Barack Obama: "Endlich ein richtiger Mensch"

Die ganze Welt sah hin, als der neue US-Präsident seinen Amtseid schwor. Auch die BRIGITTE-Redakteure verfolgten das Spektakel am Fernseher oder im Radio - und erzählen hier, wie sie die Rede erlebt haben.

Obama, der Therapeut

Ich kann Kitsch nicht ausstehen. Mag keine Herzchen am Valentinstag und kollektive Tränen der Rührung sind mir suspekt. Von Barack Hussein Obama erwarte ich eine perfekte Inszenierung von Emotionen und eine eindrucksvolle Rede. Mich interessiert die Rede.

Und dann das. Ich kann mich nicht entziehen. Ich glaube ihm, glaube ihm gefühlsmäßig. Höre gebannt zu, als Obama von Krisen und kollektivem Versagen und von Ängsten und notwendigen Opfern spricht. Offen und ernst wirkt dieser Präsident Nummer 44, in manchen Momenten klingt er fast wie ein Therapeut. Und als er sagt, dass alle Menschen gleich und frei sind und ich die Ergriffenheit in den Gesichtern seiner Zuhörer und Zuhörerinnen sehe, und als er von seinem Vater spricht, der vor weniger als 60 Jahren noch nicht einmal in einem Restaurant bedient worden wäre, da... Ähem, ich glaube, ich habe da was im Auge.

Claudia Kirsch, Ressortleiterin Politik, Gesellschaft, Beruf

"Die Obamas sind keine guten Tänzer"

Das Schönste an Obamas Amtseinführung war die sichtbare Tatsache, dass nun endlich ein richtiger Mensch im Weißen Haus wohnt. Ein Mensch, der beim Eid ins Stocken kommt, dessen Tochter mit der Digitalkamera Fotos von Papis großem Tag macht, und dessen Frau kichert, wenn sie mit ihm einen Ball eröffnet. Die Obamas sind keine guten Tänzer, und während Michelle Obama sich durch den Tanz grinste und Barack sie spielerisch Pirouetten drehen ließ, wurde klar: Hier sind zwei Menschen, die über sich lachen können und sich selbst nicht so furchtbar wichtig nehmen. Und genau dieses Gefühl hatte ich auch nach Obamas Antrittsrede: Endlich ein Amerikaner, der sich nicht wichtiger nimmt als den Rest der Welt. Gestern wäre ich gern Amerikanerin gewesen.

Stefanie Hellge, Redakteurin im Reportage-Ressort

Ärger über "Klatschi"

Ich saß im Auto und habe die Rede im Radio gehört. Ich fand es wahnsinnig toll, dass die einen Kommentator nach Washington geschickt hatten, der vermutlich Klatschkolumnist ist. Meist hat er ja nichts gesagt, außer so klugen Sachen wie (halb geflüstert): "Obama dreht sich jetzt um, um dem Weltklasse-Cellisten hinter sich zuzuhören." Das geht natürlich nicht, das Zuhören, wenn man andersrum steht. Oder: "Obama hat sich gegen die Kälte dick eingepackt. Er trägt einen warmen Wintermantel." Das ist es nämlich, was diesen Präsidenten ausmacht, Weitsicht und konsequent zielgerichtetes Handeln. Dass Obama über die Bedeutung der Freiheit sprach ("Mein Vater wäre vor 60 Jahren im Restaurant nicht bedient worden...") und die Verantwortung, der ein Volk aus Moslems, Hindus, Christen und Buddhisten gemeinsam gerecht werden muss, kommentierte er etwa so: "Obama weist auf die großen Probleme hin, vor denen sein Volk steht." Aber am besten war der Schluss. Klatschi wurde gefragt, welches Fazit er so spontan aus der Antrittsrede ziehen würde? "Da muss ich das Manuskript erst mal lesen." Ja, hab ich gedacht, das solltest du, du Penner. Und lass es dir am besten übersetzen von eurer Redaktionspraktikantin in Hamburg. Ich wette, der ist auf meine Rundfunkgebühren Business Class geflogen. Heute schon GEZecht?

Jan Gritz, Redakteur im Weekend-Ressort

Perfekt und hypnotisierend

Als Obama bei der Vereidigung ins Stocken gerät, denke ich mit einer Mischung aus Mitleid und Ernüchterung: "Puh, wenn er es nicht mal schafft, die Eidesformel nachzusprechen ... ?" Erst später kapiere ich, dass der Richter sie falsch vorgesagt hat.

Obamas perfekt vorgetragene Antrittsrede hypnotisiert mich dann ähnlich wie seine Rede in der Wahlnacht. Hätte ein anderer seine Sätze gesagt, seine Sätze von Tugend, Hoffnung und Entschlossenheit, hätte ich ihr Pathos wahrscheinlich belächelt. Doch Obama nehme ich ab, was er sagt, und er überzeugt mich auch heute davon, dass er die Idealbesetzung für sein Amt ist. Am meisten freue ich mich für die Afro-Amerikaner - endlich treten sie aus dem Schatten der Weißen. Mit Obama spielen sie die erste Geige der Zukunftsmusik und nicht mehr nur die Triangel im Bush-Orchester.

Susanne Arndt, Chefreporterin BRIGITTE.de

"Kein Obamomat"

Obama, der Hoffnungsträger. Es ist fast schon unheimlich, wie perfekt er in seiner Rede die Erwartungen von Millionen Amerikanern, von Menschen in der ganzen Welt erfüllt hat. Dabei wirkte er nicht abgehoben, war nicht Barack Messias Obama, der Erlöser. Sondern wirkte kämpferisch, das Kinn hochgereckt, in typischer Obama-Manier. Manche patriotischen Sätze klingen für deutsche Ohren eher seltsam, aber sei's drum. Einer der stärksten Sätze seiner Rede? Für mich eindeutig der Appell an die islamistischen Führer, die "Zwietracht säen": "Denkt daran, dass eure Völker euch daran messen, was ihr schafft, und nicht daran, was ihr zerstört." Obama möchte aufbauen. Darin ist er glaubwürdig. Wie gut, dass es beim Amtseid eine minimale rhetorische Panne gab. Obama ist eben kein Obamomat, keine Perfektions-Maschine. Glücklicherweise.

Franziska Wolffheim, BRIGITTE-Autorin

"Toleranz statt christlichem Fundamentalismus"

Es gab einen wirklich aufregenden Moment in dieser Rede - der, in dem Obama mit großer Selbstverständlichkeit dem Selbstbild der Amerikaner etwas Neues hinzufügt; etwas, das nach innen wie nach außen wirken wird und so noch nie von einem Präsidenten ausgesprochen wurde. Es ist die Stelle, in der er sagt: "Wir sind eine Nation von Christen und Muslimen, Juden und Hindus und von Atheisten". Toleranz, nicht christlicher Fundamentalismus als das Prinzip, das die Amerikaner einen soll, als Bürger einer grand old nation mit vielen Wurzeln - das war in einer Amtsantrittsrede ein beherztes Bekenntnis, zumal dann gleich die Ankündigung folgte, einen neuen Weg im Umgang mit der muslimischen Welt zu suchen. Dann kam leider dieses seltsame Gedicht - ein Bauer schaut zum Himmel und betrachtet das Wetter. Egal, gesagt ist gesagt.

Meike Dinklage, Ressortleiterin Reportage

Obama ohne Ton

Was er sagt, dachte ich mir, kann ich auch am nächsten Tag in der Zeitung lesen. Ich wollte die Rede sehen - und drehte den Ton ab. Erstmal: Fellmützen, Ohrwärmer, Handschuhe - überall. Wirklich alle sind dick eingepackt, alle bis auf Obama. Der, im dünnen Zwirn: standfest und trotzdem bewegt, nicht verfroren. 17 Minuten lang steht er da, hinter Glasscheiben bis zur Brust, kneift die Augen zusammen, lächelt kein einziges Mal. Auf seiner Stirn wellen sich drei Falten: Große Aufgaben liegen vor der Nation. Er schaut nach rechts, schaut nach links, seine Gestik gezähmt, mal eine Faust, nie wirklich geballt. Der Daumen bleibt draußen. Friedlich. Und immer wieder reflektiert die Mittagssonne in seinem US-Flaggen-anstecker, direkt über dem Herzen. Der Aufruf, die Nation. Als alles vorbei ist, er sich nach allen Seiten bedankt hat, da lacht er dann doch noch. Kein Politikerlächeln, sondern ein erwärmendes Lachen von Herzen.

Georg Cadeggianini, Redakteur im Ressort Dossier

Alte Werte, junge Fans

Zum Wandel gehören Emotionen. Und Emotionen sprühten gestern bei minus 7 Grad reichlich herüber vom amerikanischen Capitol, hinüber über Millionen Menschen, die sich in Washington versammelt haben und zu den Milliarden Menschen am Fernsehen in aller Welt. Auch zu mir. Ich saß mit meiner 17-jährigen Tochter zusammen, die fasziniert war von der Inszenierung und von den Worten des neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Sie traut ihm zu, Vieles zum Guten zu bewegen (z.B. Klimaschutz), sie glaubt mit ihm an eine bessere Zukunft, in der auch sie bestehen muss. Obama setzt auf die Kraft der "alten Werte" wie Aufrichtigkeit, Fairplay, Toleranz, Neugier, Mut, Loyalität. Bei diesen Worten hat meine Tochter nicht müde gelächelt, sondern begeistert genickt. Wie schön, in dieser Hinsicht mal von einem Politiker Unterstützung zu bekommen!

Anna M. Löfken, Ressortleiterin Reise

Atemnot vorm Fernseher

Ich hab' unwillkürlich die Luft angehalten, als Barack Obama seinen Eid auf die Bibel leistete. Für den Bruchteil einer Sekunde sah es so aus, als würde er sich gleich versprechen. Okay, ausatmen. Dann die Antrittsrede in klirrender Kälte. Was sagt man einer Nation, die vor fast unlösbaren Problemen steht? Verspricht man ihr, ein neuer Präsident könne die Rezession stoppen? Lieber nicht. Aber die Furcht vor den Folgen der Wirtschaftskrise nicht übermächtig werden zu lassen, dieser Ansatz in Obamas Ansprache gefällt mir gut. Bemerkenswert auch, dass er Christen und Muslime, Juden und Hindus sowie Atheisten gemeinsam anspricht."

Lisa Schönemann, Redakteurin im Weekend-Ressort

"Das Beste ist der Blick von Michelle"

Für Politiker und Zeitungskommentatoren ist es ja schon ein historisches Ereignis, wenn sich Frau Merkel und Monsieur Sarkozy unverbindlich die Hände schütteln. Doch im Vergleich zu dem, was da auf meinem Computerbildschirm zu sehen ist, sind solche Treffen allenfalls Fußnoten der Geschichte.

Zum ersten Mal zieht ein schwarzer Präsident ins Weiße Haus. Einer, der der ganzen Welt Hoffnung gibt. Einer kluger Mann, der die Lyrikerin Elizabeth Alexander ein Gedicht zu seinen Amtsantritt vortragen lässt. Mal ehrlich - bei George W. Bush wäre das unvorstellbar gewesen. Manchmal hat man sich sogar gefragt, ob er überhaupt lesen kann.

Das Beste an Obamas Inauguration ist aber weder das Gedicht noch seine Blut-, Schweiß- und Tränen-Rede. Das Beste ist der Blick seiner Ehefrau Michelle, als Barack Obama beim Nachsagen des Amtseides ins Stocken gerät. Sehr stolz steht sie neben ihm, in einem senfgelben Kleid, über das sich die amerikanischen Fashion-Blogger jetzt bestimmt die Finger wund tippen. Und schaut ihn mit so viel Liebe, Zärtlichkeit und Zuversicht an, dass einem ganz warm ums Herz wird. "Yes we can", sagt dieser Blick. Wir schaffen das!

Julia Müller, Online-Redakteurin

Obama-Foto: Getty Images
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