Schlecker-Insolvenz: Nachzahlung an "Schlecker-Frauen"

Zehn Millionen Euro - so viel muss Anton Schlecker nun an seine Gläubiger, darunter auch ehemalige Angestellte zahlen. Der Grund: Vor der Pleite hatte er versucht, noch Geld für seine Familie in Sicherheit zu bringen. Schon vor ein paar Jahren erzählte eine Betriebsrätin im BRIGITTE.de-Interview, wie der Umgang der Firmenleitung mit den "Schlecker-Frauen" war.

Sie waren die Opfer der Drogerie-Pleite: Die "Schlecker-Frauen" - Angestellte mit Mini-Job-Verträgen, die unter großem Druck (und oft alleine) die Filialen am Laufen hielten. Der Dank: Bespitzelung von hinter Regalen versteckten Detektiven - und schließlich die Kündigung nach dem Konkurs der Schlecker-Kette.

Nun ist ein weiteres Kapitel abgeschlossen: Nach der Pleite hatte Firmenchef Anton Schlecker angeblich noch schnell Häuser und Grundstücke an Familienmitglieder übertragen, um diese Werte für sich retten zu können. Der lange Streit mit den Konkursverwaltern ist heute beendet worden, Schlecker muss zehn Millionen Euro an seine Gläubiger, darunter viele ehemalige Angestellte, zahlen.

Nur ein weiteres Kapitel einer Firmenleitung, die mit den eigenen Angestellten nicht gerade freundlich umgeht. Schon vor einem Jahr erzählte uns eine Schlecker-Betriebsrätin, wie schlecht die Kommunikation zwischen Leitung und "Schlecker-Frauen" ablief. Da sie anonym bleiben wollte, haben wir ihren Namen geändert.

BRIGITTE.de: Sie arbeiten seit zehn Jahren bei Schlecker als Verkäuferin und leiten außerdem den Betriebsrat in ihrem Bezirk. Wurden Sie als Betriebsrätin vorzeitig über die Insolvenz informiert?

Karin Lübke*: Nein. Ich habe das wie fast alle anderen Schlecker-Mitarbeiter aus den Medien erfahren. Ich hatte an dem Freitag einen halben Tag frei und sagte noch zu meinen Kunden, dass ich mich auf das lange Wochenende freuen würde. Auf dem Nachhauseweg las ich gegen 14 Uhr die Nachricht auf meinem Smartphone. Erst am späten Nachmittag war dann ein Fax von der Geschäftsleitung in der Verkaufsstelle eingegangen, das über die Insolvenz informierte.

BRIGITTE.de: Waren Sie überrascht?

Karin Lübke: Ja. Das habe ich nicht erwartet. Wir haben schon mit Entlassungen in diesem Jahr gerechnet, weil so viele Filialen geschlossen wurden. Und es war auch allen klar, dass Schlecker seine Läden nicht wirtschaftlich führte. So hat die Familie Schlecker ja kaum etwas in die Läden investiert. Aber ich hätte nicht gedacht, dass er wirklich in die Insolvenz geht.

BRIGITTE.de: Wie ging es dann in den nächsten Tagen weiter?

Karin Lübke: Das mit dem freien Wochenende hatte sich erledigt. Mein Telefon stand nicht mehr still. Ständig riefen Kollegen an, die wissen wollten, was das bedeute, ob sie ihren Job verlieren würden, ob sie noch Gehalt bekämen und so weiter. Ich musste mich selbst erstmal einlesen. Ich kenne mich ganz gut aus mit den Gesetzen, aber mit Insolvenzrecht hatte ich noch nie was zu tun. Zum Glück haben wir einen guten Anwalt, der mich sofort über die wichtigsten Fakten aufklärte.

BRIGITTE.de: Können Sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt etwas ausrichten als Betriebsrat?

Karin Lübke: Im Moment können wir wenig tun, außer uns in die Sachlage einzuarbeiten und die Menschen zu beruhigen. Wir müssen abwarten, wie das Entschuldungskonzept der Schlecker-Familie aussieht und wie die Gespräche mit dem Gesamtbetriebsrat und der Gewerkschaft Verdi verlaufen. Erst dann können wir einschätzen, was das für die einzelnen Filialen und Mitarbeiter bedeutet.


*Name von der Redaktion geändert

BRIGITTE.de: Wie ist die Stimmung im Team? Gibt es so etwas wie warme Worte und Unterstützung durch die Bezirksleiter?

Karin Lübke: (Lacht.) Ehrlich gesagt ist es eher so, dass ich warme Worte an die Bezirksleiter verteile. Denn die wissen auch nicht viel mehr und hängen genauso in der Luft wie wir. Die Stimmung unter den Verkaufsmitarbeitern ist solidarisch und verhalten optimistisch. Es machen alle weiter ihren Job und hoffen das Beste.

BRIGITTE.de: Nach dem Motto "Papa Schlecker" sorgt schon für uns? Es gibt ja auch Vermutungen, dass die Schlecker-Führung die Insolvenz nur eingereicht hat, um drei Monate lang Gehälter zu sparen und um Kündigungen zu rechtfertigen.

Karin Lübke: Das stimmt, solche Gerüchte machen hier auch die Runde, und natürlich ist das Vertrauen in die Konzernführung nicht besonders groß. Viele fragen sich, wo das ganze Geld geblieben ist, denn nicht alle Filialen laufen schlecht. Es gibt auch genug Kollegen, die nichts dagegen hätten, wenn ein anderes Unternehmen Filialen übernehmen würde. "Mir doch egal, welcher Name auf dem Laden steht" – diese Haltung ist verbreitet und spricht nicht gerade dafür, dass sich die Menschen mit dem Unternehmen identifizieren.

BRIGITTE.de: Wie ist das denn bei Ihnen – arbeiten Sie gerne für Schlecker?

Karin Lübke: Ja. Ich arbeite gerne mit meinen Kunden und mit meinem Team, bekomme Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld. Mir macht mein Job Spaß. Aber ich bin mit 44 Jahren auch schon etwas älter und lasse mir nichts gefallen. Es gibt auch Kolleginnen, die weniger selbstbewusst sind, und schon eher mal unter Druck gesetzt werden.

BRIGITTE.de: Sind Sie deshalb Betriebsrätin geworden?

Karin Lübke: Ja. Ich habe mir irgendwann gesagt: Jetzt reicht's. Hier läuft zu viel schief. So wurden Kolleginnen immer wieder willkürlich Stunden gekürzt, ohne dass es eine rechtliche Grundlage dafür gab. Für diese Frauen wollte ich etwas tun.

BRIGITTE.de: Sie sprechen von Kolleginnen - Männer gibt es im Verkauf quasi gar nicht?

Karin Lübke: Ich schätze, dass 99 Prozent der Verkäuferinnen bei Schlecker Frauen sind. Lediglich auf den nächsten Ebenen, in der Bezirksleitung und Verkaufsleitung gibt es auch männliche Kollegen.

BRIGITTE.de: Dass bei Schlecker Verkäuferinnen drangsaliert werden, ist ja schon länger bekannt. Auch in der BRIGITTE berichtete vor vier Jahren eine Schlecker-Mitarbeiterin über rüde Methoden. Sie erzählte von Spitzeln oder dass absichtlich alte Ware in die Regale gestellt worden sei, um die Verkäufer abmahnen zu können. Haben Sie so etwas auch erlebt?

Karin Lübke: Nein, so schlimm ist es in unserem Kreis zum Glück nicht. Natürlich hörten auch wir von solchen Vorfällen, haben sie aber als krasse Ausnahmen abgetan. Schwierig war allerdings die Phase vor der Wahl unseres Betriebsrats. Ich musste mir viele spitze Kommentare von unserem Bezirksleiter anhören. Da ist man schon manchmal kurz davor, einen Rückzieher zu machen. Aber wir haben durchgehalten.

BRIGITTE.de: Haben Sie denn wenigstens vollen Rückhalt von der Belegschaft?

Karin Lübke: Ja, im direkten Kollegenkreis schon. Wobei mir dort einige vorwarfen, ich hätte doch längst von der Insolvenz gewusst und Informationen vorenthalten. Auch in Foren, in denen sich Schlecker-Mitarbeiter austauschen, werden wir Betriebsräte immer wieder angefeindet. Weil wir angeblich mit den Chefs unter einer Decke stecken würden oder nur auf den Kündigungsschutz aus seien. Das tut weh, gerade in einer solchen Zeit, in der ich unzählige Überstunden in diese Arbeit stecke. Aber mir ist klar, woran das liegt: Die Leute wissen es nicht besser, und sie haben Angst.

Schlecker-Insolvenz: Aufstieg und Fall eines umstrittenen Unternehmens

1967 eröffnete Gründer Anton Schlecker das erste SB-Warenhaus mit Namen "Schleckerland" in Ehingen. 2008 existierten europaweit mehr als 14.000 Filialen. In den vergangenen Jahren stand der Konzern immer wieder wegen seiner schlechten Arbeitsbedingungen in der Kritik. So sind die Angestellten in ihren jeweiligen Filialen meist alleine und haben kaum die Möglichkeit, Pausen zu machen. Durch die starke Konkurrenz durch andere Drogeriemärkte schrieb das Unternehmen schon seit einigen Jahren rote Zahlen. Am 20. Januar 2012 meldete Schlecker Insolvenz an, allerdings sollen vorerst keine Filialen geschlossen werden. Die Familie Schlecker will durch eine so genannte Planinsolvenz in Eigenverwaltung versuchen, das Unternehmen zu sanieren. Im Gegensatz zu einer Insolvenz durch einen Insolvenzverwalter legt bei einer solchen Planinsolvenz das Unternehmen selbst ein Konzept zur Sanierung vor.

Interview: Michèle Rothenberg

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