"Co2-neutral", "biologisch abbaubar" - was heißt das eigentlich genau?

Cradle-to-Cradle, Sharity, nachwachsende Rohstoffe … Wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht, hört man immer wieder bestimmte Begriffe. Aber weißt du  auch, was genau dahintersteckt?

"Aus 100 Prozent nachwachsenden Rohstoffen"

Einwegverpackungen, etwa Joghurtbecher, aus nachwachsenden Rohstoffen? Ja, das gibt es – zum Beispiel wird der Kunststoff Polylactid (PLA) aus Maisstärke hergestellt. Aber: Diese Verpackungen sparen in der Herstellung zwar Erdöl, aber "dadurch sind sie nicht automatisch umweltfreundlich", sagt Abfallexperte Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Schließlich wird dieser pflanzliche Rohstoff unter dem Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln extra angebaut und häufig um die halbe Welt verschifft.

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Deutlich besser wäre die Umweltbilanz, wenn die Biokunststoffe aus ohnehin anfallendem Biomüll wie Kartoffel- oder Orangenschalen hergestellt würden. Das ist technisch möglich, rechnet sich aber für die Hersteller (noch) nicht. Trotzdem gilt der Grundsatz: Mehrweg ist immer besser als Einweg – auch wenn der Wegwerfbecher tatsächlich aus nachwachsenden Rohstoffen besteht.

"Biologisch abbaubar"

Wenn eine Plastiktüte oder ein Kugelschreiber als "biologisch abbaubar" gekennzeichnet ist, heißt das keineswegs, dass das Produkt sich zu 100 Prozent zersetzen muss. Um die Vorgaben einzuhalten, reichen 90 Prozent – und selbst das klappt nur, wenn Wärme und Feuchtigkeit ideal sind." Landen biologisch abbaubare Kunststoffe in der Biotonne oder im Gelben Sack, werden sie in der Regel als Störstoff aussortiert", sagt Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe. Letztendlich werden daher auch biologisch abbaubare Kunststoffe nach Gebrauch einfach zu Müll, nicht zu Kompost.

"CO2-neutral"

Klingt grün und das soll es auch, wird jedoch leider sehr oft als irreführende Werbeaussage missbraucht. Wenn Energie als "CO2-neutral" beworben wird, bedeutet das lediglich oft nichts anderes als: Atomstrom. Wirklich ökologischer Strom stammt dagegen aus erneuerbaren Energiequellen, zu beziehen z. B. von greenpeace-energy.de.

"Cradle-to-Cradle (C2C)"

Ein Leben ohne Abfall – das ist die Denkschule der "Cradle-to-Cradle"-Bewegung, was übersetzt "von der Wiege zur Wiege" bedeutet. Das Prinzip haben der deutsche Professor für Verfahrenstechnik, Michael Braungart, und der US-Architekt William McDonough entwickelt. Sie meinen damit Produkte, die weder gesundheits- noch umweltschädliche Inhaltsstoffe enthalten und die deshalb entweder vollständig kompostierbar sind oder zu neuen Produkten verarbeitet werden können. Beispiele aus der Industrie gibt es bereits: Häuser, die vollständig aus Massivholz gebaut sind, ohne Leim, Kunst- oder Dämmstoffe; oder komplett kompostierbare T-Shirts. Seit einigen Jahren gibt es auch ein C2C-Zertifikat.

"Kontrollierter/ integrierter Anbau"

Das klingt fast nach ökologischem Anbau, bedeutet aber in Wirklichkeit: gar nichts. Die Begriffe "kontrolliert" und "integriert" sind nicht geschützt, jeder kann sie verwenden – und daher auch selbst definieren, was er darunter versteht. Im Gegensatz dazu sind "bio" und "öko" gesetzlich geschützte Begriffe: Mindestens einmal jährlich wird von externer Stelle kontrolliert, ob die Bioproduzenten die EU-Öko-Verordnung eingehalten haben. Darin ist festgelegt, dass keine chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel, kein mineralischer Dünger und keine Gentechnik eingesetzt werden. Zudem ist eine tiergerechte Haltung mit Auslauf vorgeschrieben.

"Nachhaltiger Tourismus"

Gemeint ist damit eine möglichst umwelt- und sozialverträgliche Form des Reisens: Nachhaltig Reisende gehen sparsam mit Ressourcen wie Wasser um, beeinflussen die Natur am Zielort möglichst wenig und passen sich an die dortige Kultur an. Eindeutige Kriterien oder Kontrollen gibt es allerdings nicht, weshalb sich jedes Hotel, jede Destination und jeder Reiseanbieter mit den Begriffen "sanfter" oder "nachhaltiger" Tourismus schmücken kann. Es lohnt sich also, genau nachzufragen. Aus Umweltsicht ist vor allem die Anreise zum Urlaubsort problematisch: Der weltweite Tourismus verursacht etwa fünf Prozent der gesamten Treibhausgas-Emissionen.

"Share Economy"

Statt alle Dinge neu zu kaufen und sie wegzuwerfen, wenn wir sie nicht mehr brauchen, kann man sie auch leihen, verleihen und tauschen – also mit anderen teilen, so das Prinzip der "Share Economy". Wer seinen Nachbarn nicht direkt fragen will, ob er seinen Bohrer verleiht, kann sich auf einer Internet-Plattform wie www.fairleihen.de (Berlin) oder www.frents.com austauschen. Am liebsten werden übrigens Bücher und Essen ausgetauscht bzw. geteilt, wie eine Schweizer Studie ergab.

"Recycling"

Echtes Recycling bedeutet mehr, als aus alten PET-Flaschen Parkbänke zu machen: Es setzt voraus, dass aus den Stoffen mindestens gleichwertige Produkte hergestellt werden. "Setzen wir sie niederwertig ein, sind sie irgendwann verbraucht und können nicht mehr genutzt werden", erklärt Kerstin Kuchta, Professorin am Institut für Umwelttechnik und Energiewirtschaft der TU Hamburg-Harburg. Gleichwertiges Recycling ist bei Glas, Metall und eingeschränkt auch bei Papier selbstverständlich geworden – so wird aus dem Marmeladenglas wieder ein Marmeladenglas.

Ganz anders ist das allerdings bei Kunststoffen: Aus dem Joghurtbecher wird kein neuer Joghurtbecher, denn viele Materialien im Gelben Sack bestehen aus Kunststoffmischungen, was für die Wiederverwertung ein Problem ist. "Dieser Müll wird im Wesentlichen verbrannt", sagt Kerstin Kuchta. "Immerhin wird daraus Strom oder Wärme produziert." Dies wird im Werbesprech "thermisches Recycling" genannt – auch wenn es mit richtigem Recycling nichts zu tun hat.

"Grundwasserschonend"

Deutschland tut zu wenig, um seine Gewässer zu schützen. Problematisch sind vor allem die hohen Stickstoffwerte in Böden und Gewässern, verursacht durch Überdüngung: "In Regionen mit intensiver Tierhaltung wie teilweise in Niedersachsen und in Nordrhein-Westfalen gibt es zu viel Gülle für zu wenig Fläche", sagt Christian Rehmer, Agrarexperte beim Umweltschutzverein BUND. Die Folgen: zu hohe Nitratwerte im Grundwasser – um es als Trinkwasser zu nutzen, muss es von den Wasserwerken stellenweise mit viel Aufwand und hohen Kosten aufbereitet werden.

Ein neues, lang umstrittenes Düngerecht soll die EU-Vorgaben umsetzen und unser Wasser besser schützen. Agrarexperte Rehmer empfiehlt zur Grundwasserschonung eine Form der Tierhaltung, wie sie für Biohöfe bereits Vorschrift ist: Die Zahl der Nutztiere soll an die vorhandene Fläche angepasst werden, zudem sollen Stroh-Einstreu und Auslauf, optimalerweise auf der Weide, für alle Landwirte verbindlich sein. Grundwasserschonend bedeutet auch: Die Gülle zum richtigen Zeitpunkt ausbringen, also nicht im Herbst und Winter, wenn die Pflanzen nicht mehr wachsen und die Nährstoffe gar nicht mehr aufnehmen können. 

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BRIGITTE-Spezial 2/2018

Wer hier schreibt:

Monika Herbst
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