"Verzeihen Sie die Störung, aber wir werden ermordet!"

Alle 30 Stunden wird in Argentinien eine Frau umgebracht, jede zweite zu Hause. Lange nahm man das einfach hin: Frauen galten als Eigentum des Ehemanns, als Objekte. Jetzt wehren sie sich massenhaft gegen Gewalt und die Macho-Kultur. Aber rettet das ihr Leben?

Ihr Mann will sie töten - immer wieder

Die Eisenstangen vor ihrem Fenster lassen Raquel Hartwig ein bisschen ruhiger schlafen. Ein Nachbar hat sie vor zwei Tagen in die Fensteröffnung eingepasst. Aber ob sie wirklich etwas ausrichten können, wenn Raquels Ehemann zurückkommt? Dass das richterliche Kontaktverbot ihn nicht interessiert, ließ er die Polizisten gleich bei der Übergabe des Schreibens wissen: Er zerriss es vor ihren Augen.

Raquel Hartwig hat Angst vor ihrem Mann José. Er hat versucht, sie zu erschießen, als er betrunken war. Sie kam mit dem Leben davon — weil sie heimlich alle Kugeln aus seiner Waffe entfernt hatte. Ein anderes Mal lag sie am Boden, er trat auf sie ein und wollte gerade einen Holzstuhl auf ihrem Kopf zertrümmern, als die Schwägerin vorbeikam. Ihre drei Kinder kauerten verschreckt neben ihr, ein weiteres trug sie in ihrem Bauch.

Acht Mal hat Raquel Hartwig ihren Mann José angezeigt. Aber die Behörden reagieren nicht. Nachbarn haben ihre Fenster mit Eisenstangen verbarrikadiert, denn ihr Mann bedroht sie noch immer. 

In Argentinien wird alle 30 Stunden eine Frau umgebracht

Raquel Hartwig, 33, kennt die Statistiken, sie werden im argentinischen Fernsehen oft gezeigt: Alle 30 Stunden wird in Argentinien eine Frau umgebracht, so die Zahlen für 2016. Etwa die Hälfte der Morde finden in den eigenen vier Wänden statt. 290 Frauen waren es im letzten Jahr, 401 Kinder verloren ihre Mutter. "Ich habe Angst, dass auch wir zu Nummern der Mordstatistik werden könnten, natürlich", sagt Raquel Hartwig leise. Die Kinder hat sie ins Nebenzimmer geschickt. Ihr Noch-Ehemann läuft frei herum, in ihrem Ort, der patagonischen Provinzhauptstadt Comodoro Rivadavia. Er soll nur wenige Straßen weiter bei Bekannten Unterschlupf gefunden haben.

Zehn Jahre lang hatte sie alles ertragen. Beleidigungen, Schläge, Vergewaltigungen. Wo sollte sie auch hin? Eine alleinstehende Mutter, ohne festes Einkommen? In Argentinien mangelt es an staatlichen Hilfen, Raquel war in der Ehe gefangen. Ihren Kiosk hatte sie geschlossen, weil ihr Mann eifersüchtig war. Ihren zweiten Beruf als Friseurin übte sie kaum noch aus, um Schläge zu vermeiden. Auch in die Kirche ließ ihr Mann sie nicht mehr gehen. "Ich könnte ja etwas mit dem Pastor anfangen", sagt sie.

Raquel sitzt müde auf einem kleinen Schemel, den Rücken gegen die Wand gelehnt. Die blonden Haare sind frisch geföhnt, sie hat Wimperntusche aufgelegt. Doch den dunkelroten Bluterguss, der das linke Auge umrandet, kann sie nicht verstecken. "Wenn mein Jüngster den Motor von seinem Lkw hörte, machte er sich aus Angst in die Hose", sagt sie. Noch immer spricht sie leise, denn die Kinder sollen nicht hören, was sie erzählt. Als der Hund bellt, schreckt sie zusammen und schaut durch das vergitterte Fenster. "Wenn er nach Hause kam, hat der Hund immer geknurrt", sagt sie. "Er", sagt sie. Nie José. 

Raquel Hartwig überlebte knapp.

"Dir gefällt das doch, dass er dich schlägt"

Achtmal erstattete Raquel Hartwig Anzeige. Aber die Behörden reagierten nicht. "Der Beamte sagte mir: Dir gefällt das doch, dass er dich schlägt."

Schon vor Jahren packte sie einmal die Sachen, ging mit den Kindern in das Frauenhaus in Comodoro Rivadavia. Doch vier Tage später war Weihnachten – und die Einrichtung schloss über die Feiertage. Raquel kehrte zurück nach Hause. José bat um Verzeihung. Und alles begann von vorn. Ein typisches Vorgehen gewalttätiger Männer: Zuerst das Opfer von seinem Umfeld isolieren. Das gesamte Leben kontrollieren. Schläge. Und dann die Bitte um Verzeihung. Es war ein ewiger Kreislauf, aus dem Raquel keinen Ausweg fand — bis die Angst vor dem Tod im Januar dieses Jahres siegte. "Das nächste Mal mach ich dich kalt", hatte ihr Mann gedroht und sie geschlagen, bis sie Blut spuckte. Dann nahm er den Spaten: "In den Bergen findet dich niemand."

Raquel Hartwig griff zum für sie letzten Mittel: Facebook. Sie postete auf der Pinnwand des örtlichen virtuellen Flohmarkts, einer Community mit mehr als 1500 Mitgliedern. Sie lud Fotos hoch: von ihrem völlig entstellten Gesicht, von José, einem dicken Mann mit dunklen Locken. Und siehe da: Die Lokalzeitung griff das Thema auf. Nachbarn klingelten, schenkten ihr einen Fernseher, der Wohnzimmerschrank ist bis zum Anschlag mit gespendeten Lebensmitteln gefüllt. Und endlich unterzeichnete ein Richter ein Annäherungs- und Kontaktverbot. Ob das etwas bringt? Raquel Hartwig zuckt resigniert mit den Schultern: "Er schreibt mir SMS. Und er stand schon vor dem Haus." Ein Nachbar erzählte ihr, dass José versucht haben soll, einen Auftragsmörder zu engagieren. Dieser habe abgelehnt: Er bringe keine Frauen um.

Die Schuld wird den Opfern gegeben

Die Schuld am eigenen Unglück wurde oft den Opfern gegeben: War sie vielleicht fremdgegangen? Warum blieb sie auch so lange bei einem Schlägertyp? Sexismus und Machosprüche waren salonfähig, selbst auf Regierungsebene: "Alle Frauen mögen Komplimente", sagte etwa Mauricio Macri vor einigen Jahren, damals noch Bürgermeister von Buenos Aires, heute Präsident Argentiniens. "Es ist in Ordnung zu sagen: Was für einen tollen Arsch du hast!"

Dass solche Bemerkungen heute einen Shitstorm in den sozialen Medien auslösen würden, hat auch mit dem 3. Juni 2015 zu tun. "Nicht eine weniger, ni una menos!" schrien mehr als 300 000 Frauen und Männer auf Argentiniens Straßen, "nieder mit der Macho-Kultur!" Sie betrachten die patriarchalen Strukturen in Lateinamerika als Nährboden für Misshandlung, für die Morde.

Eine Gruppe von Journalistinnen und Künstlerinnen hatte die Proteste angestoßen, über Medienberichte und Twitter. Sie wollten ein Zeichen setzen: gegen die Frauenmorde, gegen häusliche Gewalt. Und tatsächlich, die Demonstration war ein Aufschrei, der zum Beginn einer Bewegung wurde.

Seitdem gab es immer wieder Großdemonstrationen, zuletzt im März und im April. Wieder marschierten Tausende und schwenkten Plakate wie: "Verzeihen Sie die Störung, aber wir werden ermordet!", "Schluss mit der Gewalt!", "Nieder mit dem Patriarchat!" Sie hielten auch Fotos in die Höhe: von den Frauen, die an diesem Tag nicht mehr mit ihnen auf die Straße gehen konnten.  

Einer der Wünsche der Demonstrantinnen bei der Kundgebung in Buenos Aires: "Ich möchte frei und ohne Angst aufwachsen."

Langsam tut sich was in den Köpfen

Auch in Deutschland werden Frauen Opfer: 331 wurden 2015 von ihren Partnern ermordet. Das sind in etwa gleich viele wie in Argentinien — doch hat Deutschland doppelt so viele Einwohner. 14 der 25 Länder, in denen weltweit am meisten Frauenmorde begangen werden, liegen in Lateinamerika. "Ni una menos" hat in vielen dieser Länder etwas ins Rollen gebracht, auch in Peru, Kolumbien und Mexiko gibt es inzwischen Proteste.

Frauen als Eigentum des Ehemanns, Frauen als Objekte: Diese Betrachtungsweise wird nun in Argentinien zumindest hinterfragt. "Früher fand ein Frauenmord in der Polizeispalte Platz, wenn überhaupt, mit geifernden Beschreibungen", erklärt die Journalistin Soledad Vallejos, eine der Mitbegründerinnen der Bewegung. "Heute setzen sich die Medien mit den Hintergründen auseinander." 

Auch hat die Regierung erste Schritte unternommen: Endlich gibt es ein Register für Frauenmorde, ein nationaler Plan gegen Gewalt gegen Frauen ist formuliert. Zwar sind die zuständigen Behörden chronisch unterfinanziert, doch immerhin arbeiten dort nun Frauenrechtlerinnen statt Bürokraten.

Auch die Werbewelt reagiert auf die Proteste: Zum ersten Mal seit 23 Jahren wurde im Januar der Wettbewerb "Miss Cola Reef", bei dem der schönste weibliche Po in der Küstenstadt Mar del Plata prämiert wird, aufgrund der Frauenproteste aus­gesetzt. Die Surfer­-Marke Reef befürchtete einen Image­Schaden.

Doch die Mordmethoden werden grausamer

Das Paradoxe ist jedoch: Leben haben die Proteste bisher nicht gerettet. Die Zahl der Morde an Frauen ist seit Beginn der Proteste sogar gestiegen. In den ersten Monaten dieses Jahres hat sich die Statistik verschlechtert: Alle 18 Stunden wurde eine Frau ermordet, hat eine NGO berechnet. Ein Mädchen, vergewaltigt und gepfählt wie im Mittelalter. Morde vor den Augen der Kinder. Tode durch Tritte und Schläge. Frauen, mit Alkohol verbrannt. "Wir beobachten, dass die Mordmethoden immer grausamer werden", sagt die Psychologin Eva Giberti, die in der Haupt­stadt Buenos Aires die Notfall­-Hotline für Gewaltopfer mit der Telefonnummer 137 begründet hat. "Wenn ein Mann die Frau als ein Objekt, als seinen Besitz ansieht, erkennt er sie nicht mehr als Person an. Er braucht das Gefühl, die Macht über sie zu besitzen."

Dafür, dass die Zahl der Mordopfer steigt, hat Giberti eine Erklärung. Sie vermutet, dass die Proteste Frauen Mut geben, aus der Gewaltspirale auszubrechen: "Der Moment, in dem sich eine Frau entscheidet, Anzeige zu erstatten, ist besonders gefährlich." Denn ein richterlicher Beschluss hilft den Opfern oft wenig. Es fehle an Zufluchtsorten, etwa Frauenhäusern: "Ein Richter kann ein Kontaktverbot erlassen, aber das echte Leben findet nicht auf dem Papier statt", sagt Giberti. 

"Gerechtigkeit für die Toten", auch dieser Spruch steht auf den Transparenten der Demonstranten. Denn die Justiz in Argentinien reagierte bisher oft mit Milde, stufte die Morde als "Verbrechen aus Leidenschaft" ein. So war es auch im Fall von Adriana Marisel Zambrano. Ihr Exmann erschlug sie, er bekam fünf Jahre. "Kein Vorsatz", befand der Richter. Nach zwei Jahren im Gefängnis war der Totschläger wieder frei. 

Der Mörder bekam das Sorgerecht für die Kinder

Da ist auch der Fall von Rosana Galliano. Ihr Exmann wurde verurteilt, weil er ihre Ermordung in Auftrag gegeben hatte. Doch er durfte einen Teil der Strafe zu Hause absitzen und bekam das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder.

Gallianos Eltern kämpften neun Jahre, bis ihre Enkel endlich nicht mehr beim Mörder ihrer Tochter wohnen mussten. "Der Justiz-Apparat ist vom Machismus geprägt, auf zehn Richter kommt eine Richterin", sagt Generalstaatsanwältin Mónica Cuñarro. Ihr Bewerbungsgespräch bei der Staatsanwaltschaft wird sie nie vergessen: Mehr als zwei Dutzend Männer waren im Raum, "dann fragte mein künftiger Chef in die Runde: ‘Wozu taugt eine weibliche Staatsanwältin?’, und antwortete auf seine eigene Frage: ‘Um sich die Nägel zu lackieren.’" Die Männer lachten. Mónica Cuñarro war perplex, aber immerhin, sie bekam die Stelle: "Ich habe meinen Kollegen inzwischen gezeigt, dass ich zwar Schuhe mit Absatz trage, Kinder großziehe — aber, dass ich gleichzeitig Karriere machen kann." In ihrem Stab arbeiten nur Frauen, "und das funktioniert wunderbar".

Staatsanwältin Mónica Cuñarro kämpft gegen die oft laschen Urteile bei Frauenmorden.

Sie sitzt an einem schweren Holzschreibtisch in ihrem Büro gleich gegenüber dem Gerichtsgebäude in Buenos Aires. In einer Ecke steht die argentinische Flagge. Inzwischen ist der Femizid, der Mord an einer Frau, ein eigener Tatbestand im Gesetzbuch. "Ein Femizid ist nicht einfach ein Mord", erklärt Mónica Cuñarro. "Der Täter hat das Opfer oft jahrelang kontrolliert: ihr Geld, ihr Telefon, ihr gesamtes Leben. Und er entscheidet sogar über ihren Tod."

Die finanzielle Abhängigkeit vom Mann trage oft dazu bei, dass die Frauen bei einem Gewalttäter blieben, bis es zu spät ist. Vor ihr liegen Fotos einer Frauenleiche und der Tatwaffe, eines Küchenmessers. Es sind Bilder eines Mordes, der in Zukunft als Präzedenzfall dienen könnte.

Auch in Deutschland werden Frauen Opfer: 331 wurden 2015 von ihrem Partner ermordet

Mónica Cuñarro forderte im Dezember 2016 eine lebenslange Strafe für den Mann von Celia Rivas, der sie vor den Augen des elfjährigen Sohnes erstochen hat, nachdem er seine Frau jahrelang misshandelt hatte. Das Gericht folgte Cuñarros Empfehlung und ordnete den Fall als Femizid ein, der Mörder bekam lebenslang.

Zwar freut sich die Staatsanwältin über diesen seltenen Erfolg, aber "was die Justiz erreichen kann, steht ganz am Ende der Ereigniskette. Es fehlt eine Politik, die einen kulturellen Wandel unterstützt, damit etwa junge Männer schon in der Schule lernen, Frauen zu respektieren." Das Problem der häuslichen Gewalt gebe es in allen gesellschaftlichen Schichten: "Der Unterschied ist, dass die besser Gestellten länger schweigen."

Aufgrund ihrer harten Strafforderungen gegen männliche Gewalttäter wird die Staatsanwältin in Argentinien bedroht und beschimpft. "Hoffentlich schlägt dein Mann dich zu Hause" ist da noch die harmloseste Variante. "Die Drohungen kommen auch aus den Reihen der Sicherheitskräfte", sagt Mónica Cuñarro. Verängstigt klingt sie jedoch nicht. Sie hat schon Drogenhändler ins Gefängnis gebracht, Schmuggler, korrupte Polizisten. Und Frauenmörder.

Marcela verlor ihre Tochter - und denkt an Suizid

Marcela Morera legt Fotos ihrer Julieta auf den kleinen runden Tisch eines Cafés im Viertel Ramos Mejía, ein Ort im Großraum von Buenos Aires. Die schönsten Bilder stammen von Julietas 15. Geburtstag: ein strahlendes Mädchen im weißen Kleid, braun gebrannt. "Da war auch die Bestie zu Gast", sagt Marcela Morera ohne aufzuschauen. Sie kannte die Berichte über die Frauenmorde in Argentinien aus dem Fernsehen. Dass ihre 23-jährige Tochter Opfer werden könnte, wäre ihr nie in den Sinn gekommen.

Ihre schwangere Tochter wurde 2015 von ihrem Freund ermordet – er wollte das Baby nicht. Julieta war 23, sie kannte ihren Mörder seit ihrer Kindheit. Marcela, ihre Mutter, nennt ihn "ein Tier ohne Herz."

Ihr Freund Marcos, erzählt Marcela Morera, war eifersüchtig. Wenn Julieta, kurz July, nach der Arbeit in der Pizzeria auch nur eine halbe Stunde länger brauchte als sonst, vermutete er einen Nebenbuhler. Er isolierte sie von ihren Freunden. "Schön fanden wir das nicht. Aber deshalb denkt man doch nicht gleich, dass er sie umbringen würde", sagt Marcela. Schließlich kannte sie Marcos schon als Kind. Noch heute sieht sie seine Eltern oft auf der Straße. "Natürlich grüße ich sie", sagt sie. "Aber mehr als das kriege ich nicht hin."

Marcos und Julieta wollten an jenem Abend, am 11. Oktober 2015, auf eine Geburtstagsfeier gehen. Doch sie kamen dort nie an. Ein Streit zu Hause eskalierte. Marcos schlug und trat so lange auf seine Freundin ein, bis sie tot in der Dusche lag. Heute weiß Marcela Morera: "July war schwanger, er wollte das Kind nicht." Die tödlichen Tritte trafen die junge Frau im Bauch und im Intimbereich, stellten die Forensiker fest. Am nächsten Morgen schrieb Marcela auf der Pinnwand von Julietas Facebook-Profil: "July wurde gestern von ihrem Freund, einer Bestie, totgeprügelt. Ein Tier ohne Herz, der den Engel, der ihn liebte und ihm alles verzieh, nicht erkannte."

Alle Fernsehsender berichteten. 24 Stunden war Marcos flüchtig, dann suchte er bei einem Familienmitglied Unterschlupf — das ihm zwar Essen servierte, aber die Polizei rief. Nach dem Mord dachte Marcela daran, sich umzubringen. Doch dann kam der Anruf aus dem Frauenhaus. Ob sie sich nicht engagieren möchte? Anderen Frauen helfen, die vor einem gewalttätigen Mann geflohen sind? Sie sagte zu. "Zum Glück“, sagt sie heute. "Die Frauen sind meine Lebensretterinnen." In dunklen Momenten fahre sie ins Frauenhaus. "Anderen helfen, das hilft." Es ist eine Einrichtung ohne finanzielle Mittel, improvisiert im Privathaus von Nancy Uguet. 

"Das Frauenhaus ist ein Ort, an dem ich das Lachen wieder gelernt habe"

Vor vielen Jahren nahm sie eine Nachbarin bei sich auf, die von ihrem Mann geschlagen wurde. Heute leben über 50 Frauen und Kinder dort. Sie schlafen auf gespendeten Matratzen, überall wo Platz ist, sogar in der Küche. Auf dem Gehsteig vor dem Haus von Nancy Uguet verkauft eine Mittvierzigerin gebrauchte Kleider.

Im Haus selbst ist es trubelig: Im Fernsehen läuft "Popeye", mehre Kinder sitzen gebannt davor. Es ist heiß, und der einzige Ventilator steht in der Küche. Dort bereiten zwei der Hausbewohnerinnen gerade das Mittagessen vor, aus den Lautsprechern klingt ohrenbetäubend laut Reggae, die Frauen tanzen. Es gibt Schnitzel mit Püree, "das mögen die Kinder besonders", sagt eine der Köchinnen.

Das Ziel des Frauenhauses ist es, Sicherheit zu bieten — und auf ein neues, selbstständiges Leben vorzubereiten. "Das Haus ist ein Ort, an dem ich das Lachen wieder gelernt habe, und so geht es vielen, die hier ankommen", sagt eine junge Frau, sie hat dunkle Haare und blond gefärbte Haarspitzen. Ihr Mann schlug sie jahrelang, wegen der zwei Kinder blieb sie bei ihm. Bis sie von Nancy Uguets Frauenhaus erfuhr. 

Seit dem Mord an ihrer Tochter engagiert sich Marcela Maurer im örtlichen Frauenhaus. Es ist privat finanziert, öffentliche Mittel gibt es dafür nicht.

Der Gewalt weiterhin entgegentreten — auf der Straße, zu Hause, bei Facebook oder Twitter. Das haben sich in Argentinien auch für die Zukunft Tausende Frauen vorgenommen. Darunter ist nun auch Raquel Hartwig in Comodoro Rivadavia, der seit der Trennung von ihrem Mann niemand mehr verbieten kann, zu einer Demo zu gehen oder zu arbeiten. Oder Mónica Cuñarro, die Staatsanwältin, die weiterhin Bewusstsein für die Schwere der Taten über Gerichtsurteile schaffen möchte. Eva Giberti, die Psychologin, die schon über 80 Jahre alt ist, aber trotzdem zu den Protestmärschen geht.Und auch Marcela Morera, die Mutter der 2015 ermordeten Julieta. Die in psychologischer Behandlung ist und mehrmals in der Woche ins Frauenhaus fährt: "Damit es nicht noch mehr Julys gibt."

Auf einem Plakat mit dem Foto ihrer Tochter, das Marcela Morera immer bei sich trägt, steht das Motto der Proteste: "Nicht eine weniger." 

Videoempfehlung:

Gewalt gegen Frauen: Die Geschichte eines Opfers

BRIGITTE 13/2017

Wer hier schreibt:

Karen Naundorf
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