mitbekommen, dass es bei uns finanziell mau aussehe. Bekannte schickten Gutscheine für einen Café-Besuch, eine Familientageskarte in der Therme oder die Eisdiele. Unvergessen bis heute ist die Freude, als wir bei einem guten Italiener für 35 Euro Pizza bestellen durften, weil jemand mit einem großen Herzen an uns gedacht hatte. Dass Menschen Gutes tun wollen, war eine der wenigen schönen Erfahrungen, die ich aus der Armut mitnehme.

Es erleichtert mich zu hören, dass mein Sohn heute sagt, er habe eine schöne Kindheit gehabt und nicht gemerkt hat, dass es nicht stimmte, dass ich keine Lust auf Eis hatte, wenn wir mal bei der Eisdiele waren. Dort kaufte ich den Kindern dann jeweils nur eine Kugel, weil mehr nicht drin war. Ich habe das wohl ganz gut hingekriegt – auch wenn es bedeutete, zwei Winter lang so gut wie nicht zu heizen und selbst nie zum Friseur zu gehen, weil es wichtiger war, dass die Kinder Schuhe hatten.

Trotzdem: Dass ich mich am Ende beruflich selbstständig machen musste, war mitsamt der finanziellen Ungewissheit sehr belastend. Obendrein sind staatliche Zuschüsse befristet, man muss immer wieder aufs Neue belegen, dass man bedürftig ist. Eine Kindergrundsicherung hätte da viel Druck rausgenommen. Und auch wenn es kein Kinderrecht ist, auf den Rummel gehen zu können, wäre es doch wünschenswert, dass Teilhabe mitgedacht wird, wenn politisch dann endlich Nägel mit Köpfen gemacht werden. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, manchmal muss es auch Zuckerwatte sein.”

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BRIGITT 13/2021 Brigitte

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