Auswandern nach Patagonien: Lillys bedrohtes Paradies

Dies ist die Geschichte eines großen Abenteuers: von Lilly Schindele aus dem Allgäu und ihrer Farm in Patagonien. Vielleicht geht Lillys Paradies bald verloren. Ihre Geschichte geht dennoch gut aus.

Zuerst kamen die Hubschrauber. Wie Fliegen kreisten sie über dem riesigen Land, aber so laut, dass die Pferde unruhig wurden. Manchmal flogen sie Tag für Tag, und Lilly, die keinen Lärm mehr kennt, seit sie in ihrem Tal lebt, durch das grün und wild der Rio Baker fließt, Lilly machte der Krach verrückt. "Ganz verrückt", sagt sie und schaut dabei aus klaren, großen Augen, noch immer fassungslos, dass man sie hier aufgestöbert hat, aufgescheucht: tief im Süden Chiles, kurz vor dem Südpol, auf ihrer Farm, dem Campo. "El Paradiso" steht auf ihrem T-Shirt, das mal grün war und nun ausgeblichen ist vom Rubbeln auf dem Waschbrett.

Das Campo wird wohl bald auf dem Grund eines riesigen Stausees liegen. Die Hubschrauber waren die Vorboten, vor zwei Jahren, die spanisch-chilenische Stromgesellschaft Endesa hatte sie geschickt. Sie spähten das Land aus, Lillys Land. Sammelten Daten über die Region, fotografierten den Lauf des Baker. Zählten die Wildtiere, Andenhirsche und Guanaco-Lamas, und die Menschen in den Tälern. 200 Familien höchstens, die meisten Farmer, Landarbeiter. Leute ohne Lobby. Machtlos gegen Strom-Dollar. Käuflich wahrscheinlich.

Die Hubschrauber schlichen sich in Lillys Träume, sie träumte, sie würde sich mit den Männern von der Endesa prügeln, und morgens fragte sie Rosendo, ihren Mann, ob sie ihn im Schlaf geschlagen habe, aus Versehen, so echt kam ihr ihre Wut vor. Die Hubschrauber flogen ihre Bahnen und knatterten ihre Botschaft ins Tal: Wir sehen euch. Wir wollen euer Land. Wir kriegen es. Zerstörung, von Menschen gemacht; und Liebe, zu einem Mann im Apfelbaum. Lillys Geschichte handelt davon.

Sie ging nach Patagonien, weil sie nicht wusste, wo ihr Platz wäre in einer Familie, in der sich alle einig waren: Die drei älteren Brüder stiegen ins Baugeschäft der Eltern ein und mit dem Vater auf die höchsten Gipfel der Welt, Nepal, Ecuador, Cerro Torre und Fitz Roy, Extrem-Abenteurer alle vier, manchmal warteten sie monatelang im Basislager auf besseres Wetter, und die Familie in Kaufbeuren hörte nichts von ihnen, weil kein Funkgerät ging. Normal war das. Und normal auch, dass man sich was zutraute, sich keine Sorgen machte, sondern Mut. Aber Lilly, das kleine Mädchen, blieb meistens zu Hause. Mit zwölf, 13 las sie das Buch einer Engländerin, die allein durch Chile geritten war. Sie weiß nicht mehr, wie die Autorin hieß, aber genau, was sie erlebte, allein mit ihrem Pferd, in den Bergen. Und dass sie es wunderschön fand.

Zerstörung, von Menschen gemacht. Und die Liebe zu einem Mann im Apfelbaum. Das ist Lillys Geschichte

Zum nächsten Ort sind es 50 Kilometer auf Schotterstraßen: Rosendo und Lilly mit ihren Kindern Bernardo und Lorena.

Lilly lernte Bauzeichnerin, mit 19 war sie fertig und ohne Ambitionen. Sie liebte die Familie und zog sich doch von ihr zurück. Aber sie war auch daraufgängerisch wie die Brüder, und sie liebte wie sie lange, einsame Touren. Mit 22 reiste sie allein nach Chile, per Anhalter, ohne Plan. Danach wusste sie, dass das ihr Ziel, das ganze Abenteuer wäre: wiederzukommen, vom Pferd aus auf die Welt zu schauen, "weil man nur so", sagt sie, "wirklich sieht, was zwischen zwei Orten liegt". Zwei Jahre später kündigte sie ihren Job bei einem Solarheizungsbauer, flog wieder nach Chile, nach Aysén, wo sie jetzt lebt, 2000 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago, die wildeste, abgeschiedenste Region des Landes, weil es dort mit dem Pferd am aufregendsten ist. Ohne Straßen, kaum Menschen, nur die fruchtbaren Täler zwischen dem nördlichen und dem südlichen Inlandeis, Urwald, Sümpfe, Wasserfälle und kräftige grüne Flüsse. Den Eltern sagte sie: Es ist für zwei Monate oder zwei Jahre.

Sie sagten: Die Lilly, die packt das.

Sie kaufte zwei Pferde, Luna, die braune Stute, hat sie heute noch, ritt vier Monate allein in dem leeren Land, dann waren die Hufe der Pferde aufgeweicht. "Sie bluteten bei jedem Stoß", sagt Lilly, steht an ihrem Küchentisch, schneidet nun getrocknetes Schaffleisch klein für die Suppe. Es war kalt, spät im Jahr, sie musste überwintern.

Am Lago Cochrane am Fuße des Monte San Lorenzo, tiefblau und voller Fische, traf sie eine Schweizer Aussteigerin, die Vreni. Lilly stellte bei ihr die Pferde unter und arbeitete dafür. Einmal rissen die Ochsen aus und liefen zum Nachbarn, und Lilly lief ihnen nach, da sah sie einen jungen Mann im Apfelbaum sitzen. "Ich dachte", sagt Lilly, "was für schöne weiße Zähne er hat." Er strahlte sie an, ein bisschen spitzbübisch, Rosendo mit den hohen Wangenknochen, er war Arbeiter bei Vrenis Nachbarn, und sie fragte ihn, ob er Hilfe brauche bei der Apfelernte.

"Sie hat dann immer die Pferde zu mir hinübergetrieben", sagt Rosendo, 35, der nun hereinkommt, einen Kessel Wasser auf den Herd stellt, Mate-Pulver in einen Becher kippt und sich auf seine Bank hinterm Ofen setzt, auf das warme Schaffell. Lilly lacht und sagt: "Du hast die Pferde doch angelockt." Nun lacht auch Rosendo, der nie ein Wort Deutsch spricht, aber jedes versteht. Sie strahlen sich an, kurz, wie zwei, die noch mögen, woran sie denken.

Ausflug zu den mächtigen Felsen des Salton: Hier wird der Baker nach den Plänen des Stromkonzerns gestaut

Manchmal reiten sie aus, zum Spaß, satteln die Pferde, Rosendo kratzt den Schmutz aus den Hufen, die Zigarette schräg im Mund, das Bein des Pferdes zwischen die Knie geklemmt. Er schaut, was Lilly macht, die Pferde, das ist sein Bereich, und er mag nicht, will nicht, dass da jemand mitbestimmt. Seine Großeltern waren Pioniere in Westpatagonien, seine Eltern verkauften das Campo, zogen nach Cochrane, keines seiner sieben Geschwister ging zurück aufs Land, aber er tat es für einen Hungerlohn, er wollte frei sein. Zwei Pferde besaß er, und es war die Art, wie er mit ihnen umging, als Lilly ihn traf, dass sie dachte: Mit diesem Mann kann mir nichts passieren. Als Bernardo auf die Welt kam und die Wehen drei Tage dauerten und Rosendo bei ihr blieb, die Hand auf ihrem Knie, und nicht einmal rauchen ging, da wusste sie, dass es richtig war. Dass Rosendo, der manchmal so unnahbar ist in seinem Stolz und hart zum Vieh, es schlachtet ohne jedes Zögern, voller Mitgefühl ist.

Rosendo wirft die Satteltaschen über, die Lilly gewebt hat, hilft Bernardo in den Sattel und hebt Lorena zu sich aufs Pferd. Sie reiten das Campo ab und dann weiter zum Salton, wo sich der Rio Baker in wilden Strudeln gegen die Felsen wirft. "Am Salton ist die mächtigste Stelle des Baker", sagt Rosendo, "da soll das Wasser gestaut werden."

Lilly sagt, dass nach den Wut-Träumen die zweite Phase begann, "der Galgenhumor. Wir haben bei allem, was wir besitzen, überlegt, ob es wohl schwimmt".

Neulich ist sie in Cochrane ins Info-Büro der Endesa gegangen, ein Neubau mit Teppichboden, Laptops, Halogenlicht. Sie sah das Modell der Stauseen unter Glas und die Staupunkte durchnummeriert, Baker 1 und Baker 2, und dann noch drei Stauungen weiter südlich am Rio Pascua. Lilly stand davor, Lorena auf dem Arm, die am Daumen saugte, sah auf das Land nach der Flut, Baker 2, das Campo, das nur noch ein blauer Fleck war, Baubeginn 2009, Fertigstellung 2017, Genehmigung der Regierung vorausgesetzt. Die Angestellte im Info-Büro sprach sanft und verständnisvoll, spulte die Argumente ab: dass Chile abhängig ist von argentinischem Erdgas, das teuer ist und zur Neige geht. Dass Wasserkraft billiger ist und die 2500 Megawatt, die die Kraftwerke erzeugen sollen, dringend benötigt werden.

Sie sagte nicht, was Lilly von den Umweltgruppen hörte: dass der Strom vor allem für die Minen im Norden gedacht ist, dass die Patagonier selbst nichts davon haben. Dass die Staudämme auch Nationalparks zerstören. Dass eine 2000 Kilometer lange Ferntrasse ihr Land verschandeln wird.

Lilly wollte so viel fragen, aber dann blieb es ihr im Hals stecken, und sie trug Lorena schnell hinaus. Und hinterher dachte sie: Bevor das Wasser kommt, kaufen wir eine Videokamera und filmen noch einmal alles.

Lilly bei den Pferden.

Ein Regenbogen spiegelt sich in den Schneespitzen der Berge; dahinter beginnt das Inlandeis, riesige Eisfelder, die sich im Westen zum Pazifik und seinen Fjorden ausdehnen. An den Hängen wächst Regenwald, immergrün, das Unterholz mit gelbem Farn bewachsen, dazwischen Nalca-Pflanzen, die aussehen wie riesiger Rhabarber. Sie reiten am Fluss entlang, Bernardo vorneweg, das Tal liegt kaum über dem Meeresspiegel. Früher war hier alles Wald, in den 40er Jahren brannten Siedler die Bäume nieder, weil sie Weideland brauchten, manche Südbuchen waren tausend Jahre alt und ihr Holz so hart, dass die Stämme, ausgebrannt und verkohlt, nicht vergehen konnten, nicht verrotteten, sondern aufrecht stehen, seit 60 Jahren und länger. Eine dunkle, surreale Landschaft ist das, ein schwarzer Stachel im Fleisch der Ausbeuter. Sie sagen: Seht her. Wir sind mächtiger, das ist unsere Natur. Und wenn wir auf den Grund eines riesigen Stausees sinken, werden wir uns immer noch erheben.

Lilly sagt, sie sei jetzt in Phase drei: "Protest. Der Staudamm kommt nicht, wenn wir zeigen, dass wir dagegen sind." Rosendo schweigt dazu.

Sie machen ein Picknick auf einer Klippe über dem tosenden Wasser, Lilly schält Äpfel, Bernardo und Lorena turnen auf den Steinen. Dann liegen sie in der Sonne, mit dem Rücken an einen großen Stein gelehnt, ihr Stein, früher, noch zu zweit, kamen sie oft hierher. Lilly schaut den Kindern zu, sie hat Lachfältchen um die Augen, die das Wetter eingegraben hat.

An ihrem 25. Geburtstag wusste sie auf einmal, dass sie bleiben wird. Nicht als Endpunkt einer Selbstsuche, schon gar nicht nach Abwägung aller Pros und Contras. Sie ist einfach ans Wasser geritten, an die schönste Stelle des Lago Cochrane, hat geangelt und einen Fisch gefangen, den sie sich dann über dem Feuer gebraten hat. "Alles hat gestimmt", sagt sie. "Dieser Moment, das war so ein Gefühl, ganz wahrhaftig."

Rosendo traf sie beim Schafescheren wieder, ein Fest gab es danach, "alle Burschen machten mir den Hof, aber der Rosendo hat mich nicht beachtet". Sie lud ihn zum Fischen ein, aber er reagierte nicht, viel zu stolz, beim nächsten Treffen gab sie ihm einen kleinen, selbst geschnitzten Fisch. Und da hat er gelacht und seine schönen Zähne gezeigt und gesagt: Nächsten Sonntag.

Und dann haben sie sich abends mit der Taschenlampe am Ufer des Sees zugeblinkt, wenn sie sich treffen wollten, und später in einem Schafstall gehaust, und Lillys Eltern kamen und wollten sie mitnehmen, zwei Mal, aber Lilly sagte: Nein. Da gaben die Eltern Geld für ein Campo, sie ritten los und suchten das schönste und fanden es, wo Rio Nadis und Rio Baker zusammenfließen. Nur eine Hütte stand darauf, der Garten ganz verwildert, dass über dem hohen Gras Mückenschwärme wie schwarzer Dunst hingen. Eine Straße zum Campo gab es nicht. Kurz gewundert haben sie sich, als sie den Vertrag unterschrieben, dass sie mit dem Land nicht auch die Wasserrechte kaufen konnten, um den Baker zu nutzen, als Trinkwasser und zum Fischen. Das Wasser, hieß es, gehöre einem Stromkonzern. "Dabei", sagt Lilly, den Rücken am warmen Stein, "sollte es doch niemandem außer den Menschen vom Fluss gehören."

Tochter Lorena mit ihrem "Kälbli", das im Garten weiden darf.

Mit einem Ochsenkarren schafften sie ihre Möbel vom Schafstall auf ihr Campo, alles passte auf ein Fuder. Die neuen Nachbarn, weit hinter den nächsten Bergen, schenkten je zwei Hühner, Rosendo brachte 25 Schafe mit, Lohn für drei Jahre als Landarbeiter. "Von da an haben wir aufgebaut", sagt Lilly, "alles hat gepasst. Ich wollte in Chile leben, genauso, wie es mit Rosendo möglich ist."

Das Land eingezäunt, einen Brunnen gemauert, das Haus erweitert, mit großer Fensterfront, Möbel gebaut, eine Spüle, einen großen Herd gekauft und Vieh. Ein Campinghaus gebaut, für Gäste, Reisende, zum Vermieten, ein Gewächshaus mit Salat, die Saat hat sie aus Deutschland eingeschmuggelt. Sogar eine Solarzelle gibt es, dass abends die Energiesparlampe in der Wohnküche glimmt und morgens, wenn Rosendo sich nach dem Füttern den ersten Mate aufgießt, das Radio läuft, sofern es Empfang gibt.

Manchmal hört er dann die Werbespots der Endesa, in denen Leute aus der Gegend erklären, wie sehr sie auf neue Arbeitsplätze durch die Staudämme hoffen. Die Umweltschützer halten dagegen, lassen Mapuche-Indianer erzählen, wie sie in den 90er Jahren auf ihrem Stammland am Bio-Bio-Fluss, ein paar hundert Kilometer weiter nördlich, von der Endesa betrogen wurden. "Sie brachten uns Geschenke, sie fuhren uns herum", sagt eine Frauenstimme. "Dann haben wir etwas unterschrieben, ohne es überhaupt lesen zu können." Sie erzählt, wie sie ihre Heimat verlor, das Land ihrer Familie.

"Viele werden ihr Land verkaufen", sagt Lilly später, wieder in ihrer Küche, sie spült kleine Schnecken aus dem Salat, hält ihn unter einen Hahn mit kaltem Wasser, das direkt aus dem Baker kommt, die Wasserleitungen haben sie erst im vergangenen Jahr gelegt, den Wasserrechten zum Trotz. "Die Leute verkaufen, weil sie arm sind. Das Thema spaltet jetzt schon die Nachbarschaft." Nachbarn haben das Geld für Bohrlöcher angenommen, sie haben einen Kühlschrank davon gekauft. Aber ist nicht von Probebohrungen zu profitieren schon eine Kapitulation?

Auch auf Lillys Küchentisch liegt ein Vertrag, Spielsachen darüber, Wasser ist daraufgelaufen, die Ränder biegen sich. Auch bei ihr waren die Stromleute. Sie müssen sich bald entscheiden.

Sie kamen mit weißen Jeeps, "Hubschrauber- Autos" nennt Bernardo sie. Sie saßen um den Ofen, über ihren Köpfen eine Leine mit Kinderwäsche, zwei blasse Männer, nur einer redete, Daniel Wulf González, "Koordinator Grundbesitz" stand auf seiner Karte, darüber das Logo der Hidro Aysén, regionaler Ableger der Endesa. Draußen wälzten sich die Hunde auf der Wiese, Lilly stand an die Spüle gelehnt, González redete leise auf Rosendo ein, der die Arme verschränkt hielt und González nicht ansah. "Die Regierung hat die Probegrabungen auf eurem Land schon genehmigt", sagte er. "Aber wir wollen das nicht gegen euren Willen machen, wir bieten euch eine Entschädigung, 500000 Pesos pro Loch." Vier Löcher, zwei Meter Durchmesser, fünf Meter tief. 2640 Euro. Viel Geld.

Die Wohnküche ist das Zentrum ihres Hauses - und die Bank hinterm Ofen Rosendos Lieblingsplatz.

Er schwenkte den Vertrag, vier Seiten, Datum heute, "unterschreibt am besten gleich". Lilly fragte: "Was, wenn wir nicht gehen?" Er zuckte die Schultern: "Jeder hat das Recht, dagegen zu sein. Aber wenn wir die Baugenehmigung haben, steht euer Recht gegen unseres. Und wir haben die Wasserrechte. Verkauft ihr nicht, kommen die Buenos Hombres, der Rat der Guten Männer, und sie schätzen, was euer Land wert ist. Glaubt mir, es ist nur ein Bruchteil von dem, was wir euch jetzt zahlen." Dann reichte er Rosendo den Vertrag, der schaute zu Lilly, sagte dann: "Wir überlegen es uns." 2640 Euro ist in etwa das, was die Herde im Jahr abwirft. Noch liegt der Vertrag auf dem Tisch, unter Lorenas Malsachen.

Einmal hat Rosendo ein Flugblatt der Umweltschützer bekommen, da stand: Leute, hört auf, Mate zu trinken, und steht auf! Tut was! Rosendo sagt: "Ich tue was, ich arbeite hart." Das Flugblatt hat ihn beleidigt, er fand es bevormundend. Er sagt: "Ich will das Campo behalten, wegen all der Arbeit, die wir hineingesteckt haben. Aber wenn der Staudamm kommt, müssen wir gut verhandeln und viel für uns rausholen. Wir dürfen nicht warten bis zur Zwangsentschädigung."

Am nächsten Tag stehen an einer Fähre über den Rio Baker, kurz hinter Cochrane, 30 Reiter und warten darauf überzusetzen. Sie haben Fahnen dabei, "Patagonia sin represes" steht darauf, Patagonien ohne Stauseen. Bauern, Gauchos, Mapuche, Studenten, manche in Ponchos, Leute aus Cochrane, Umweltaktivisten. Kaum jemand redet, sie haben fast 400 Kilometer vor sich, in neun Tagen wollen sie in Coyhaique sein, der Hauptstadt Ayséns, fast 200 Reiter dann, eine mächtige Cabalgata gegen die Umweltzerstörung.

Lilly kommen die Tränen, als sie die Menschen sieht, stolz auf ihren Pferden und selbstverständlich in ihrem Protest. Sie ist unterwegs nach Cochrane in ihrem alten Pick-up, ein paar Hunde laufen bellend mit ihrem Wagen. Sie wollte mitreiten, aber es ging nicht, der Kinder wegen. Und Rosendo war ohnehin dagegen.

Ab dem Sommer, wenn Bernardo in die Schule kommt, muss Lilly unter der Woche mit den Kindern in Cochrane wohnen, alle Mütter aus den Tälern machen das so. Der Ort hat 3000 Einwohner, Lilly sagt: "Er wird sich verändern, wenn 4000 Arbeiter hierher ziehen.Das macht mir Angst:Reicht das Krankenhaus aus, die Polizei, wer passt auf uns auf, was, wenn all diese Männer freihaben?" Angst ist neu in Lillys Leben. Wie die Tränen.

Sie hat überlegt, dass sie dann eine Freundin braucht, sie will nicht den Tag vertratschen und Telenovelas schauen. Ein paarmal hat sie sich mit einer Bekannten getroffen, aber dann traf sie sie auf der Straße wieder, verändert, zurechtgemacht, auf dem Weg zu ihrem neuen Job. Sekretärin im Info-Büro der Endesa. "In der Höhle des Löwen", sagt Lilly. Es kam ihr vor wie ein kleiner Verrat. Noch einmal fährt sie zu den Reitern, abends, zu ihrem Camp auf einer Wiese am Fluss. Die Pferde weiden, dampfend von der Anstregung, die Leute sitzen in Gruppen zusammen, trinken Mate.

Ein alter Mann liegt im Gras, José Olivares Cadagan, er ist 89, und er spricht zornig, mit überschlagender Stimme. Dass jemand da oben diesen Planeten gemacht habe und dass man ihn beschützen sollte. Seit 70 Jahren lebe er am Baker, sagt Don José, "ich habe hier alles erlebt. Ich bin ein guter Chilene. Ich werde kämpfen". Seine Frau ist außer sich, "sie glaubt, dass ich den Ritt nicht überlebe. Aber was bleibt? Meine Eltern sind an diesem Fluss begraben".

Der Fluss wird übers Ufer treten, das Tal fluten, Ställe und Haus werden verschwinden.

Wenn das Wasser kommt, wird es schnell gehen. Erst hebt sich der Rio Baker über das flache Ufer, dann flutet er das Tal. Das Grün wird verschwinden, das Weideland, dann die Holzzäune. Der Hühnerstall und die Wippe für die Kinder, der Hortensienbusch, unter dem die Hunde gern lagen, das Gewächshaus, dann die Pferdeställe, das Haus selbst: erst die Veranda, dann wird er hineinlaufen, über den Holzboden lecken, sich im Ofen mit dem Rest der Asche mischen, ein kalter, schwarzer Brei, irgendwann das Dach abheben, die Berghänge hinaufsteigen. Lillys und Rosendos Stein am Salton überfluten. Und alle Erinnerungen liegen bedeckt von blauem Wasser, stillem Wasser, glatt, spiegelnd. Vielleicht kann man bis auf den Grund sehen.

Manchmal denkt Lilly: Wie viele Leute haben das schon - die Chance, noch einmal ganz neu anzufangen?

BRIGITTE 08/08 Text: Meike Dinklage Fotos: Jörg Modrow
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