VG-Wort Pixel

Orola aus Bangladesch: "Meine Mutter und ich haben denselben Mann"



Für uns unvorstellbar: Mutter und Tochter teilen sich einen Mann. Doch bei den Mandi in Bangladesch hat die Ehe zu dritt Tradition.
Orola Dalbot und ihre Mutter in Bangladesch
Orola (links) mit ihrem Mann Noten und ihrer Mutter Mittamoni, die ebenfalls mit Noten verheiratet ist
© Eric Rechsteiner

Mit drei Jahren wurde Orola verheiratet

Als Kind, das im ländlichen Norden Bangladesch aufwuchs, mochte Orola Dalbot (34) ihren Stiefvater Noten gern. Er sah gut aus und hatte ein nettes Lächeln. „Ich hoffte, ich würde später einen Mann wie ihn finden“, sagte Orola der Journalistin Abigail Haworth. Ihr leiblicher Vater war gestorben, als sie sehr klein war.

Als Orola in die Pubertät kam, erfuhr sie die schockierende Wahrheit: Sie war längst mit Noten verheiratet. In einer gemeinsamen Zeremonie mit ihrer Mutter war sie im Alter von drei Jahren in den Stand der Ehe eingetreten. Einer alten Tradition des Mandi-Volkes folgend, hatte sie denselben Mann geheiratet wie die Frau, die sie einst geboren hatte.

"Ich wollte weglaufen, als ich davon erfuhr", sagte Orola. „Ich konnte es einfach nicht glauben“. Doch ihre Mutter Mittamoni (55) erklärte ihr, dass sie ihr Schicksal akzeptieren müsse.

Die Tochter war Teil des Deals

Bei den Mandi dürfen Witwen nur einen Mann aus dem Clan ihres verstorbenen Partners heiraten. Doch die alleinstehenden Männer sind dann oft viel jünger als die Witwen, normalerweise heiraten die Männer mit 18 Jahren. So hat sich der Brauch entwickelt, dass die meist ältere Witwe eine Tochter mit in den Deal wirft.

Orolas Mutter war 25, als ihr Mann starb. Der Clan ihres verstorbenen Mannes bot ihr schließlich den 17-jährigen Noten als neuen Partner an - unter der Bedingung, dass der junge Bräutigam Orola dazu bekommt.

Eigentlich dürfen sich die Mädchen einen Mann aussuchen

Wie die meisten Mandi-Mädchen hatte sich Orola darauf gefreut, einen eigenen Mann zu finden. Bei den Mandi fädeln Frauen die Beziehungen ein und halten um die Hand der Männer an. Da es bei dem matrilinear organisierten Volk üblich ist, dass Frauen sich einen Mann aussuchen, empfand Orola ihr Schicksal als doppelt ungerecht.

Mutter und Tochter wurden Rivalinnen

Als Noten begann, mit der 15-jährigen Orola zu schlafen, wurde die Mutter eifersüchtig, da ihr Mann ihr die Tochter schnell vorzog. Orola erzählt, dass ihre Mutter ihr einmal sogar giftige Kräuter ins Essen gemischt habe, damit sie sich übergeben muss. Die Mutter nutzte die Gelegenheit, um die Nacht mit Noten zu verbringen.

Mutter und Tochter waren zu Rivalinnen geworden. Orola konnte ihre Mutter nicht mehr um Rat fragen, sie fühlte sich betrogen und verlassen. Das Mädchen begann, zu rebellieren, unternahm Trips in die Stadt, ging ins Kino und kaufte sich Goldschmuck vom Geld der Familie. "Ich wusste, dass ich nie einen Mann haben würde, der mir Geschenke machen würde, also kaufte ich mir selbst welche“.

Orola entfremdete sich auch zunehmend von ihren Freundinnen, die anfingen, sich über ihre Männersuche auszutauschen. Orola konnte nicht mitreden, wurde immer einsamer und dachte sogar an Selbstmord.

Die Mutter hat keine Schuldgefühle

Doch Mutter Mittamoni verteidigt ihre Entscheidung: "Die Hochzeit war notwendig“, sagte sie. „Ich wäre nach dem Tod meines Mannes nicht allein klargekommen." Noten sei damals der einzige verfügbare Mann gewesen. Da er damals erst 17 Jahre alt gewesen war, habe sie keine andere Wahl gehabt, als ihre Tochter mit zu verheiraten.


Mehr zum Thema