Hebammen-Protest: Warum sie mehr verdienen müssen

Hebammen machen einen der wichtigsten Jobs in unserer Gesellschaft. Trotzdem können sie kaum von ihrer Arbeit leben. Autorin Anke Bastrop hat eine Petition gestartet, um die Politik endlich zum Handeln zu bewegen.

Update: Erfolg für die Petition "Hebammen brauchen höhere Vergütungen"
Die Schweriner Mutter Anke Bastrop und die 133.796 Unterstützer ihrer Petition haben es geschafft: Union und SPD vereinbarten am 20. November, sich in den nächsten vier Jahren für die Hebammen einzusetzen. In der aktuellen Version des Koalitionsvertrags heißt es: "Die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung mit Geburtshilfe ist uns wichtig. Wir werden daher die Situation der Geburtshilfe und der Hebammen im Speziellen beobachten und für eine angemessene Vergütung sorgen." Es ist das erste Mal, dass eine Petition zur Änderung eines Koalitionsvertrages führte. Sie wurde inzwischen beendet. Wie Sie die Hebammen ansonsten unterstützen können, erfahren Sie auch auf hebammenverband.de.

Eine bedrohte Art: Hebammen in Erfurt protestierten auf der Straße für bessere Bezahlung

Wenige Kinder kommen in Deutschland ohne die Hilfe einer Hebamme auf die Welt. Sie begleiten die Frauen vor der Geburt, während der Geburt und danach. Hebammen leisten so einen enormen Beitrag dafür, dass Familien gut in ihr neues Leben starten. Trotzdem wird ihnen die Arbeit in Deutschland schwer gemacht. Immer mehr Hebammen müssen ihren Beruf aufgeben, weil sie davon nicht mehr leben können. Neben den niedrigen Löhnen von 8,50 Euro pro Stunde ist für selbstständige Hebammen vor allem die Haftpflichtversicherung ein Problem. Die Beiträge stiegen seit 2010 um das Zehnfache, von 450 Euro auf 4.480 Euro im Jahr. Grund dafür sind höhere Kosten durch "Personenschäden". Heißt: Mehr Eltern klagen heute, wenn etwas bei der Geburt schiefläuft. Doch müssen diese Kosten allein die Hebammen tragen?

Nein, meint Anke Bastrop. Die Schriftstellerin und Mutter von zwei Kindern hat eine Petition gestartet, um bessere Vergütungen für Hebammen zu fordern. Die ersten 75.000 Unterschriften hat sie zusammen mit anderen Unterstützern an Karl Lauterbach (SPD) überreicht. Er leitet die Arbeitsgruppe Gesundheit und Pflege bei den aktuellen Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD. Lauterbach sicherte Bastrop zu, dass in der kommenden Legislaturperiode eine Lösung für den drohenden Zerfall des Hebammenwesens in Deutschland gefunden werden. "Wir wollen die Versicherung und die Abrechnung angehen und werden in den Koalitionsverhandlungen dieses Thema aufgreifen", so Lauterbach.

Mit BRIGITTE sprach Initiatorin Anke Bastrop darüber, warum Ärzte Hebammen nicht ersetzen können und was die Politik jetzt tun muss.

Anke Bastrop, 31, startete die Petition "Menschenwürde ist kein Ehrenamt – Hebammen brauchen höhere Vergütungen". Sie hat zwei Kinder und arbeitet in Schwerin als Schriftstellerin.

BRIGITTE: Sie haben zwei Kinder zur Welt gebracht. Warum war für Sie die Hebamme dabei so wichtig?

Anke Bastrop: Hebammen sind nicht nur für mich, sie sind für jede Gebärende und deren Familie, wenn Sie mich fragen, für die ganze Gesellschaft essentiell. Unsere Vorstellungen von einer Geburt sind von medialen Bildern geprägt, vor allem von Filmen, so dass viel zu oft nicht an Hebammen gedacht wird. Die Tendenz geht dahin, Geburt und Blaulicht gleichzusetzen. Eine Geburt ist aber keine Krankheit. Wir sprechen zu wenig darüber, es ist ein Tabu. Damit geht Wissen verloren.

Was machen Hebammen denn anders als die Ärzte?

Ärzte sind für etwas anderes ausgebildet, nämlich für die Behandlung von Krankheiten. Es ist ein Segen, dass sie für den Notfall da sind. Auch ich habe das erlebt. Und viele Gynäkologen haben meine Petition unterzeichnet. Es geht also nicht um den Unterschied "klinisch oder außerklinisch". Auch in Kliniken arbeiten Hebammen, wenn auch unter sehr ungünstigen Bedingungen. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass eine Hebamme die Elemente des Lebens erkennt, stärkt und hervorbringt. Sie kann die Eigenständigkeit jeder einzelnen Frau stärken. Sie kann aber auch erkennen, wann eine Frau bei einem Arzt besser aufgehoben ist. Die Arbeitsbereiche müssen sehr genau voneinander abgegrenzt und gegenseitig geschätzt werden. Sonst werden wir es in großem Stil erleben, dass gesunde Menschen pauschal in ein System überführt werden, das unter dem Aspekt Krankheit wahrnimmt und handelt. Das hätte gar nicht ausdenkbare Folgen. Eine Geburt hat mit Vertrauen zu tun. Sie ist ein hormoneller und von Gefühlen gesteuerter Vorgang. Deshalb ist es wichtig, dass die Frau wählen kann, unter welchen Umständen sie sich am besten entspannen kann. Wenn Hebammen aber in ihrer Autonomie geschwächt und gezwungen sind, die Geburtshilfe aufzugeben, haben Frauen keine Wahl. Ich zehre noch heute von der stärkenden Begleitung durch meine Hebamme. Sie hat Auswirkungen, auch auf meine Kinder. Offenbar unterschätzt unsere Gesellschaft aber die Bedeutung der Hebammen. Viele können von ihrem Beruf kaum noch leben. Woran liegt das?

Einerseits wird ihre Arbeit zu gering vergütet. Ihr Stundenlohn beträgt 8,50 Euro, das ist ein aufgerundeter Durchschnittswert. Abzüglich berufsbedingter Kosten und Steuern bewegen sie sich damit fast schon im Bereich des Ehrenamtes. Andererseits müssen sie sehr hohe Haftpflichtprämien zahlen. Es gibt Hebammen, die erzählen, sie würden ihrem Beruf nur noch aus Hingabe nachgehen, leben könnten sie davon nicht. Einige gehen nach Feierabend putzen, andere, die voll im Beruf stehen, bekommen Hartz IV. Ich habe dafür keine Worte. Was muss sich konkret ändern?

Es ist gesetzlich geregelt, dass über die Vergütung die Hebammenverbände mit dem Spitzenverband der Krankenkassen verhandeln. Seit einem Jahr gibt es eine Gesetzeserweiterung: Die Kostensteigerungen müssen berücksichtigt werden. Offensichtlich reicht das aber noch nicht. Vielleicht ist es der falsche Weg, die Dinge sich selbst zu überlassen. Auch die Haftpflichtversicherung muss von staatlicher Seite reguliert werden. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Prämie zu begrenzen. Einige europäische Länder haben etwa einen Fonds eingerichtet, der einen Teil der Versicherungsprämie für die Hebammen übernimmt. Mir persönlich leuchtet auch die Idee ein, Versicherungsprämien für einzelne Geburten zu erheben - aktuell muss jede Hebamme die gleiche Prämie zahlen, unabhängig davon, wie viele Geburten sie betreut. Diese Möglichkeiten muss die Politik prüfen.

Es gibt eine Arbeitsgruppe der Ministerien zum Thema Hebammen. Haben Sie das Gefühl, dass das Problem dort mit dem nötigen Nachdruck behandelt wird?

Die politische Aktivität ist sehr groß, es wird an verschiedenen Stellen hart für den Erhalt des Hebammenwesens gekämpft. Und ebenso gibt es viele Politiker, die immer wieder ausdrücken, dass sie sich für Hebammen einsetzen wollen. Aber: Die Politik entzieht sich de facto der Verantwortung - wo genau jetzt Worte auch Taten folgen müssen. Die Stabilisierung des Hebammenwesens gehört in den neuen Koalitionsvertrag. Das ist das Mindeste, was getan werden kann. Es ist eine große Chance, Farbe zu bekennen. Ich habe nicht den Eindruck, dass man verstanden hat, dass die Geburtshilfe in Deutschland sehr schnell kollabieren kann. Man kann Hebammen nicht ersetzen, es gibt kein Adäquat.

Mehr als 80.000 Menschen haben Ihre Petition unterschrieben. Die Bürger haben die Hebammen auf ihrer Seite, trotzdem fehlt ihnen die Lobby bei den Mächtigen. Ist das ein typisches Problem der "Frauen-Berufe"? Wehren wir uns zu wenig?

Es sollte nicht die Frage sein, ob es sich hier um ein Frauenproblem handelt. Wir sollten miteinander sprechen, wir alle. Ich habe nicht den Eindruck, dass wir das tun. Doch die Petition wurde von Frauen, Männern, Hebammen, Ärzten und vielen Anderen mehr unterschrieben. Das zeigt die Breite des Protests. Es muss ein Gefühl entstehen können für das, was da eigentlich geschieht. Erst dann können wir aktiv werden und uns wehren, das ist etwas Unaufhaltsames. Und darin liegt eine große Kraft. In anderen europäischen Ländern, etwa Italien, gibt es gar keine Hebammen-Betreuung für Mütter. Ist es ein Luxus, den sich Deutschland womöglich bald nicht mehr leisten kann?

Und in Schottland ist das Hebammenwesen in den letzten Jahren ganz bewusst gestärkt worden. Es geht nicht um Luxus, ganz im Gegenteil. Die Grundversorgung muss gewährleistet werden. Wir sind ein Entwicklungsland, was das angeht. Es wäre armselig, unzureichende Grundversorgung als Luxus zu bezeichnen.

Was wären die Folgen, wenn Mütter keine Hebammen-Betreuung mehr hätten?

Das will ich mir nicht ausmalen. Allerdings sind viele schlimme Folgen auch schon real. Frauen gebären auf Parkplätzen oder im Auto, weil die Wege zur nächsten Klinik zu weit sind. In Kliniken werden die Frauen allein gelassen, weil man Personal spart und die Hebammen mehrere Gebärende gleichzeitig betreuen müssen. Man lässt eine Geburt nicht mehr so lange dauern, wie sie naturgemäß dauert. Stellen Sie sich Wöchnerinnen mit Geburtsverletzungen und Unsicherheiten im Umgang mit ihren Neugeborenen vor! Wir müssen im Lebensmodus denken können, nicht im Überlebensmodus.

Interview: Michèle Rothenberg Artikel aktualisiert am 20.11.

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