Attac und die Finanzkrise: "Und dann kommt die Wut"

Die Chancen für eine Neuordnung der Finanzmärkte stehen gut. Doch Attac bleibt relativ still. Warum nur?

Die Entmachtung der Finanzmärkte war eine der Gründungsforderungen von Attac. Jetzt sind die Finanzmärkte kollabiert, und es gibt eine echte Chance für eine Neuordung. Doch Attac bleibt relativ still. Stefanie Hellge fragte Kerstin Sack, Mitglied im bundesweiten Koordinierungskreis, wie Attac die Krise nutzen will.

BRIGITTE.de: Müsste Attac nicht in Hochstimmung sein angesichts der weltweiten Finanzkrise?

Kerstin Sack: Wir sind keine Zyniker. Eine Krise dieses Ausmaßes, unter der weltweit viele Menschen zu leiden haben, ist kein Anlass zur Freude. Doch ist es schon interessant zu erleben, wie jetzt auf einmal Politiker, die bis vor wenigen Wochen noch die Liberalisierung der Finanzmärkte betrieben haben, reden, als seien sie über Nacht Attac beigetreten. Attac tritt seit zehn Jahren für die Regulierung und die demokratische Kontrolle der Finanzmärkte ein - dafür sind wir vom neoliberalen Mainstream immer verhöhnt worden.

BRIGITTE.de: Man hat den Eindruck, Attac reagiere sehr langsam auf die Krise, vor der sie jahrelang gewarnt hatte. Warum hält Attac sich noch zurück?

Kerstin Sack: Ich finde nicht, dass wir uns zurückhalten. Der Schwerpunkt unserer Aktivitäten liegt doch auf der Finanzkrise. Wir haben in den vergangenen Wochen mehrere recht spektakuläre Aktionen gemacht - zum Beispiel die Protestaktion an der Frankfurter Börse in der vergangenen Woche. Darüber hinaus arbeiten wir an einer breiten gesellschaftlichen Mobilisierung. Aber das können wir nicht allein. Dafür brauchen wir Bündnispartner wie die Gewerkschaften, die Umweltverbände und kirchliche Organisationen, die wir mit ins Boot holen wollen. Da sind wir dran. Erste Gespräche laufen.

BRIGITTE.de: Was heißt das denn konkret? Wie könnte eine breite gesellschaftliche Mobilisierung aussehen?

Kerstin Sack: Im Moment ist das Geschehen an den Aktienmärkten doch für viele Menschen noch sehr abstrakt. Wer nicht Zertifikate von Lehmann Brothers gekauft hatte oder bei einem Autozulieferer arbeitet, merkt in seinem eigenen Leben noch nicht viel. Aber spätestens wenn die Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren oder davor Angst haben müssen, oder wenn das Geld, das der Staat zur Rettung der Banken ausgibt, auf einmal fehlt für Schulen, Unis, Kitas und bei der Gesundheitsversorgung, wird die Wut kommen. Davon bin ich überzeugt. Attac will Gewerkschaften, Erwerbsloseninitiativen, kirchliche und linke Gruppen und Umweltverbände gemeinsam zu Demonstrationen für eine Umverteilung des Geldes von oben nach unten aufrufen. Dass das geht, haben ja die Hartz-IV-Demos 2004 gezeigt.

BRIGITTE.de: Das heißt, Attac sieht seine Aufgabe eher im gesellschaftlichen Protest als in der Erarbeitung neuer globaler Strukturen?

Kerstin Sack: Attac versteht sich als Teil der weltweiten sozialen Bewegungen. Grob zusammengefasst wollen wir eine Welt, in der die Wirtschaft den Menschen dient und nicht umgekehrt. Aber um Alternativen umsetzen zu können, müssen wir gemeinsam mit anderen Mitstreitern Druck machen - auf Regierungen und auf Konzerne.

BRIGITTE.de: Gibt es denn bei Attac so etwas wie den großen "Masterplan", wie jetzt auf die Weltwirtschaftskrise reagiert werden müsste?

Kerstin Sack: Einen Masterplan im Sinne eines fix und fertigen Planes, wie die künftige Weltordnung aussehen soll, haben wir nicht. Aber es gibt natürlich ganz konkrete Dinge, die jetzt umgesetzt werden müssten. Wir fordern die sofortige Besteuerung aller Finanztransaktionen auf europäischer Ebene, um die Spekulation zu reduzieren. Wir fordern einen Finanzmarkt-TÜV, der neue Finanzinstrumente standardisiert und prüft, bevor sie gehandelt werden dürfen. Hedge-Fonds, Zweckgesellschaften und andere unregulierte Finanzakteure gehören verboten und die Steueroasen geschlossen. Den Banken müssen demokratische Kontrollmechanismen aufgezwungen und das öffentliche und genossenschaftliche Bankensystem muss gestärkt werden. Und: Die Kosten der Krise müssen selbstverständlich sozial gerecht finanziert werden. Zahlen sollen die diejenigen, die in den vergangenen 30 Jahren von den deregulierten Finanzmärkten profitiert haben. Deshalb fordern wir eine Sonderabgabe auf große Vermögen.

BRIGITTE.de: So ähnlich formuliert es auch die Linkspartei. Wie unterscheidet sich Ihre Position davon?

Kerstin Sack: Die Linkspartei hat unsere Positionen zur Finanzkrise tatsächlich weitgehend übernommen. Das war am Anfang der Krise noch nicht so, da waren die Forderungen der Linkspartei deutlich schwächer. Dass sie unsere Argumente jetzt ins Parlament trägt, finden wir gut. Auf anderen Feldern gibt es aber klare Unterschiede zwischen uns und der Linkspartei. Wir haben ein viel klareres Profil, wenn es beispielsweise um globale Ungleichheit und einen weltweit sozial gerechten Klimaschutz geht. Im Zweifel ist die Linkspartei - wie jede andere Partei auch - halt auf die Wähler in Deutschland angewiesen. Als außerparlamentarische Bewegung sind wir da viel freier und können zum Beispiel auch höhere Steuern für mehr Entwicklungshilfe fordern, ohne Wähler zu vergrätzen.

BRIGITTE.de: Welche Chance sehen Sie denn, dass sich vor dem Hintergrund der Krise tatsächlich auch etwas ändert?

Kerstin Sack: Jetzt haben wir die historische Chance, den Finanzmarktkapitalismus zu Grabe zu tragen. Aber dieser Umbruch kommt nicht von allein. Denn auch wenn Politiker und Manager jetzt Kreide gefressen haben und viel von Regulierung reden: Das derzeitige Krisenmanagement der Bundesregierung zielt vor allem darauf ab, die Finanzmärkte wieder fit zu machen für die nächste Runde im globalen Finanzcasino. Damit das nicht passiert, brauchen wir den Druck von unten, die breite gesellschaftliche Mobilisierung von der wir vorhin sprachen.

BRIGITTE.de: Und auf internationaler Ebene?

Kerstin Sack: Nehmen wir das Beispiel Lateinamerika, von dem wir sehr viel lernen könnten: Dort gab es Anfang des neuen Jahrtausends mehrere Finanzkrisen, die teilweise zu einem völligen Zusammenbruch der Wirtschaft geführt haben. Daraus sind sehr starke soziale Bewegungen entstanden. In Brasilien gibt es beispielsweise einen Staatssekretär für solidarische Ökonomie. Er hat die Aufgabe, Projekte, Genossenschaften oder andere Formen von Gemeinschaftsunternehmen zu fördern - sowohl finanziell als auch durch Ausbildung. Mittlerweile gibt es ein ganzes lateinamerikanisches Netzwerk von Unternehmen und Fabriken, die von der Belegschaft übernommen und geführt werden. Einige lateinamerikanische Länder wickeln zudem ihre Geschäfte nicht mehr in US-Dollar ab, sondern als Tauschhandel. Das erste Projekt dieser Art gab es zwischen Kuba und Venezuela. Kuba brauchte Erdöl, Venezuela brauchte Ärzte und Lehrer für ihre Sozialprojekte. Für diese Art von Geschäften gibt es mittlerweile ein eigenes Wirtschaftsinstitut, die Bank des Südens. So schaffen sich diese Länder eigene Strukturen, mit denen sie nicht mehr abhängig sind vom Internationalen Währungsfonds. Dieses Modell könnte durchaus auch weltweit Denkanstöße liefern.

Interview: Stefanie Hellge Foto: dpa
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