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Curvy ist nicht gleich curvy Bei Größe 46 ist häufig Schluss: Schließt Mode Menschen aus?

Tanja Marfo
Tanja Marfo
© HM-Studios
Dass eine Größe bei drei unterschiedlichen Hosen komplett anders ausfallen kann, das kennen wahrscheinliche viele. Doch je größer die Konfektion wird, desto mehr Probleme scheint die Modewelt damit zu haben, passende Kleidung auf den Markt zu bringen. Warum es nicht reicht, "normale" Modelle einfach in groß zu produzieren, warum Mode viele ausschließt und was wir ändern müssen – darüber haben wir mit Plus-Size-Bloggerin Tanja Marfo gesprochen.

Die Content-Creatorin Tanja Marfo aus Hamburg zeigt sich auf ihrem Instagram Kanal @kurvenrausch in vielen Facetten. Auf dem einen Bild strahlt sie in die Kamera und hält überglücklich ihren Verlobungsring in die Kamera, im nächsten Video kämpft sie mit den Tränen, weil sie erzählt, wie sie von einem älteren Herren im Supermarkt verbal attackiert wurde – Bodyshaming ist das tägliche Brot von dicken Menschen. Und trotzdem setzt sich Marfo für die dicken Menschen in dieser Gesellschaft ein, will mehr Sichtbarkeit schaffen und eine Akzeptanz für alle Körper, damit genau so etwas wie im Supermarkt nicht noch einmal passiert.

Tanja Marfo setzt sich für eine Veränderung in der Plus Size Modewelt ein

Tanja Marfo ist in der Modewelt zu Hause. Fast täglich zeigt sie neue Looks, bei denen andere sagen würden: "Wie mutig, dass du das trägst", was im Übrigen kein Kompliment ist. Die BRIGITTE hat mit ihr über die Modewelt im Plus Size Bereich gesprochen. Mode sollte für alle da sein, sagt sie. Und vor allem sollten alle Körper gezeigt werden, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt.

BRIGITTE: Frau Marfo, wo liegt eigentlich die Durchschnittsgröße einer deutschen Frau?

Tanja Marfo: Die deutsche Durchschnittsfrau hat die Größe 42/44 und trotzdem wird so getan, als wäre es das Normalste auf der Welt eine 38 zu tragen. Bevor ich mich mit der Thematik beschäftigt habe, dachte ich auch immer Größe 38 wäre das Maß aller Dinge und die typische, durchschnittliche Größe.

Bis zu welcher Größe kann man denn noch einigermaßen gut einkaufen?

Die deutsche Durchschnittsfrau kann so bis Größe 50 noch gut einkaufen. Darüber hinaus wird es dann schwierig. Es kommt aber immer auf die Marken an und wie die Teile ausfallen. Teilweise wird es schon bei Größe 46 schwierig. Das Problem ist, dass es kein einheitliches Größensystem gibt. Du kannst vier Hosen in Größe 54 kaufen und alle fallen anders aus – eine geht nicht über den Hintern und die andere schlackert an den Beinen.

Das ist ja grundsätzlich ein Problem, egal in welcher Größe. Was glauben Sie, woran liegt das?

Frauen sind einfach unterschiedlich geformt. Gerade bei den großen Größen macht sich das bemerkbar. Frauen, die alle eine 54 tragen, können komplett unterschiedlich aussehen. Die eine hat mehr Hüfte und Beine, die andere mehr Bauch oder Oberweite.

Mittlerweile sieht man immer mehr Marken, die auch große Größen anbieten. Ist das ein Fortschritt?

Tendenziell schon. Doch manche ziehen einfach nur nach – häufig ohne das Verständnis für dicke Körper. Schnitte einfach hoch zu gradieren – also zeitsparendes Vergrößern beziehungsweise Verkleinern des Prototyps, das funktioniert meistens nicht. In Amerika ist es teilweise einfacher, Kleidung zu bekommen, die auch an unterschiedlichen Körpern gut aussieht. Denn ein Kleid, das bei einem Model mit Größe 46 gut aussieht, sieht durch unterschiedliche Proportionen an einer größeren Konfektion teilweise komplett anders aus.

Im stationären Handel sind viele große Größen Kollektionen sogar rausgeflogen oder generell nicht erhältlich, kaufen dicke Menschen denn tatsächlich weniger in Geschäften ein?

Gezwungener Maßen, ja. Mir wurde schon häufiger von Verkäufer:innen erklärt, dass andere Kund:innen im "normalen" Konfektionsbereich die großen Größen nicht in den Geschäften wollen. Beispielsweise war ich zusammen mit meinem Sohn einkaufen und fragte den Verkäufer bei "Jack and Jones", wo denn die großen Größen seien. Er meinte zu mir: "Ja, die gibt es im Handel, aber nicht hier – hier geht das Sortiment nur bis zu einer bestimmten Größe." Alles darüber hinaus würde Kund:innen verwirren. Daher würden diese Stücke in einem Spezialgeschäft geführt. Bei Adidas ist das genauso. Gerade für junge Leute ist das ein Unding, in Spezialgeschäfte für ältere Herrschaften zu gehen, nur weil die regulären Größen zu kurz oder zu klein sind. Daher habe ich für mich entschieden, nicht darauf zu hoffen, in zwei Läden der Einkaufsstraße was zu finden, sondern lieber online zu shoppen. Sollte ich stationär etwas finden, dann supporte ich ganz klar den lokalen Handel.

Sind denn dicke Menschen zumindest bei Plus Size Labels sichtbar?

Nein. Teilweise. Es gibt Marken, die machen über 50 Prozent Umsatz mit großen Größen, zeigen sie aber nicht auf den Seiten oder im Katalog oder auf Instagram. Und würden wir als Plus Size Blogger:innen nicht da sein, dann gäbe es kaum eine Sichtbarkeit von dicken Menschen. Jede:r sollte einmal bei seinen Lieblingsbrands etwas tiefer graben und schauen, ob sie wirklich vielfältig sind oder nur oberflächlich so tun. Denn bei vielen Marken ist eher "ein bisschen dick, ein bisschen alt, ein bisschen Schwarz, ein bisschen beeinträchtigt, aber ja nicht zu viel Diversität drin". Die reale Gesellschaft abbilden? Nein, danke. Normschönheit muss trotzdem sein.

Was genau meinen Sie mit Normschön?

Es gab zum Beispiel ein Bravo Girl Cover mit insgesamt fünf Mädchen drauf, eine war "normal" – auch wenn ich das Wort nicht mag –, eine war etwas dicker, eine hatte etwas dunklere Haut, eine war ein wenig maskulin und eine hatte ein Kopftuch. Sie waren also ein wenig divers, aber alle waren geschminkt und krass retuschiert – somit einfach schön. Also quasi die gesellschaftlich noch als schön angesehenen Mädchen, die einen gewissen Standard erfüllen. Ich möchte, dass die Mode und Modelle mutiger wird und die Gesellschaft abbildet, wie sie ist – aktuell ist eine riesige Diskrepanz zwischen Laufsteg und Gesellschaft. Und bitte nicht vergessen: Poren sind was ganz Normales.

Das heißt Mode schließt Menschen aus?

Ganz genau. Eine große Anzahl an Menschen wird einfach nicht mitgedacht. Natürlich hat auch Mode wie auf der Fashion Week seine Berechtigung. Diese Perfektion der Models, alle tragen die gleiche Größe, das ist Kunst. Aber Mode ist halt mehr als das. Und es gibt Designer, die zeigen, dass es geht. Christian Siriano war einer der Ersten, der Frauen wie Ashley Graham oder Whoopi Goldberg ausgestattet hat, als kein anderer es wollte. Für mich bedeutet Mode aber Teilhabe an der Gesellschaft.

Wo fängt das Thema mitdenken Ihrer Meinung nach denn an?

Schon an den Modeschulen. Dort gibt es eine Schneiderpuppe in Größe 34/36 und das war es. Wenn du größere Größen machen willst, musst du dir deine eigene Puppe mitbringen. Und meist wird einem gesagt, dass man es sich nicht leicht macht, wenn alle oder ausschließlich Große Größen machen will.

Gerade in Deutschland scheinen viele noch immer ein Problem damit zu haben, wenn dicke Menschen im Fernsehen oder eben in den sozialen Medien auftreten. Eine Tess Holiday in den USA wird gefeiert und hat Millionen Follower:innen. Sind wir einfach zu prüde?

Hier ist das Thema Dicksein noch sehr mit Gesundheit verknüpft. Daher haben viele Angst vor einem Shitstorm, wenn sie sich positionieren. Viele Brands wollen einfach diese Gesundheitsdebatte nicht führen. Viele sind sehr ambivalent. Auf der einen Seite sagen sie: Komm zu uns, bei uns findest du, was du suchst in allen Größen, aber zeigen wollen wir dich nicht. Sie geben damit den Menschen, die bei ihnen einkaufen, kein Gesicht und schon wieder verschwinden dicke Menschen im Nichts. Sie zeigen dann lieber ein Standard-Model mit einer 42/44, aber es ist wieder eine Normschönheit mit perfekten Kurven.

Ab welcher Konfektionsgröße gilt man denn als Plus Size Model?

Manchmal schon ab 40. In den Katalogen sieht man viel 42 und 44 mal eine 46.

Dann ist die Durchschnittsfrau ja generell Curvy oder Plus Size.

Ja, das ist ein selbsterschaffenes Problem der Modebranche. Letztlich finden Plus Size Kataloge ohne Plus Size Frauen statt. Das ist ein mega Problem. Die Marken sollten dazu stehen, was sie sind, was sie machen und vor allem für wen sie das machen. Ganz ehrlich: Wenn ich das Gefühl habe, man zeigt mich nicht, man will mich nicht, ich bin denen egal, dann kaufe ich bei diesen Marken nicht ein. Wir sollten unsere Macht und Geldkraft als Verbraucher:innen wirklich nicht unterschätzen.

Wir haben jetzt viel von Frauen gesprochen, aber wenn man sich die regulären Größen für Männer ansieht, dann fällt auf, dass eine 4XL völlig normal ist. Haben wir also auch eine Diskrepanz zwischen Frauen- und Männergrößen, ab wann man als Plus Size gilt?

Absolut. Ich habe in einem Gespräch mit Bugatti mal gefragt, ob die auch große Größen machen. Ja, natürlich würden sie das machen, sie hätten doch damals auch Helmut Kohl eingekleidet. Es war eine Selbstverständlichkeit. Männer haben auch ihr Päckchen zu tragen, wie ich bereits erzählte, gibt es gerade im stationären Handel auch keine riesige Auswahl, aber trotzdem ist es bei Männern etwas anderes. Die Akzeptanz, auch größere Größen im normalen Sortiment zu haben, ohne es als Plus Size zu deklarieren, ist eine andere. Da muss man nur auf die Oline-Seiten schauen. Bei Frauen ist da meist ein eigener Reiter für große Größen, bei Männern findet man den nicht, weil die regulären Größen angepasst sind.

In der Modewelt gibt es viele Mythen: Keine Streifen tragen, das macht dick, weite Sachen anziehen, das kaschiert. Was hältst du davon?

Nichts. Wenn ich weite Sachen trage, dann nimmt mir das alle Figürlichkeit. Ich trage lieber an meinen Körper gut angeschmiegte Sachen. Ich habe ja trotz aller Weiblichkeit und Voluminösität noch eine Figur und die möchte ich auch zeigen. Kommentare zum Kleidungsstil sollte man eh vermeiden. So Aussagen wie: "Das tut nichts für sie sind einfach problematisch. Ich habe neulich zum Beispiel ein beigefarbenes Ensemble getragen, wo man deutlich meinen Bauch gesehen hat. Auf Instagram habe ich das gezeigt und mir schrieb jemand: "Ich bin enttäuscht von dir". Der Kontext von: Ich trage ein Modestück und du bist enttäuscht, hat sich mir da überhaupt nicht erschlossen. Wie kann ich denn jemanden enttäuschen? Worte können schlimmes anrichten, deswegen sollte man sensibler damit umgehen. Wenn ich mich an all die fiesen Ratschläge von teilweise völlig Fremden gehalten hätte, würde ich jetzt einen schwarzen Kartoffelsack tragen.

Brigitte

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