Das Nichts im Blick der Beate Zschäpe

Rückblick auf den ersten Tag des NSU-Prozesses. Gamze Kubasik, die Tochter eines Opfers, war dabei, weil sie verstehen möchte: Was bewegt Beate Zschäpe? Doch sie entdeckte nur eine seltsame Neugier im Gesicht der mutmaßlichen Helferin der Mörder ihres Vaters.

Für die BRIGITTE beim NSU-Prozess vor Ort ist Lena Kampf. Sie berichtet aktuell für BRIGITTE.de und stern.de. Lena Kampf arbeitet im Team Investigative Recherche beim stern. Sie recherchiert vor allem im Bereich Rechtsextremismus und NSU und hat schon über den NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag berichtet.

Sie hat ihn herbeigesehnt, diesen Moment. Ungeduldig hat Gamze Kubasik darauf gewartet, der mutmaßlichen Mörderin ihres Vaters in die Augen zu schauen. Was genau sie entdecken wollte in Beate Zschäpes Blick? Antworten vielleicht. Begreifen, warum ihr Vater sterben musste, 2006 in Dortmund, als Zschäpes Freunde ihn in seinem Kiosk erschossen. Beate Zschäpe ist wegen Mittäterschaft bei der Ermordung von zehn Menschen angeklagt.

Verließ am Ende des Tages wütend den Saal: Gamze Kubasik, deren Vater am 4. April 2006 erschossen wurde

Was Gamze Kubasik dann entdeckt in den Augen, als sich ihre Blicke für einen Bruchteil von Sekunden trafen: nichts. Kein Gefühl, keine Empathie, keine Scham. Nichts. Die Frau im schicken Hosenanzug vorn auf der Anklagebank schaut in die Runde der Nebenkläger, als die Anwesenheitsliste verlesen wird. Rund dreißig Menschen mit ihren Anwälten, alle Opfer der Terrorgruppe, der sie selbst angehörte. Alles Menschen, die Angehörige verloren haben, als Zschäpes Freunde mordend durch Deutschland zogen. Oder selbst verletzt wurden, als die beiden Männer Bomben legten.

Beate Zschäpe, die währenddessen in Zwickau das Haus hütete als Tarnung, schaut in diese Runde ihrer Opfer, fast neugierig. Nebenklägervertreter Sebastian Scharmer wird aufgerufen, Gamze Kubasiks Anwalt. "Mit Mandantin", sagt der. Zschäpe guckt.

Gamze Kubasik sitzt wie versteinert auf ihrem orangefarbenen Stuhl, eingeklemmt zwischen den langen braunen Tischen der Nebenklage unter der Besucherloge, verwirrt, perplex. Sie sitzt aufrecht in ihrer hellrosa Bluse, hat die Hände im Schoß liegen. Plötzlich ist auch bei ihr: nichts.

Kurz darauf ist der holprige Einstieg in den ersten Rechtsterrorprozess seit elf Jahren geschafft. Ein Prozess, dessen Dimension im Vorhinein mit jeder Woche Aufschub, mit jeder missglückten Platzvergabe ins Unermessliche zu wachsen schien - und plötzlich ganz klein wurde, angesichts der Paragraphen der Strafprozessordnung, die immer die gleichen sind - ob da ein Ladendiebstahl verhandelt wird oder eine bestialische, rassistische Mordserie.

Zschäpes Verteidiger Wolfgang Stahl hat einen Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Götzl gestellt. Die Sitzung wird unterbrochen. Dann soll Stahl seinen Antrag vorlesen, den er schon vor zwei Wochen hätte stellen können, es aber erst am letzten Samstag tat. Um 18:59 Uhr ging das Fax in der Geschäftsstelle des Senats ein, bearbeitet wurde er über das Wochenende vom Vorsitzenden Richter Götzl nicht.

Weil die Verteidiger durchsucht werden sollen, die Richter und die Bundesanwaltschaft aber nicht, fühlten sie sich "diskriminiert". Ein Nebenklageanwalt, Reinhardt Schön aus Köln, protestiert: Mit solch unnötigen Verzögerungen verlängere man das Leid der Opfer. Schnell ist klar: Die gestelzten Rituale eines Strafprozesses scheinen nicht recht zu passen zum Ausmaß der NSU-Taten.

Richter Götzl drängt Stahl, den Antrag vorzulesen. Er setzt damit den Ton für den langen Verhandlungstag: Er hat Zeit. Und er trifft keine schnellen Entscheidungen. Das überrascht angesichts einer ambitionierten Ladungsliste, auf der teilweise eine halbe Stunde pro Zeuge eingeplant ist. Vielleicht ist es seine Art, sich für die harsche Kritik zu rächen, die er in den vergangenen Wochen einstecken musste. Vielleicht will er nun alles besonders sorgfältig machen, sich keinen Fehler erlauben. Oft wird er anordnen, das Gericht möge sich zu geheimen Beratungssitzungen zurückziehen. Oft bleibt er länger als angekündigt hinter seiner Tür am Kopf des Saals.

Gamze Kubasik versteht das Ping-Pong-Spiel zwischen Gericht, Verteidigern, Nebenklägervertretern und Bundesanwaltschaft. Sebastian Scharmer hatte sie darauf vorbereitet. Er hatte sie gewarnt, dass manche Anträge, zum Beispiel auf Befangenheit, ganz am Anfang gestellt werden müssen und deshalb von der Verteidigung ein "Antragsgewitter" zu erwarten sei.

Doch was dann kommt, gleicht eher einem zähen Lavafluss. Obwohl Befangenheitsanträge nicht unbedingt im Gerichtssaal verlesen werden müssen, wird Götzl mit allen so verfahren.

Damit spielt er auch in die Hände der Gesinnungsverteidigung von Ralf W. Der als rechts geltende Anwalt Olaf Klemke fährt die klare Zermürbungsstrategie. Er stellt Ablehnungsgesuche gegen Richter Götzl und drei weitere Richter. Fordert einen dritten Pflichtverteidiger für Ralf W., den sie nicht zugeteilt bekamen, weil seine Mitverteidigerin Nicoles Schneiders und er vor Monaten erklärten, sie würden es allein schaffen. Und beschwert sich über die Zensur von Knastbriefen seines Mandanten, der Hakenkreuze in dem Buchstaben "F" versteckte.

Als Klemke nach gut einer Stunde fertig wird, sitzt Gamze Kubasik allein am braunen Tisch. Ihre Mutter Elif hat es nicht mehr ausgehalten. Sie hat den Monolog des Neonazi-Anwalts nicht länger ertragen können.

Richter Götzl unterbricht erneut. Es ist fast fünf Uhr, als er verkündet: Der Prozess wird bis nächste Woche ausgesetzt.

Für Gamze Kubasik ist da jetzt nicht mehr nichts. Sie ist am Morgen lächelnd in den Gerichtssaal gekommen, lieb und stark, wie sie eben ist. Jetzt verlässt sie ihn wütend.

Es wird sie viel Kraft kosten, wieder nach München zu kommen - wieder in der Hoffnung, dass dann endlich die Anklage verlesen wird. Und vielleicht etwas zu finden in den Augen von Beate Zschäpe.

Text: Lena Kampf

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