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Sensible Sprache Darf man eigentlich "behindert" sagen oder nicht?

Behinderung als Schimpfwort: Mund mit Pflaster zugeklebt
© Martin Allinger / Shutterstock
BRIGITTE-Redakteurin Antje Kunstmann hat eine behinderte Tochter. Eigentlich eine abwertende, diskriminierende Bezeichnung – oder? Das wird nicht nur am Familientisch diskutiert.

"Das sagt man aber nicht", sagte meine Tochter. Und dann: "Das bin ich doch selbst." Die Schwester hatte da gerade beim Abendbrot erzählt, dass sie den unangekündigten Vokabeltest "voll behindert" fand. Unter Jugendlichen ein gängiges Schimpfwort.

Vermutlich ist mir der Begriff auch deswegen, sagen wir mal, etwas suspekt. Dazu kommt, dass die Rassismus-Debatte auch mich dafür sensibilisiert hat, wie sehr schon Worte diskriminieren können. Aber gilt das auch für "Behinderung"?

Wir sollten uns den Begriff "behindert" wieder aneignen

Offiziell ist der Begriff noch sehr präsent: Es gibt den Schwerbehindertenausweis, Behindertenbeauftragte in Bund und Ländern und Behindertenparkplätze. Aber immer öfter erlebe ich, dass vor allem Leute, die mit behinderten Menschen arbeiten, darum herumlavieren. Deshalb beschließe ich, die Betroffenen selbst zu fragen. "Das Wort hat sich leider verselbstständigt und taugt als Beleidigung, weil ‚behindert sein‘ eben als schlechter sozialer Status angesehen ist", sagt Rebecca Maskos, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule Bremen im Bereich Disability Studies. "Aber diese Sicht sollten wir nicht übernehmen, sondern uns den Begriff wieder aneignen." Der sei nämlich "einfach gut und treffend. Behinderung ist kein rein individuelles Geschehen, das nur in meinem Körper verortet ist, sondern auch ein soziales", sagt Rebecca Maskos, die "Glasknochen" hat. "Ich werde eben auch behindert, zum Beispiel als Rollstuhlfahrerin von physischen Barrieren oder von Einstellungen und Vorbehalten anderer."

Auch in der WHO-Behindertenrechtskonvention wird unterschieden zwischen Beeinträchtigung (englisch "impairment") und Behinderung ("disability"). Wie stark beides zusammenfällt, hängt auch von technischen Ressourcen ab: "Weil Brillen leicht zugänglich und nicht stigmatisiert sind, ist eine Sehbeeinträchtigung bis zu einem gewissen Grad bei uns keine Behinderung. In anderen Kulturen oder früheren Zeiten aber schon." Rebecca Maskos zieht darum "behinderter Mensch" vor: "Das unterstreicht noch mehr das Soziale, bei ‚Mensch mit Behinderung‘ geht es eher um ein körperliches Merkmal."

Warum drumherum reden?

Aber sind Ersatzbegriffe wie "Handicap", "Menschen mit besonderen Bedürfnissen" oder "besonderes Kind" , wie Eltern wie ich oft sagen, nicht dezenter? "Warum muss man da etwas verdecken", sagt Rebecca Maskos. Natürlich sei es richtig, sich mit Sprache und ihrer Wirkung zu beschäftigen. "Und vergleichbar mit der Diskussion um People of Color und das N-Wort ist auch, dass die meisten bestimmte Begriffe nicht mehr benutzen."

"Krüppel" etwa oder "Mongo" für Menschen mit Downsyndrom. "Aber bei ,Behinderung‘ geht die Diskussion in die falsche Richtung. Es gibt einen klaren Unterschied zur Debatte um rassistische Sprache: Die meisten Betroffenen finden die Bezeichnung okay."

Das Vermeiden betrifft oft auch den Kontakt

Natürlich gibt es Ausnahmen: Die Schülerin Hannah Kiesbeye etwa gestaltete sich einen "Schwer-in-Ordnung"-Ausweis; mittlerweile kann eine derart bedruckte Ausweishülle in einigen Bundesländern beantragt werden. Und es gibt Gehörlose, die sich lieber als sprachliche Minderheit bezeichnen. Katja Lüke, Referentin für Inklusion beim Deutschen Olympischen Sportbund, sagt trotzdem:

Meiner Erfahrung nach tun nicht behinderte Menschen sich mit dem Wort deutlich schwerer.

In ihren Workshops herrsche oft Erleichterung, sobald sie, die nach einer inkompletten Querschnittslähmung auf den Rollstuhl angewiesen ist, selbst das Wort ausgesprochen hat. "Dann wissen alle, dass sie darüber reden können."

Woher aber kommt diese Unsicherheit? "Im Grunde steckt dahinter die Ansicht, dass behinderte Menschen leiden und dass man dieses Leiden vergrößert, wenn man etwas im Umgang mit ihnen falsch macht. Das ist natürlich teilweise richtig, wir sind oft benachteiligt. Aber wir sind ja nicht ausschließlich Opfer, sondern erleben in unserem Leben negative wie positive Dinge", sagt Rebecca Maskos.

Und oft ist es dann nicht nur ein Wort – das Vermeiden betrifft auch den Kontakt an sich. Rebecca Maskos erlebt häufig, dass nicht mit ihr, sondern ihrer Begleitung geredet wird. Berührungsängste, die auch Katja Lüke kennt: "Ich weiß jeden Tag, welche Diagnose ich habe, was ich kann und was ich nicht kann. Es fällt mir ja nicht erst wieder ein, wenn jemand mich darauf anspricht."

Wir reden über behinderte Menschen statt mit ihnen

Dass die richtige Bezeichnung vor allem auf einer Seite diskutiert wird, ist dabei wiederum typisch: Wir reden über behinderte Menschen statt mit ihnen. Rebecca Maskos fürchtet, dass so andere Diskriminierungen aus dem Blick geraten: "Momentan beobachte ich einen Überschwang: Wenn wir nur richtig reden, ändert sich die Gesellschaft. Das würde ich aber hinterfragen."

"Ich bin behindert", hat unsere Tochter von sich aus noch nie gesagt. Warum auch? Sie sagt: "Ich kann schlecht sehen", "Ich habe Cochlea-Implantate", "Mathe ist blöd". Schlimm findet sie das Wort nicht. Schlimmer findet sie, dass sie in der Schule gerade nur Ausbildungen für "Menschen mit Behinderung" durchnehmen, dass ihr für ihr erstes Praktikum wohl nur die "Werkstatt für behinderte Menschen" bleibt. Sie merkt immer mehr, was es bedeutet, anders zu sein. Das ist schmerzhaft. Wir haben an dem Abend zumindest das getan, was wir tun konnten: gemeinsam beschlossen, dass der Ausdruck als Schimpfwort in der Familie tabu ist.

Antje Kunstmann zählte früher oft Diagnosen auf, wenn es um ihre Tochter ging. Inzwischen sagt sie meist nur: "Sie hat eine Behinderung." Das Schweigen, das dann meist eintritt, hat sie gelernt auszuhalten. Wer gern mehr wüsste, sich aber nicht zu fragen traut, ist selbst schuld, findet sie.

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BRIGITTE 06/2021

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