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NSU-Terrorzelle: Zwickau nach dem Tag X


"Hello Kitty"-Schuhe im Flur, Prosecco im Kühlschrank: Am 15. Verhandlungstag im NSU-Prozess geben Ermittler Einblick in das abgebrannte Versteck der Terrorzelle - und Beate Zschäpes altes Leben.
Die Überreste des Hauses in Zwickau, in der die drei Mitglieder der Terrorzelle gelebt haben
Die Überreste des Hauses in Zwickau, in der die drei Mitglieder der Terrorzelle gelebt haben
© Schwarz/Reuters

Das Spießige und das Paranoide zeigen sich schon an der Wohnungstür. Das Namensschild ist aus Messing, darauf ist "Dienelt" in Schnörkelschrift eingraviert. Unter diesem Namen lebten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt als Geschwisterpaar plus Freund in der Zwickauer Frühlingsstraße 26. Nur wenige Zentimeter neben dem Schild: Das Loch des Türspions. Dahinter war keine einfache Linse, sondern eine Überwachungskamera angebracht. Die Kabel sind noch deutlich zu sehen auf den Fotos, die an diesem 15. Prozesstag im Münchner Gerichtssaal gezeigt werden.

Fast anerkennend und höchst detailliert referiert der Zeuge L., Kriminalhauptwachtmeister, über die Trutzburg, die sich die drei NSU-Terroristen im zweiten Stock geschaffen hatten. "Hier sehen sie die Querriegel, rechts, links, zwei Bolzen, die rausgeschoben werden können", erklärt der Polizist die dreifach gesicherte Stahltür und hält den rechten Zeigefinger in die Luft: "Die Arretierung fährt vertikal ein." Auch die Kabelführung der zweiten Überwachungskamera am Fenster sei "ordnungsgemäß" in der Scheuerleiste verlegt worden, die Kamera steckte in einem Blumenkasten mit grünen Kunststoffpflanzen.

Flucht mit Bekennervideo und den Katzen Heidi und Lilly

Es sind rund 380 Farbfotos, diverse Skizzen und Zeichnungen mit denen der Zeuge den Zustand des Hauses nach Tag X erklärt. Der Tag also, an dem der Plan greifen würde, den die Rechtsterroristen vermutlich ausgeklügelt hatten. Ein Plan für den Fall, dass sie irgendwann auffliegen würden. Darin war wohl vorgesehen, dass die beiden Männer sich selbst töten würden. Und dass Beate Zschäpe das Erbe des NSU bekanntmachen würde. Es ist immer noch nicht ganz klar, wie Beate Zschäpe vom Tod ihrer Kameraden in dem Wohnmobil in Eisenach erfuhr. Sicher ist aber, dass sie irgendwann vor 15:08 Uhr am 4. November 2011 zehn Liter Benzin in der gemeinsamen Wohnung verteilte und ein Feuer entfachte. Vorher muss sie sich noch 15 DVDs mit dem NSU-Bekennervideo in die schwarze Handtasche gestopft und sich die beiden Katzen Heidi und Lilly unter den Arm geklemmt haben. Dann rannte sie hinaus, gerade noch rechtzeitig bevor das "Kraftstoff-Luft-Gemisch" explodierte. Ihrer Nachbarin rief sie noch zu: "Ruft die Feuerwehr!".

Sie war längst weg, als das Haus ausbrannte. Nachdem um 15:15 Uhr die Feuerwehr in der Frühlingsstraße ankam, habe man zunächst versucht, herauszufinden, wer sich noch im Haus befinden könnte, sagt L. Die Polizei habe das Melderegister bemüht. "Aber das stimmte natürlich nicht überein mit den Aussagen der Nachbarn" – Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe hatten sich selbstverständlich nicht im Bürgeramt registriert. Bis circa 22 Uhr habe man nach den beiden Männern gesucht, ob die zum Zeitpunkt der Explosion noch im Haus waren, konnten die Nachbarn nicht sagen. Keiner konnte wissen, dass die beiden längst tot waren – sie lagen in ihrem brennenden Wohnmobil im nur 180 Kilometer entfernten Eisenach.

Erst Tage später, erst als die elf Waffen aus dem Haus geborgen wurden und die Handschellen der Michele Kiesewetter, erst dann wurde der Brandort in der Frühlingsstraße zum Tatort.

Minutiös haben die Ermittler die Brandursache rekonstruiert, das wird an diesem Tag in München klar. In jede kleine Ecke haben sie hineinfotografiert, die Spürhunde zeigten ein "typisches Anzeigeverhalten" an den Stellen, an denen Beate Zschäpe Ottokraftstoff verteilt hatte. Beate Zschäpe war gründlich. Und dennoch fanden die Ermittler Tausende von Asservaten - viele davon relevant für die Anklage gegen Zschäpe als Mittäterin - die sie zunächst in Plastiktüten verpackten und in eine Polizeigarage transportierten. Dort legten sie sie fein säuberlich auf weißen Tüchern aus. Auch das schildert der Polizeizeuge L. dem Gericht.

Die Rekonstruktion, die Zeugenaussagen, die Spuren von Benzin an ihren Socken, als sie sich vier Tage später stellte: Zumindest die Brandstiftung wird Beate Zschäpe wohl nachgewiesen werden können. Die Schwere noch dazu, denn in der angrenzenden Wohnung saß ihre alte, gehbehinderte Nachbarin. Dicke Risse sind in der Wand ihres Wohnzimmers entstanden, Rauchgase in die Wohnung gekommen. Zeuge L. hat das mit roten Strichen auf die Fotos gemalt. Die Nachbarin hätte sterben können, ebenso wie zwei Bauarbeiter, die nur zufällig gerade Pause machten.

Beate Zschäpe sieht das Ausmaß der Zerstörung in dieser Form vermutlich auch zum ersten Mal. Sie sitzt zwischen ihren beiden Anwälten, hat ihre linke Hand an den Hals gelegt und schaut manchmal fast ergriffen auf die Bilder ihres brennenden Nests.

Fast 20 Monate ist es her, dass sie das Haus panisch verließ. Nun sieht sie die Schuhe ihrer toten Kameraden auf den Fotos und man möchte wissen, was das bei ihr auslöst. Fast wie ein Reiseleiter führt jetzt der Polizeizeuge Zschäpe durch ihr altes Leben - oder das was davon übrig blieb. "Wir begeben uns jetzt vom 'Brandbereich Küche' in den hinteren 'Brandbereich E', also Wohnzimmer", sagt er. Und dass der Flur im "beräumten Zustand" sei, Wände "durch den Ruß beaufschlagt". Sachlich, technisch wurde das Leben im Untergrund hier erfasst. Sportraum, Katzenzimmer, zwei "Schlafstellen", eins davon ein Hochbett. Wer wo und mit wem geschlafen hat, weiß nur Zschäpe. Sie soll von den Taten nichts gewußt haben, das ist die Strategie ihrer Verteidigung. Der Tresor jedoch, das betont der Polizist L. mehrmals, war "nachweislich geöffnet".

Wie eine Pension für Terroristen

Den Alltag des Trios kann sich ausmalen, wer die Bilder im Gericht betrachtet: Drei Elektrozahnbürsten im Bad, in dem alle Kacheln bei der Explosion von der Wand gefallen sind. Ein Blick in den Schuhschrank: Hello Kitty Sandalen und Tigerpuschen darin. Im Wohnzimmer sind Spiegel in Wellenform an der Wand, kleine Katzenklappen in der Tür. Die Einbauküche ist bis auf die Mikrowelle erhalten, man sieht ein verkohltes Gewürzregal, auf dem Küchentisch ein blaugestreiftes schmales Tischtuch, die Eckbank ist verschmort. Auf der Ablage steht noch ein Liter H-Milch, im teuren Kühlschrank ein Gurkenglas und zwei Flaschen Prosecco.

Es war ein gemütliches Zuhause, das sich Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt hier geschaffen hatten. Fast so etwas wie eine Pension für Terroristen: Seit April 2008 wohnten sie in der 125 Quadratmeter Wohnung im bürgerlichen Zwickau-Weißenborn. Von hier sind sie nicht mehr auf Mordtour gegangen, ihr letztes Opfer war Michele Kiesewetter im Jahr 2007. Von hier aus gab es für sie nur noch Urlaub und Bankraub.

Das alte, gelbe Siedlerheim, gebaut 1930, das die drei bewohnten, war der Stolz des Viertels. Hier fanden Nachbarschaftsgrillfeste statt, hier schenkte auch Beate Zschäpe Bier aus. Schon im Oktober 2007 kamen sie zur Besichtigung der sanierten Wohnung als "Geschwisterpaar Dienelt". Das Siedlerheim ist jetzt abgerissen. Die Stadt wollte keinen Pilgerort für Neonazis.

Die Bilder zeigen einen ausgebrannten Dachstuhl, Bauschutt und Bagger. Die Blätter an den Bäumen im kleinen Park waren teileweise noch grün, an anderen Stellen gelb und rot eingefärbt. Tag X war ein schöner, milder Herbsttag.

Text: Lena Kampf

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